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Dienstag, 7. Juli 2026

Gottfried Benn 70. Todestag


Gottfried Benn starb vor 70 Jahren am 7. Juli 1956 in Berlin.

Gottfried Benn war einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller und Dichter des 20. Jahrhunderts. Er gilt als Dichter der Moderne zwischen Nihilismus und Neuer Sachlichkeit sowie als unpolitischer Ästhet.

Der Mitbegründer des literarischen deutschen Expressionismus stellte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die herkömmliche Vorstellung von Lyrik radikal in Frage. Seine Darstellung der Banalität und Vergänglichkeit der menschlichen Existenz war eine echte Provokation.

Was kann der Dichter mit der Welt anfangen? - Der Dichter Benn hat mit seinem geistigen Expressionismus den kalten Hauch der Medizin und die kalte medizinische Terminologie in die Lyrik gebracht. Als angehender Pathologe und Arzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten veröffentlichte er 1912 seine erste Gedichtsammlung »Morgue« *.

Darin zeichnete er die Welt als "Krebsbaracke" und versetzte der Zivilisation vor dem Ersten Weltkrieg einen kräftigen Stoß.
Dieser Band wurde von der Avantgarde gefeiert, da er die herkömmliche Form der Lyrik inhaltllich und durch seinen Umgang mit der Sprache radikal in Frage stellte.

Seine schonungslos genauen Beschreibungen von Krankheit und Tod provozierten, aber sie faszinierten bei aller Kälte der Beobachtung durch die Form, die surreale Sprache mit ihrer Sogwirkung.

Die Gedichte dieser Sammlung hatten einen bestimmenden Einfluss auf die expressionistische deutsche Lyrik. Dies gilt auch für die Novellensammlung "Gehirne", die um den Arzt Dr. Rönne, ein Alter Ego Benns, kreisen. 1930 schrieb er zusammen mit dem Komponisten Paul Hindemith das Oratorium »Das Unaufhörliche«.

Benn traute allein der Dichtung, nicht zuletzt seiner eigenen, die Kraft der Erlösung zu - symptomatisch hierfür ist sein Diktum: "Am Anfang war das Wort und es wird auch am Ende sein." An ein persönliches Glück glaubte der Melancholiker Benn dagegen nicht, geschweige denn an einen Sinn der Geschichte.

Wie viele Dichter hatte auch Benn als unpolitischer Ästhet keine glückliche politische Haltung eingenommen.  Sein antibürgerliches und antikapitalistisches Ressentiment hat Benn dazu verleitet, einen autoritären Staat und sogar terroristische Gewalt zu bejahen. Benn war nicht nur ein stiller Sympathisant, sondern unterstützte vor allem durch Radio-Essays die Politik Hitlers tatkräftig.

NS-Zeit Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten dann der Sündenfall: Benn bejahte den neuen Staat und hielt Hitler für einen grossen Staatsmann. Der Dichter der Moderne diente sich den Nazis an und verhöhnte die Emigranten.

Benn ließ im Jahr 1933 zu einer uneinsichtigen Auffassung hinreißen und bereute es ein Jahr später bitter: Im "Dritten Reich" sah er zunächst den Aufbruch in ein Zeitalter, in dem sich endlich das Elementare wieder Bahn bricht. Benn war nicht nur ein stiller Sympathisant, sondern unterstützte vor allem durch Radio-Essays die Politik Hitlers tatkräftig.

Anders als Ernst Jünger, der sich 1933 allen nationalen Appellen in die Provinz entzog, meinte ausgerechnet der unpolitische Ästhet und Kassenarzt Gottfried Benn 1933 «die Geschichte» sprechen zu hören. »Halte dich nicht auf mit Widerlegungen und Worten, habe Mangel an Versöhnung, schließe die Tore, baue den Staat!«, trompetete er 1933 ins nationalsozialistische Horn. Überraschend für alle literarischen Zeitgenossen der Weimarer Zeit war der kalte Intellektualist Benn in die Fänge der warmen Volksgemeinschaft geraten.

Benn hatte sich in einer Rundfunkansprache im April 1933 für den neuen deutschen Staat ausgesprochen, zu dem es, nach dem Debakel der Weimarer Republik, keine politische Alternative gab.

