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Samstag, 10. Dezember 2022

»Die Zeit und die Räume« Peter Handke

Die Zeit und die Räume: Notizbuch. 24. April – 26. August 1978


Anlässlich des 80. Geburtstags des Nobelpreisträgers von Peter Handke ist eines seiner Notizbücher erstmals vollständig in einer Transkription der Handschrift veröffentlicht wurde. Dieses Notizbuch mit Aufzeichnungen vom 24. April bis 26. August 1978 gewährt einen detaillierten und vielfältigen Einblick in Handkes Arbeit, in seinen ganz eigenen Zugang zur Welt und in Denkräume abseits von Geschwindigkeit und Tagesgeschehen.

Das Notizbuch aus dem Jahr 1978 dokumentiert vor allem eine ausgedehnte Reise, die Peter Handke im Sommer 1978 zu Fuß, mit dem Bus und per Bahn unternahm und die ihn von seiner Herkunftsgegend Kärnten nach Slowenien, in den Karst und weiter nach Norditalien führte.

Neben dem fortlaufend Niedergeschriebenen erweisen sich auch die vielen, teils ganzseitigen Zeichnungen als wichtige Vorarbeiten für die später erschienenen Erzählungen, insbesondere »Langsame Heimkehr« und »Die Wiederholung«.

Literatur: [ >> ]:

Die Zeit und die Räume: Notizbuch. 24. April – 26. August 1978
Die Zeit und die Räume: Notizbuch. 24. April – 26. August 1978
von Peter Handke

Mittwoch, 10. August 2022

»Mittwochs am Meer« von Alexander Oetker

Mittwochs am Meer



Alexander Oetker ist bisher nur von seinen schönen, Frankreich-Sehnsucht weckenden Krimis bekannt. Aber auch als Thriller-Autor hat er seine Fangemeinde. »Mittwochs am Meer« ist nun als Novelle ein ganz anderes Genre. Bestsellerautor Alexander Oetker erzählt von der großen Liebe in einer kleinen Pension am Meer.
Maurice van den Berge ist Insolvenzverwalter und jeden Mittwoch fährt er in die Bretagne um einen maroden Betrieb zu retten oder abzuwickeln. Je nachdem die Entwicklung verläuft. Eines Tages lernt er an der Hotelrezeption Dominique Vial kennen und es ist für beide Liebe auf den ersten Blick. Aber Dominique ist verheiratet, auch wenn ihr Mann nur sporadisch in Bretagne kommt. Und sie hat noch ein besonderes Geheimnis, das eng mit Maurice erster großer Liebe verknüpft ist.

Korrekt und zuverlässig, so ist Maurice. Jeden Mittwoch nimmt er denselben Zug nach Cancale, wird dort abgeholt, checkt im Hotel ein, geht zur Fabrik, arbeitet in seinem Büro und fährt am nächsten Tag wieder zurück nach Paris. Doch dieses Mal ist alles anders. Kein freies Zimmer mehr, eine andere Rezeptionistin und ein Liebesbrief verändern sein Leben. Der verlässliche Maurice wird vergesslich, er folgt nicht mehr strikt seiner Agenda und vergisst sogar seine Arbeit. An allem ist Dominique schuld, seine Affäre. Doch alles ist noch viel komplizierter als es auf den ersten Blick erscheint.

Die sommerlich leichte Liebesgeschichte, mit einer kleiner Brise Melancholie hat mir gefallen. Sie ist gekonnt und mit leichter Hand geschrieben. Charmant wird die Wandlung eines Menschen erzählt, der sich keine Gefühle mehr gestattet. Der sich in seine Arbeit vergräbt und dem es lange genügte, die Erwartungen seiner Eltern, seines Milieus zu erfüllen. Aber von einem Augenblick zu nächsten ist alles anders, sein Leben wird auf den Kopf gestellt. Es ist ein vom Umfang her kleiner Roman, an einem Sommernachmittag ausgelesen, aber eine Geschichte, die den Leser beschwingt zurücklässt.

