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Sonntag, 5. Juli 2026

Vor 175 Jahren erschien »Onkel Toms Hütte«

Onkel Toms Hütte Onkel Toms Hütte


Vor 175 Jahren erschien »Onkel Toms Hütte« - ein aufwühlender Roman zwischen Kampfschrift und Kitsch. Nachdem am 5. Juli 1851 in einer Zeitschrift das erste Kapitel von Harriet Beecher Stowes Roman »Onkel Toms Hütte« erschienen war, wurde der Roman zum weltberühmten Besteller. Unter schwarzen Bürgerrechtlern geriet Onkel Tom dagegen zum Schimpfwort.

Mitte des 19. Jahrhunderts, als in Deutschland literarisch Biedermeier und Vormärz bestimmten, verfasste die Pfarrerstochter Harriet Beecher-Stowe im Jahr 1852 einen tief berührenden Roman, der zu gleichen Teilen die Unmenschlichkeit der Sklaverei in den Vereinigten Staaten und das Unvermögen der Gesellschaft, sich von dieser zu befreien, in seinen Mittelpunkt stellt.

Ihr bekanntestes aufrüttelndes Buch »Onkel Toms Hütte« (1852) entstand nach Reise in die Südstaaten und beschreibt als erstes Werk der damaligen Zeit klar und deutlich die Differenzen zwischen beiden Staatsregionen. Gegen die Intention der Autorin trug das Buch zum Ausbruch des Bürgerkriegs bei.



Als der Farmbesitzer Mr. Shelby aus Kentucky in Schulden und Zahlungsschwierigkeiten gerät, muss er sich schweren Herzens von einigen seiner wertvollsten Besitztümer trennen. Notgedrungen verkauft er seinen treuen und gutherzigen Sklaven Tom, so wie das Kind seines reizenden Hausmädchens an einen dubiosen Sklavenhändler namens Haley. Obwohl seine Familie Einspruch gegen den Verkauf des geliebten "Onkel Tom" und den unmoralischen Umstand, ein knapp fünfjährigen Kind seiner Mutter zu entreißen, erhebt, kommt der Deal zustande.

Während die Mutter des Kindes, wie auch dessen Vater kurz zuvor, sich für eine risikoreiche Flucht aus dem sicheren Hafen in Richtung Kanada entscheidet, begibt sich Tom auf eine langjährige Odyssee und lernt zahlreiche Facetten der Sklaverei, vom Dienst in einer feinen Familie in New Orleans bis hin zum harten Los des Plantagenarbeiters irgendwo am sumpfigen Red River, kennen. In welche Situation er auch immer gerät, in seiner zerknautschten Bibel findet er stets Trost und predigt deren Inhalte gegenüber seinen Leidensgenossen, die aus der christlichen Botschaft, trotz aller Widersprüche zur Sklaverei, stets Mut und Zuversicht ziehen. Doch seine Rolle wird nicht von allen in seinem Umfeld gerne gesehen und so gerät er ins Visier der unmenschlichen Sklaventreiber und in den Sog der Ohnmacht einer ganzen Gesellschaftsstruktur.

Anhand des Schicksals "Onkel Toms", der durch eine ganze Reihe von Besitzern, die charakterlich kaum unterschiedlicher sein könnten, gereicht wird, offenbaren sich zahlreiche Auswüchse der "Unsitte" der Sklavenhaltung. Neben den erwartbaren Darstellungen des harten Alltag der Sklaven, widmet sich Beecher-Stowe aber auch vielen religionsphilosophischen und vor allem gesellschaftspolitischen Gedankengängen, die ehrlicher kaum sein könnten. Ein Beispiel: In einer fast schon nebensächlichen Szene offenbart ein Nutznießer der Sklaverei, dass es den "Nordstaaten" - der Sezessionskrieg ist noch einige Jahre entfernt - wohl kaum gefallen werde, wenn man im Süden den Forderungen der Abolitionisten - diejenigen, die für die sofortige Abschaffung der Sklaverei waren - unverzüglich nachkäme und man dann mit einer wahren Flüchtlingswelle rechnen müsse, die sich nachhaltig auf die Gesellschaftsstruktur des Nordens auswirken würde.