Gottfried Benn. Genie und Barbar Mit seiner unkritischen Einstellung zum Nationalsozialismus diskredierte er seinen Ruf. Nach seinem politischen Fehltritt gab Benn, der eine militärärztliche Ausbildung erhalten hatte, 1935 seine private Praxis für Haut- und Geschlechtskrankheiten auf und kehrte zur Armee zurück - für ihn war dies "die aristokratische Form der Emigration".

Nachdem Benn selber 1936 von den Nazis attackiert und später mit Schreibverbot belegt wurde, wandte er sich schon bald vom Nationalsozialismus ab und ging er in die innere Emigration. 1938 wurde Benn aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen und erhielt Schreibverbot.

Gottfried Benn Obwohl er sich schon bald vom Nationalsozialismus abwandte und diesen in Briefen kritisierte, ist der Vorwurf der politischen Blindheit für die Einschätzung seiner Bedeutung gravierend gewesen.

1945 kehrte der Arzt und Lyriker Benn nach Berlin zurück und begann wieder mit seiner Tätigkeit als Arzt. Seine Frau Herta hatte sich am 2. Juli auf der Flucht vor den eindringenden russischen Truppen das Leben genommen.

Seit dem Herbst 1948 durfte Benn wieder in Deutschland veröffentlichen. Zuerst erschien jedoch im Schweizer Arche-Verlag der Band »Statische Gedichte«. Der Verleger Max Niedermayer hatte die Druckerlaubnis in Deutschland erwirken können.

„Wenn man wie ich die letzten fünfzehn Jahre lang von den Nazis als Schwein, von den Kommunisten als Trottel, von den Demokraten als geistig Prostituierter, von den Emigranten als Überläufer, von den Religiösen als pathologischer Nihilist öffentlich bezeichnet wird, ist man nicht so scharf darauf, wieder in die Öffentlichkeit einzudringen..." (1949).

In den folgenden Jahren der frühen Bundesrepublik erlebte Benn einen rasanten Aufstieg. 1949 erschienen vier Bücher von Benn. Mit der Verleihung des Büchner-Preises 1951 fand seine Karriere ihren vorläufigen Höhepunkt.

Der dichtende Doktor Benn erlebte erst 1948 mit der in der Schweiz erschienene Gedichtsammlung »Statische Gedichte«, gefolgt von »Der Ptolemäer« (1949), den wirklichen Durchbruch. Die Gedichtsammlung »Statische Gedichte« begründete seinen späten Ruhm.

Im Literaturbetrieb der Adenauer-Zeit nahm Benn durch seine Publikationen eine Sonderstellung ein.

Gottfried Benn litt seit Beginn des Jahres 1956 sehr unter Schmerzen, deren Ursache jedoch erst kurz vor seinem Tod eindeutig festgestellt wurde (Knochenkrebs). Er starb nur wenige Wochen nach seinem 70. Geburtstag am 7. Juli 1956 in Berlin und liegt auf dem Waldfriedhof in Berlin-Dahlem begraben.

Gottfried Benn wurde am 2. Mai 1886 in Mansfeld in Brandenburg als Sohn eines evangelischen Pfarrers geboren.

* Morgue = Pariser Leichenschauhaus

Weblinks:

Gottfried Benn Gesellschaft - www.gottfriedbenn.de

Gottfried Benn - Der dichtende Doktor - www.stuttgarter-zeitung.de

Gottfried Benn - Kultiversum - www.kultiversum.de

Gottfried Benn-Biografie - Biografien-Portal www.die-biografien.de

Gottfried Benn-Zitate - Zitate-Portal www.die-zitate.de

Sonntag, 5. Juli 2026

Vor 175 Jahren erschien »Onkel Toms Hütte«

Onkel Toms Hütte Onkel Toms Hütte


Vor 175 Jahren erschien »Onkel Toms Hütte« - ein aufwühlender Roman zwischen Kampfschrift und Kitsch. Nachdem am 5. Juli 1851 in einer Zeitschrift das erste Kapitel von Harriet Beecher Stowes Roman »Onkel Toms Hütte« erschienen war, wurde der Roman zum weltberühmten Besteller. Unter schwarzen Bürgerrechtlern geriet Onkel Tom dagegen zum Schimpfwort.