Alexander Oetker baut den Spannungsbogen gekonnt auf. Seine Erzählung ist eine Offenbarung auf 176 Seiten. Am Anfang weiss man als Leser noch nicht, auf welche Geschichte man sich da einlässt, es hört sich zu Beginn mit der Zeichnung des peniblen Maurice so gar nicht als »Mittwochs am Meer« an. Als es soweit ist, eben »Mittwochs am Meer«, spürt man die Liebe der Protagonisten sowie die Zweifel und fragt sich, ob einer der beiden einen Fehler machen oder sich zurück ziehen wird und wie das Ganze wohl ausgehen wird - alles wäre möglich.

Am Ende wird der Leser, auch aufgrund persönlicher Rückblicke der Charaktere, überrascht von der Komplexität der Geschichte, die der Autor auf diesen wenigen Seiten zum Besten gibt.

Eine sehr schöne Novelle, in die die Leser mit allen Sinnen mit hineingezogen werden und die in einem überraschenden Finale gipfelt. Eine spannende Liebesgeschichte nicht nur für Lieberhaber der Bretagne. Und gegen Ende, bevor das Ganze im rosaroten Meer versinkt, gibt es eine überraschende Wendung.

Literatur:

Mittwochs am Meer Mittwochs am Meer von Alexander Oetker

Samstag, 28. Mai 2022

»Der Schlaf in den Uhren« von Uwe Tellkamp

Der Schlaf in den Uhren



Nach zehn Jahren Wartezeit hat Uwe Tellkamp nun die Fortsetzung seines Romans »Der Turm« vorgelegt, die als unübersichtliche Mediensatire und Gesellschafts-Dystopie daherkommt. 14 Jahre nach seinem gefeierten Bestseller »Der Turm« legt Uwe Tellkamp einen lang erwarteten Fortsetzungsroman vor. In »Der Schlaf in den Uhren« geht es um das Ende der DDR, die "Meinungskorridore" der Medien und die Flüchtlingskrise. Dieses Mal liegt ihm die Literaturkritik jedoch nicht zu Füßen. Sein neuer Roman ist überwiegend verrissen worden.




Als vor fast 15 Jahren »Der Turm« erschien, wurde der damals noch nicht mal 40-jährige Schriftsteller Uwe Tellkamp schon als möglicher Nachfolger Thomas Manns gehandelt. Mehr als eine Million Mal verkaufte sich der Roman, der auch verfilmt wurde. 14 Jahre fällt die Kritik wenig wohlwollend aus: »Der Schlaf in den Uhren« wird von der Kritik, man kann es nicht anders sagen: brutal niedergemacht.

Uwe Tellkamp: »Der Schlaf in den Uhren« ist mir als Titel deshalb wichtig, weil es ein doppelt oder mehrfach sinniges Bild ist: Es gibt den Schlaf in den Uhren von dem, was immer währt, was in den Uhren schläft und erwachen kann. Und es gibt den Schlaf, der nicht kommt.

Ich merke in unserer Situation in der Gesellschaft, dass es Themen gibt, die im medialen Fokus oder der medialen Aufmerksamkeit, was Wirklichkeitsherstellung ist, verdrängt oder "durch" sind, wie es so schön heißt – aber sie sind es nicht wirklich für den Einzelnen, da spielen sie eine andere Rolle. Es gibt dann kleine Momente, in denen sie wiederkommen und plötzlich, als wäre keine Zeit vergangen, sind sie wieder da. Die Zeit ist natürlich trotzdem vergangen.


»Der Schlaf in den Uhren« ist streng genommen kein Roman, sondern eine Fortsetzungsgeschichte, denn diesmal ist nicht Christian Hoffmann der Protagonist, sondern sein Cousin Fabian.

In diesem Werk tauchen alte Bekannte aus seinem Roman »Der Turm« als Figuren wieder auf, aber die gesamte Umgebung ist fiktiv und eigentlich haben die Settings der beiden Bücher nicht mehr allzu viel gemein.

Der Turm Geschichte aus einem versunkenen Land.
Die Fortschreibung seines »Turm«-Projekts mit den Familien Hoffmann und Rohde wird durchmischt mit einer unübersichtlichen Mediensatire und einer Gesellschafts-Dystopie, bei der die Rückkehr des Stasi-Staates nicht in die Zukunft, sondern in die Vergangenheit verlegt wird.