Die Autorin legt hier den Finger in eine historisch sicher nicht zu vernachlässigende Wunde, welche die Vorwürfe, es handele sich bei "Onkel Toms Hütte" um ein fast schon zu "romantisches" Werk, mit einseitigem Blick auf die "bösen" Sklavenstaaten, wunderbar entkräftet. Natürlich trägt der Umstand, dass es sich bei der vorliegenden dtv-Fassung um die ungekürzte Ausgabe handelt, sicher maßgeblich dazu bei und man kommt nicht daran vorbei festzustellen, dass die langzeitige Vereinnahmung des Werkes als Kinderliteratur mehr als unzureichend und eigentlich sogar unwürdig war.

Der Roman ist, dem Stil der damaligen Zeit entsprechend, oft ausschweifend, aber auch voll tiefschürfender Theologie. Nicht zuletzt aufgrund der universellen Gültigkeit zahlreicher Aussagen, ist "Onkel Toms Hütte" auch im 21. Jahrhundert noch ein wertvolles Stück Literaturgeschichte.

Literatur:

Onkel Toms Hütte Onkel Toms Hütte von Harriet Beecher-Stowe

Freitag, 26. Juni 2026

Ingeborg Bachmann 100. Geburtstag

Ingeborg Bachmann


Ingeborg Bachmanns Geburtstag jährt sich am 25. Juni zum 100. Mal. Ingeborg Bachmann wurde am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren. Lyrikerin, Erzählerin, Essayistin.

Im Alter von 11 Jahren erlebte Ingeborg Bachmann den Einmarsch von Hitlers Truppen in ihrem Heimatort Klagenfurt. Das Trauma der abrupt verlorenen Kindheit überwand sie nie.

Ihr Leben lang schrieb sie mit kraftvoller Poesie für eine bessere Gesellschaft und gegen die Unterdrückung des Individuums. Im Lieben und in der Suche nach dem Glück war sie so kompromißslos wie in ihrem Schreiben.



1952 nahm die Lyrikerin an ihren ersten Lesung bei der »Gruppe 47« teil. Sie wurde mit vielen Lieraturpreisen ausgezeichnet: Bremer Literaturpreis, Hörspielpreis, Georg-Büchner-Preis, Großer Österreichischer Staatspreis, Anton-Wildgans-Preis.

Ingeborg Bachmann ist vielen mehr durch den berühmten Literaturpreis Österreichs bekannt oder vor allem als Lyrikerin.


Der Ton ihres Schaffens erinnert in den mythologischen Anklängen ein wenig an Christa Wolfs "Kassandra" oder an den feierlichen Ton klassizistischer Lyrik, etwa Schiller oder Hölderlin. Nicht selten entsteht beim Lesen eine Sogwirkung, da sich hinter dem prosaischen Zauber mehr, weit mehr zu verbergen scheint, als nur das geschriebene Wort. Bachmanns Charaktere reichen weit in die Tiefe, es fehlt also auch nicht an psychologischem Potenzial der Figuren.



Nach der Trennung von Max Frisch und einem psychischen Zusammenbruch zog Bachmann zunächst nach Berlin und 1965 nach Rom, wo sie weiter an ihrem vermutlich 1962 begonnenen Todesarten-Projekt arbeitete. Über Jahre entwarf sie neue Konzepte für den Zyklus, ohne ein Buch abschließen zu können, und geriet immer mehr unter den Druck der Verleger. 1970, zehn Jahre nach ihrem ersten Prosaband »Das dreißigste Jahr«, erschien »Malina« in ihrem neuen Verlag Suhrkamp.

Sie lebte nach Aufenthalten in München und Zürich viele Jahre in Rom, wo sie am 17. Oktober 1973 starb. Zwei Jahre vor ihrem Tod veröffentlichte sie ihren einzigen Roman "Malina", ein stark autobiografisch geprägtes Buch.

Weblinks:

Ingeborg Bachmann-Biografie - Biografien-Portal - www.die-biografien.de

Ingeborg Bachmann-Zitate - Zitate-Portal - www.die-zitate.de

Donnerstag, 11. Juni 2026

»Der Abend« von Joseph von Eichendorff



Schweigt der Menschen laute Lust:
Rauscht die Erde wie in Träumen
Wunderbar mit allen Bäumen,
Was dem Herzen kaum bewusst,
Alte Zeiten, linde Trauer,
Ach, es schweifen leise Schauer
Wetterleuchtend durch die Brust.