Mitte des 19. Jahrhunderts, als in Deutschland literarisch Biedermeier und Vormärz bestimmten, verfasste die Pfarrerstochter Harriet Beecher-Stowe im Jahr 1852 einen tief berührenden Roman, der zu gleichen Teilen die Unmenschlichkeit der Sklaverei in den Vereinigten Staaten und das Unvermögen der Gesellschaft, sich von dieser zu befreien, in seinen Mittelpunkt stellt.

Ihr bekanntestes aufrüttelndes Buch »Onkel Toms Hütte« (1852) entstand nach Reise in die Südstaaten und beschreibt als erstes Werk der damaligen Zeit klar und deutlich die Differenzen zwischen beiden Staatsregionen. Gegen die Intention der Autorin trug das Buch zum Ausbruch des Bürgerkriegs bei.



Als der Farmbesitzer Mr. Shelby aus Kentucky in Schulden und Zahlungsschwierigkeiten gerät, muss er sich schweren Herzens von einigen seiner wertvollsten Besitztümer trennen. Notgedrungen verkauft er seinen treuen und gutherzigen Sklaven Tom, so wie das Kind seines reizenden Hausmädchens an einen dubiosen Sklavenhändler namens Haley. Obwohl seine Familie Einspruch gegen den Verkauf des geliebten "Onkel Tom" und den unmoralischen Umstand, ein knapp fünfjährigen Kind seiner Mutter zu entreißen, erhebt, kommt der Deal zustande.

Während die Mutter des Kindes, wie auch dessen Vater kurz zuvor, sich für eine risikoreiche Flucht aus dem sicheren Hafen in Richtung Kanada entscheidet, begibt sich Tom auf eine langjährige Odyssee und lernt zahlreiche Facetten der Sklaverei, vom Dienst in einer feinen Familie in New Orleans bis hin zum harten Los des Plantagenarbeiters irgendwo am sumpfigen Red River, kennen. In welche Situation er auch immer gerät, in seiner zerknautschten Bibel findet er stets Trost und predigt deren Inhalte gegenüber seinen Leidensgenossen, die aus der christlichen Botschaft, trotz aller Widersprüche zur Sklaverei, stets Mut und Zuversicht ziehen. Doch seine Rolle wird nicht von allen in seinem Umfeld gerne gesehen und so gerät er ins Visier der unmenschlichen Sklaventreiber und in den Sog der Ohnmacht einer ganzen Gesellschaftsstruktur.

Anhand des Schicksals "Onkel Toms", der durch eine ganze Reihe von Besitzern, die charakterlich kaum unterschiedlicher sein könnten, gereicht wird, offenbaren sich zahlreiche Auswüchse der "Unsitte" der Sklavenhaltung. Neben den erwartbaren Darstellungen des harten Alltag der Sklaven, widmet sich Beecher-Stowe aber auch vielen religionsphilosophischen und vor allem gesellschaftspolitischen Gedankengängen, die ehrlicher kaum sein könnten. Ein Beispiel: In einer fast schon nebensächlichen Szene offenbart ein Nutznießer der Sklaverei, dass es den "Nordstaaten" - der Sezessionskrieg ist noch einige Jahre entfernt - wohl kaum gefallen werde, wenn man im Süden den Forderungen der Abolitionisten - diejenigen, die für die sofortige Abschaffung der Sklaverei waren - unverzüglich nachkäme und man dann mit einer wahren Flüchtlingswelle rechnen müsse, die sich nachhaltig auf die Gesellschaftsstruktur des Nordens auswirken würde.

Die Autorin legt hier den Finger in eine historisch sicher nicht zu vernachlässigende Wunde, welche die Vorwürfe, es handele sich bei "Onkel Toms Hütte" um ein fast schon zu "romantisches" Werk, mit einseitigem Blick auf die "bösen" Sklavenstaaten, wunderbar entkräftet. Natürlich trägt der Umstand, dass es sich bei der vorliegenden dtv-Fassung um die ungekürzte Ausgabe handelt, sicher maßgeblich dazu bei und man kommt nicht daran vorbei festzustellen, dass die langzeitige Vereinnahmung des Werkes als Kinderliteratur mehr als unzureichend und eigentlich sogar unwürdig war.