Die Erzählzeiten changieren zwischen 1989 und 2015, denn ein bischen Deutsche Einheit und Wiedervereinigung muss schon sein. Diesmal ist nicht Christian Hoffmann der Protagonist, sondern sein Cousin Fabian. Handlungsort ist Treva, ein hanseatischer Stadtstaat und ein kafkaeskes Bürokraten-Gebilde. Fabian Hoffmann arbeitet für die "Tausendundeinenachtabteilung" an einer Chronik zum 25-jährigen Jubiläum der Wiedervereinigung. Die Trevische Nachrichtenagentur kontrolliert sämtliche Medien: Zeitungen, Rundfunk und Internet.

Der ganze Mut, die Hoffnung und Aufbruchstimmung, mit der allen Gefahren am Ende der DDR-Zeit getrotzt worden ist, lässt Tellkamp noch einmal literarisch aufleben, indem er Fabian Hoffmann mit seiner Mutter Anne unter die Demonstrierenden auf die Straße schickt, während andere aus der Familie eingesperrt waren. 



Die 2015 spielende Geschichte um den Ich-Erzähler Fabian Hoffmann, Sohn eines Stasi-verfolgten Dissidenten und nunmehr selbst für die geheime Sicherheitsbehörde tätig, nimmt zunehmend verschwörungstheoretische Züge an und läßt Erinnerungen an fremdenfeindliche Äußerungen des Autors aufkommen.


Uwe Tellkamp: Für mich ist das Verbindende zwei Dinge: der Name Hoffmann. Ich dachte nämlich, dass das Modell E.T.A. Hoffmann die Entbindung der Gespenster aus der Gegenwart und aus dem Alltag nur für den Sozialismus möglich ist. Das ist ein Irrtum. Den gibt es heute genauso, aber anders. Auch heute werden wieder Gespenster aus dem Alltag entbunden. Die kommen aus Codierungen, aus Algorithmen, aus künstlicher Intelligenz heraus, beeinflussen aber unser Leben. Schon eine simple Nachricht kann das tun, sie kann über eine Karriere von einem Politiker entscheiden, ob er Fraktionsvorsitzender bleibt oder nicht, das kann an einem Tweet liegen. Und wenn ich solche Formen darstellen will, muss ich sie so gut wie möglich kennenlernen. Und ich muss mir Gedanken darüber machen, wie ich sie formal fasse.

Literatur:

Der Schlaf in den Uhren
Der Schlaf in den Uhren
von Uwe Tellkamp

Der Turm Geschichte aus einem versunkenen Land.
Der Turm
von Uwe Tellkamp

Samstag, 20. Februar 2021

»Arkadien« von Emmanuelle Bayamack-Tam

Arkadien


Arkadien war schon immer der ferne romantische Sehnsuchtsort, der Literaten aller Epochen zu Oden und Romanwerken inspiriert hat. »Arkadien« ist der neue, am 11. August 2020 erschienene Roman von Emmanuelle Bayamack-Tam.

Die junge Farah, überzeugt, ein Mädchen zu sein, begreift eines Tages, dass ihr Körper nach und nach männlicher wird. Krankhafte Mutation oder sagenhafte Metamorphose? Ihre Eltern haben in einer libertär lebenden Kommune Zuflucht gefunden, deren Mitglieder in der modernen Welt nicht zurechtkommen.

Farah wächst in diesem von riesigen Wald- und Wiesenflächen umgebenen Paradies auf, wo sie mit anderen Kindern erlebt, wie die Erwachsenen mehr schlecht als recht ihre Ideale umsetzen: Absage an gesellschaftliche Normen, Freikörperkultur, freie Liebe und zwar für alle, auch für Alte und Kranke. Das Wunder der Liebe entdeckt Farah mit Arcady, dem spirituellen Oberhaupt dieser bunten Gemeinschaft.