Bayerischer Wald Fotos Bilder


»Der Abend« von Joseph von Eichendorff



Video:

"Der Abend" von Joseph Freiherr von Eichendorff - Youtube

Samstag, 23. Mai 2026

»Die Leiden des jungen Werther« von Johann Wolfgang Goethe

Werther


Goethes »Werther« ist neben dem »Faust« das berühmteste Werk des großen Weimarer Klassikers und nicht umsonst einer der meist gelesenen Romane der deutschsprachigen Literatur überhaupt. Von unvergleichlicher Schönheit und Melancholie ist die Dreiecksgeschichte um Werther, Lotte und Albert. Eine ergreifende Erzählung von Liebe, Jugend und Schmerz. (Fassung von 1787)

Die Leiden des jungen Werthers, im Herbst 1774 anonym erschienen und als authentisches Konvolut von Briefen eines Selbstmörders aus Liebe sich gebend, mischen die literarische Szene der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in bis dahin ungekannter Weise auf.

Werther ist gar nicht melancholisch, er ist blind vor Liebe. Er sieht die Dinge so, wie er sie gerne haben will und nicht so, wie sie sind. Wer musste nicht schon einmal im Leben die Erfahrung machen, sich in jemanden verguckt zu haben? Er sollte mal besser hingucken, dann würde er nämlich sehen, daß seine angebetete Lotte längst mit dem Albert zusammen ist.



"Die meisten verarbeiten den größten Teil der Zeit, um zu leben, und das bisschen,
das ihnen von Freiheit übrig bleibt, ängstigt sie so, dass sie alle Mittel aufsuchen,
um es los zu werden."


Johann Wolfgang von Goethe, »Die Leiden des jungen Werther«


Und genau genommen nicht nur die literarische Szene, wird in der zeitgenössischen Erstrezeption dieses provokant über alle Konventionen sich hinwegsetzenden Textes seine Literarizität doch vielfach gerade übersprungen.

Hinter der in der Rezeption gefeierten, verdammten oder einfach nur als Wirkung erfahrenen Unmittelbarkeit des Werther, die auch Werther selbst in seinen Briefen nicht müde wird zu beschwören, steht ein aufs raffinierteste kalkuliertes Kunstwerk eines gerade einmal fünfundzwanzigjährigen Autors.

Werther steht mit ausgebreiteten Armen am Abgrund und ruft: »Hinab! Hninab!«

Literatur:

Die Leiden des jungen Werther
Die Leiden des
jungen Werther
von Johann Wolfgang Goethe

Mittwoch, 20. Mai 2026

»Der Erlkönig« von Johann Wolfgang von Goethe


Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? -
Siehst Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron und Schweif? -
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. -

"Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
Gar schöne Spiele spiel ich mit dir;
Manch bunte Blumen sind an dem Strand,
Meine Mutter hat manch gülden Gewand."

Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht? -
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
In dürren Blättern säuselt der Wind. -

"Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
Meine Töchter sollen dich warten schön;
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen und singen dich ein."

Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düstern Ort? -
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau:
Es scheinen die alten Weiden so grau. -

"Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt."
Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan! -

Dem Vater grauset's, er reitet geschwind,
Er hält in den Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
In seinen Armen das Kind war tot.

»Der Erlkönig« von Johann Wolfgang von Goethe (1788)



Video:

Der Erlkönig - Youtube

Samstag, 16. Mai 2026

»Mailied« von Johann Wolfgang von Goethe



Wie herrlich leuchtet
mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne!
Wie lacht die Flur!

Es dringen Blüten
aus jedem Zweig
und tausend Stimmen
aus dem Gesträuch.

Und Freud und Wonne
aus jeder Brust.
O Erd, o Sonne!
O Glück, o Lust!

O Lieb, o Liebe!
So golden schön,
wie Morgenwolken
auf jenen Höhn!

Du segnest herrlich
das frische Feld,
im Blütendampfe
die volle Welt.

O Mädchen, Mädchen,
wie lieb ich dich!
Wie blinkt dein Auge!
Wie liebst Du mich!