Der Roman ist, dem Stil der damaligen Zeit entsprechend, oft ausschweifend, aber auch voll tiefschürfender Theologie. Nicht zuletzt aufgrund der universellen Gültigkeit zahlreicher Aussagen, ist "Onkel Toms Hütte" auch im 21. Jahrhundert noch ein wertvolles Stück Literaturgeschichte.

Literatur:

Onkel Toms Hütte Onkel Toms Hütte von Harriet Beecher-Stowe

Freitag, 26. Juni 2026

Ingeborg Bachmann 100. Geburtstag

Ingeborg Bachmann


Ingeborg Bachmanns Geburtstag jährt sich am 25. Juni zum 100. Mal. Ingeborg Bachmann wurde am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren. Lyrikerin, Erzählerin, Essayistin.

Im Alter von 11 Jahren erlebte Ingeborg Bachmann den Einmarsch von Hitlers Truppen in ihrem Heimatort Klagenfurt. Das Trauma der abrupt verlorenen Kindheit überwand sie nie.

Ihr Leben lang schrieb sie mit kraftvoller Poesie für eine bessere Gesellschaft und gegen die Unterdrückung des Individuums. Im Lieben und in der Suche nach dem Glück war sie so kompromißslos wie in ihrem Schreiben.



1952 nahm die Lyrikerin an ihren ersten Lesung bei der »Gruppe 47« teil. Sie wurde mit vielen Lieraturpreisen ausgezeichnet: Bremer Literaturpreis, Hörspielpreis, Georg-Büchner-Preis, Großer Österreichischer Staatspreis, Anton-Wildgans-Preis.

Ingeborg Bachmann ist vielen mehr durch den berühmten Literaturpreis Österreichs bekannt oder vor allem als Lyrikerin.


Der Ton ihres Schaffens erinnert in den mythologischen Anklängen ein wenig an Christa Wolfs "Kassandra" oder an den feierlichen Ton klassizistischer Lyrik, etwa Schiller oder Hölderlin. Nicht selten entsteht beim Lesen eine Sogwirkung, da sich hinter dem prosaischen Zauber mehr, weit mehr zu verbergen scheint, als nur das geschriebene Wort. Bachmanns Charaktere reichen weit in die Tiefe, es fehlt also auch nicht an psychologischem Potenzial der Figuren.



Nach der Trennung von Max Frisch und einem psychischen Zusammenbruch zog Bachmann zunächst nach Berlin und 1965 nach Rom, wo sie weiter an ihrem vermutlich 1962 begonnenen Todesarten-Projekt arbeitete. Über Jahre entwarf sie neue Konzepte für den Zyklus, ohne ein Buch abschließen zu können, und geriet immer mehr unter den Druck der Verleger. 1970, zehn Jahre nach ihrem ersten Prosaband »Das dreißigste Jahr«, erschien »Malina« in ihrem neuen Verlag Suhrkamp.

Sie lebte nach Aufenthalten in München und Zürich viele Jahre in Rom, wo sie am 17. Oktober 1973 starb. Zwei Jahre vor ihrem Tod veröffentlichte sie ihren einzigen Roman "Malina", ein stark autobiografisch geprägtes Buch.

Weblinks:

Ingeborg Bachmann-Biografie - Biografien-Portal - www.die-biografien.de

Ingeborg Bachmann-Zitate - Zitate-Portal - www.die-zitate.de

Donnerstag, 11. Juni 2026

»Der Abend« von Joseph von Eichendorff



Schweigt der Menschen laute Lust:
Rauscht die Erde wie in Träumen
Wunderbar mit allen Bäumen,
Was dem Herzen kaum bewusst,
Alte Zeiten, linde Trauer,
Ach, es schweifen leise Schauer
Wetterleuchtend durch die Brust.