Alles könnte so schön sein wäre nicht ein Migrant in ihr Paradies eingedrungen, der die Kommune in helle Aufregung versetzt. Das Prinzip der universalen Liebe entpuppt sich als Lippenbekenntnis, man will sich hier genauso abriegeln wie in der Außenwelt. Alle, bis auf Farah, die sich jeder Zuschreibung entzieht: Mit ihrer jugendlichen Kühnheit wird sie zum Prüfstein für die Gemeinschaft und entwirft eine Utopie, in der wirklich alle Menschen aufgehoben sind, ungeachtet ihrer nationalen, sozialen oder sexuellen Identität.

Emmanuelle Bayamack-Tam zeichnet mit ihrem preisgekrönten neuen Roman in aller grausam-komischen Schonungslosigkeit ein Porträt unserer Welt und lässt darin sanft das Bild der Unschuld aufleuchten.

Literatur:

ArkadienArkadien von Emmanuelle Bayamack-Tam

Samstag, 6. Februar 2021

»Bad Regina« von David Schalko.


»Bad Regina« ist ein Roman von David Schalko - eine bitterböse und urkomische literarische Fantasie und - wie bei Thomas Manns Roman »Der Zauberberg« eine sehr feinsinnige Zeidiagnose über den Untergang Europas mit realem Hintergrund einer verlassenen Touristenhochburg - einem heruntergekommen Nobelort früherer Tage.

David Schalko erzählt keine Geschichte über die Strukturkrise einer gefallenen Touristenhochburg, sondern eine Parabel auf eine müde Gesellschaft, der die Felle davonschwimmen, auf denen sie es sich bequem gemacht hat.

In »Bad Regina«“ entwirft David Schalko eine faszinierende Geisterwelt, in der nicht nur die Bauwerke, sondern auch die wenigen verbliebenen Bewohner wankende Ruinen der Vergangenheit sind. Ein bitterböser und gleichzeitig urkomischer Roman über ein Europa, das immer und immer wieder moralisch versagt – und über dessen Zukunft nun andere entscheiden.

Nur noch wenige Menschen leben in Bad Regina, einem einst glamourösen Touristenort in den Bergen, starren auf die Ruinen ihres Ortes und schauen sich selbst tatenlos beim Verschwinden zu. Denn ein mysteriöser Chinese namens Chen kauft seit Jahren für horrende Summen ihre Häuser auf – nur um sie anschließend verfallen zu lassen. Als er auch noch das Schloss des uralten örtlichen Adelsgeschlechts erwerben will, entschließt sich Othmar, der von Gicht geplagte ehemalige Betreiber des berühmtesten Partyklubs der Alpen, herauszufinden, was es mit diesem Chen auf sich hat und was dieser mit Bad Regina vorhat. Dabei erleben Othmar und die verbliebenen Einwohner eine böse Überraschung.

David Schalko erzählt keine Geschichte über die Strukturkrise einer gefallenen Touristenhochburg, sondern eine Parabel auf eine müde Gesellschaft, der die Felle davonschwimmen, auf denen sie es sich bequem gemacht hat.

Schalko hatte beim Schreiben des Romans das verlassene Bad Gastein im Kopf. Der aufkommende Winter-Tourismus nach dem Krieg führte dazu, daß Bad Gastein zu einem verlassenen Ort wurde. Bad Gastein hatte nur Hotels für Sommergäste.

Das schöne "Bad Regina" ist längst nicht mehr, was es einmal war. Touristenströme kamen einst. Heute wohnen weniger als 50 Leute im Ort und nur ein Kind gibt es hier. Ausgerechnet ein Chinese kauft allesim Ort auf was zu haben ist. Und Othmar schaut zu und weiß, dass bald Schluss sein wird in "Bad Regina".

Othmar, der sonderbare Held dieses Abgesangs auf Europa und womöglich eine ganze Epoche und die restlichen Protagonisten, sie jammern mich und sie jammern mich deshalb, weil ich ihr Gejammer nur zu gut aus dem eigenen realen Alltag kenne. Wer kann nicht ein Lied davon singen, dass früher alles besser war.

Eine Geisterstadt im Herzen der Alpen, ein mysteriöser chinesischer Immobilientycoon, der alles aufkauft und verfallen lässt, und 46 Verbliebene, die beschließen, den Kampf aufzunehmen – mit »Bad Regina« ist David Schalko eine brillante literarische Allegorie auf einen sterbenden Kontinent gelungen. Verstörend, grotesk, morbide, komisch – und äußerst spannend.