So liebt die Lerche
Gesang und Luft,
und Morgenblumen
den Himmelsduft,

wie ich dich liebe
mit warmem Blut
die du mir Jugend
und Freud und Mut

zu neuen Liedern
und Tänzen gibst.
Sei ewig glücklich,
wie du mich liebst!

»Mailied« von Johann Wolfgang von Goethe



Donnerstag, 7. Mai 2026

Existenzialismus in den Romanen von Max Frisch




Die existenzialistische Philosophie ist für das Werk von Max Frisch von zentraler Bedeutung. Dabei zeigt sich, dass in verschiedenen Phasen seines Schaffens jeweils andere existenzialistische Strömungen im Vordergrund standen.

Wenn von Existenzialismus im Werk von Max Frisch die Rede ist, so denkt  man dabei wohl in erster Linie an den  Stiller , der durch sein Kierkegaard - Motto am eindeutigsten  auf  existenzialistisches Gedankengut Bezug  nimmt.  Die  entschei dende  Frage  scheint  dann  zu  sein,  inwieweit  Frisch  den  religiösen  Implikationen  in  Kierkegaards  Denken  folgt  bzw.  ob  der  Roman überhaupt so eng auf dieses beziehbar ist, wie  es  das Motto nahe  zu legen scheint.

Außer Acht gelassen wird dabei, dass Frisch sich bereits in seinem frühen, erstmals 1943 erschienenen Roman Die Schwierigen  (überarb.  Fassung  1957) aufexistenzialistisches Gedankengut bezogen  hat, sich dabei jedoch stärker auf Nietzsche als auf Kierkegaard gestützt hat. Vor diesem Hintergrund ist die entscheidende Frage nicht, welche Rolle die Kierkegaard - Rezeption für Frischs Romane der 50er Jahre spielt, sondern wie es dazu kommen konnte, dass Frisch nach; seinen konsequent nicht - metaphysischen Anfängen auf diesen dezidiert religiösen  Denker zurück - gegriffen hat.

Dieser Frage soll im Folgenden nachgegangen werden, ehe  in einem zweiten Schritt auf die Diskussion um die Kierkegaard - Rezeption  in  Frischs späteren Werken ein gegangen wird. Daran anschließen werden  sich Überlegungen zur  möglichen  Bedeutung  anderer existenzialistisch ori - entierter  Denker  für  Frischs  Werk,  ehe  auf  die  Bedeutung  von  Frischs  Existenzialismus - Rezeption für d en Gesamtzu sammenhang seines Werkes  sowie  – in  einem  umfassenderen  Sinn  – für  die  Untersuchung  der  Beziehungen zwischen Literatur und Philosophie eingegangen wird.

Betont werden muss zunächst, dass sich Kierkegaard und Nietzsche zwar  in  der  Beantwortung  der  Frage  nach  der  Möglichkeit  und  Bedeutung  des  christlichen  Glaubens  radikal  voneinander  unterscheiden,  dass  aber  die  Fragwürdigkeit des Glaubens für beide ein  – im Falle Kierkegaards  der  – zentrale  Impuls  ihres  Denkens  war.  Von  Karl  Jaspers  wird  Kierk egaard  denn  auch "neben  Nietzsche  gestellt" (Richter  1960:  171) .

Ein  weiterer  Grund  hierfür  ist,  dass  beide  (in  Abgrenzung  zu  den  Hegelianern)  einen  radikal  auf  die  menschliche  Existenz  b ezogenen  Neua nsatz  des  Denkens  postuliert haben .  Der Schritt vom ein en zu dem anderen Denker erscheint  demnach  auf  der  formalen  Ebene  weit  weniger  groß  als  auf  der  inhaltli - chen.  Dennoch  fällt  – geht  man  von  Passagen  des  Stiller  aus,  in  denen  etwa  die  Selbstannahme  mit  einem  "Schritt  in  den  Glauben"  verknüpft  wird (s.u.)  – auf den ersten Blick vor allem der Abstand ins Auge, der die  3 lebensphi losophisch  inspirierten  Schwierigen  von  F rischs  späteren  Roma - nen trennt.

Weblink:

Existenzialismus in den Romanen von Max Frisch

https://rotherbaron.com/2016/04/10/existenzialismus-in-den-romanen-von-max-frisch/