Bayerischer Wald Fotos Bilder


»Der Abend« von Joseph von Eichendorff



Video:

"Der Abend" von Joseph Freiherr von Eichendorff - Youtube

Samstag, 23. Mai 2026

»Die Leiden des jungen Werther« von Johann Wolfgang Goethe

Werther


Goethes »Werther« ist neben dem »Faust« das berühmteste Werk des großen Weimarer Klassikers und nicht umsonst einer der meist gelesenen Romane der deutschsprachigen Literatur überhaupt. Von unvergleichlicher Schönheit und Melancholie ist die Dreiecksgeschichte um Werther, Lotte und Albert. Eine ergreifende Erzählung von Liebe, Jugend und Schmerz. (Fassung von 1787)

Die Leiden des jungen Werthers, im Herbst 1774 anonym erschienen und als authentisches Konvolut von Briefen eines Selbstmörders aus Liebe sich gebend, mischen die literarische Szene der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in bis dahin ungekannter Weise auf.

Werther ist gar nicht melancholisch, er ist blind vor Liebe. Er sieht die Dinge so, wie er sie gerne haben will und nicht so, wie sie sind. Wer musste nicht schon einmal im Leben die Erfahrung machen, sich in jemanden verguckt zu haben? Er sollte mal besser hingucken, dann würde er nämlich sehen, daß seine angebetete Lotte längst mit dem Albert zusammen ist.



"Die meisten verarbeiten den größten Teil der Zeit, um zu leben, und das bisschen,
das ihnen von Freiheit übrig bleibt, ängstigt sie so, dass sie alle Mittel aufsuchen,
um es los zu werden."


Johann Wolfgang von Goethe, »Die Leiden des jungen Werther«


Und genau genommen nicht nur die literarische Szene, wird in der zeitgenössischen Erstrezeption dieses provokant über alle Konventionen sich hinwegsetzenden Textes seine Literarizität doch vielfach gerade übersprungen.

Hinter der in der Rezeption gefeierten, verdammten oder einfach nur als Wirkung erfahrenen Unmittelbarkeit des Werther, die auch Werther selbst in seinen Briefen nicht müde wird zu beschwören, steht ein aufs raffinierteste kalkuliertes Kunstwerk eines gerade einmal fünfundzwanzigjährigen Autors.

Werther steht mit ausgebreiteten Armen am Abgrund und ruft: »Hinab! Hninab!«

Literatur:

Die Leiden des jungen Werther
Die Leiden des
jungen Werther
von Johann Wolfgang Goethe

Mittwoch, 20. Mai 2026

»Der Erlkönig« von Johann Wolfgang von Goethe


Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? -
Siehst Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron und Schweif? -
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. -

"Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
Gar schöne Spiele spiel ich mit dir;
Manch bunte Blumen sind an dem Strand,
Meine Mutter hat manch gülden Gewand."

Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht? -
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
In dürren Blättern säuselt der Wind. -

"Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
Meine Töchter sollen dich warten schön;
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen und singen dich ein."

Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düstern Ort? -
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau:
Es scheinen die alten Weiden so grau. -

"Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt."
Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan! -

Dem Vater grauset's, er reitet geschwind,
Er hält in den Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
In seinen Armen das Kind war tot.

»Der Erlkönig« von Johann Wolfgang von Goethe (1788)



Video:

Der Erlkönig - Youtube

Samstag, 16. Mai 2026

»Mailied« von Johann Wolfgang von Goethe



Wie herrlich leuchtet
mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne!
Wie lacht die Flur!

Es dringen Blüten
aus jedem Zweig
und tausend Stimmen
aus dem Gesträuch.

Und Freud und Wonne
aus jeder Brust.
O Erd, o Sonne!
O Glück, o Lust!

O Lieb, o Liebe!
So golden schön,
wie Morgenwolken
auf jenen Höhn!

Du segnest herrlich
das frische Feld,
im Blütendampfe
die volle Welt.

O Mädchen, Mädchen,
wie lieb ich dich!
Wie blinkt dein Auge!
Wie liebst Du mich!

So liebt die Lerche
Gesang und Luft,
und Morgenblumen
den Himmelsduft,

wie ich dich liebe
mit warmem Blut
die du mir Jugend
und Freud und Mut

zu neuen Liedern
und Tänzen gibst.
Sei ewig glücklich,
wie du mich liebst!

»Mailied« von Johann Wolfgang von Goethe