David Schalko hat ein lesenswertes Buch zur passenden Situation geschrieben. Manchmal wirkt die Story komisch und eigenartig, manchmal gibt es neben allem Weltuntergang gibt es hier auch echte Lebensweisheiten zu lesen.

Literatur:

Bad ReginaBad Regina von David Schalko

Weblink:

"Bad Regina": David Schalkos bitterböser Roman - www.ndr.de

Samstag, 31. Oktober 2020

»Herzfaden« von Thomas Hettche

In seinem neuen Roman »Herzfaden« nimmt Thomas Hettche den Erzählfaden des »Augsburger Puppentheaters« auf und erzählt die Geschichte des Puppentheaters von der Entstehung des berühmten Puppentheaters, der Kindheit und dem Aufwachsen in einem weltkriegszerstörten Augsburg. Es ist die Geschichte eines einmaligen Theaters und der Familie, die es gegründet und berühmt gemacht hat.

Diese beginnt im Zweiten Weltkrieg, als Walter Oehmichen, ein Schauspieler des Augsburger Stadttheaters, in der Gefangenschaft einen Puppenschnitzer kennenlernt und für die eigene Familie ein Marionettentheater baut. In der Bombennacht 1944 verbrennt es zu Schutt und Asche. »Herzfaden« erzählt von der Kraft der Fantasie in dunkler Zeit und von der Wiedergeburt dieses Theaters. Nach dem Krieg gibt Walters Tochter Hatü in der Augsburger Puppenkiste Waisenkindern wie dem Urmel und kleinen Helden wie Kalle Wirsch ein Gesicht.

Ein zwölfjähriges Mädchen gerät nach einer Vorstellung der »Augsburger Puppenkiste« durch eine verborgene Tür auf einen märchenhaften Dachboden, auf dem viele Freunde warten: die Prinzessin Li Si, Kater Mikesch, Lukas, der Lokomotivführer. Vor allem aber die Frau, die all diese Marionetten geschnitzt hat und nun ihre Geschichte erzählt. Da ist zunächst ein Mädchen, das vor dem eigenen Vater durch eine Tür flüchtet und dadurch auf einen Speicher gerät. Dort muss es feststellen, dass es auf Puppengröße geschrumpft ist. Das Mädchen findet sich in der Gegenwart ikonisch gewordener Figuren wie etwa dem Urmel oder dem König Kalle Wirsch wieder. Figuren, die das Mädchen trotz ihres jungen Alters immer noch kennt.

Inmitten der geschnitzten Puppen auf dem Speicher tritt eine große Frau auf, die dem Mädchen in der Folge ihre Lebensgeschichte erzählt. Es handelt sich bei der Frau um Hannelore, genannt Hatü, Marschall. Sie ist die Tochter Walter Oehmichens, der zusammen mit ihr das später so bekannte Oehmichens Marionettentheater gründen sollte und in dem sie zur Schöpferin all dieser Figuren wurde, die Hatür und das Mädchen nun umgeben.
Hatü erzählt dem Mädchen von der Entstehung des berühmten Puppentheaters, der Kindheit und dem Aufwachsen in einem weltkriegszerstörten Augsburg. Von den Pogromen, der Armut und dem Leid, das der Krieg mit sich brachte. Davon, wie ihr Vater als Spielleiter des Augsburger Staatstheater zunächst nicht entnazifiert wurde, wie die GIs Augsburg besetzten und wie die Oehmichens alles daran setzten, Ablenkung und Normalität zurück zu den Menschen zu bringen. Von all dem erzählt Hatü dem Mädchen auf dem Speicher, das schon bald dem Charme der Puppen erliegt – aber auch ihre Gefährlichkeit erfährt.

Die Augsburger Puppenkiste wird 70


Als die "Augsburger Puppenkiste" am 26. Februar 1948 Premiere feierte, hatte sich Gründer Walter Oehmichen damit einen lang gehegten Traum erfüllt. Mit seinem abwechslungsreichen Programm entwickelte er das kleine Marionettentheater zu einem Erfolgsprojekt.

Die Erfolgsgeschichte begann mit dem Schauspielerpaar Rose und Walter Oehmichen, das sich in Düsseldorf kennengelernt hatte und wegen eines Bühnenengagements am Stadttheater nach Augsburg gekommen war. Bereits während des Zweiten Weltkrieges gab es einige Aufführungen mit einem Puppentheater. Doch ein großer Teil der Ausstattung wurde 1944 bei Bombenangriffen der Alliierten zerstört.

Nachdem er in seinem letzten Roman »Pfaueninsel« die Erzählperspektive eines kleinwüchsigen Schlossfräuleins wählte, setzt Hettche in seinem neuen Roman das Erzählen aus kleingeratener Sicht fort.

Im Kern steckt in dem Roman »Herzfaden« eine Frage: haben uns Figuren an Fäden, handgeschnitzt aus Holz und mimisch starr, heute noch etwas zu sagen? Heute, da die Ausdrucksmöglichkeiten der perfekt animierte Charaktere in Film und Fernsehen unerschöpflich scheinen, in der es scheinbar keine Grenzen der Darstellungskunst mehr gibt?

Literatur:

HerzfadenHerzfaden: Roman der Augsburger Puppenkiste von Thomas Hettche Weblink:

Die Augsburger Puppenkiste wird 70 - www.augsburger-puppenkiste.de

Blog-Artikel:

Die Augsburger Puppenkiste wird 70

Samstag, 24. Oktober 2020

»Dichtungen und Briefe« von Georg Trakl



Mit dieser aktuellen Überarbeitung liegt nun eine repräsentative Ausgabe vor, die das dichterische Werk und die wichtigsten Briefe des großen Lyrikers des 20. Jahrhunderts in ansprechender Form vereint.

Die vorliegende Neuausgabe der »Dichtungen und Briefe« von Georg Trakl macht erstmals völlig unbekannte Texte des Lyrikers zugänglich, die in letzter Zeit gefunden wurden.

Dazu zählen 15 Gedichte der »Sammlung Richard Buhlig«, die Marty Bax (Amsterdam) im Archiv der »California State University Long Beach« bei Recherchen entdeckt hat, oder das Gedicht „Hölderlin“, das von einem Wiener Antiquariat angeboten wurde.

Literarische Texte, die erst nach dem Erscheinen der ersten Taschenbuch-Ausgabe veröffentlicht worden sind, sind ebenfalls in diesen Band aufgenommen woren.
Georg Trakl gilt neben Gotfried Benn und Georg Heym als einer der bedeutendsten Dichter der literarischen Epoche des Expressionismus.

Daß Georg Trakl sich auch mit dem literarischen Leben seiner Zeit beschäftigt hat, wird an der Rezension eines Gedichtbandes deutlich. Ein weiterer, bisher unbekannter Brief an Adolf Loos belegt das freundschaftliche Verhältnis zu dem Wiener Architekten.

Literatur:
Dichtungen und Briefe« von Georg Trakl
Blog-Artikkel:

Georg Trakl gilt als einer der bedeutendsten Dichter des Expressionismus - Literatenwelt-Blog

Samstag, 29. Februar 2020

»Das Gewicht der Worte« von Pascal Mercier



Nach seinen Romanen »Perlmanns Schweigen« (1995) und »Der Klavierstimmer« (1998) wurde sein Roman »Nachtzug nach Lissabon« (2004) einer der großen Bestseller der vergangenen Jahre und in zahlreiche Sprachen übersetzt. 2007 folgte die Novelle »Lea«. Unter seinem bürgerlichen Namen Peter Bieri veröffentlichte er, ebenfalls bei Hanser - »Das Handwerk der Freiheit« (2001) sowie »Eine Art zu leben« (2013).

»Das Gewicht der Worte« heißt der neue Roman von Pascal Mercier, dem Autor des Bestsellers »Nachtzug nach Lissabon«.
Der Roman spielt in einem Metier, in dem es um Bücher, im engeren Sinne um Worte, Sätze und Sprachen, geht. Das ist nicht neu für Mercier. Im Gegenteil, er bleibt sich treu.

Seit seiner Kindheit ist Simon Leyland von Sprachen fasziniert. Gegen den Willen seiner Eltern wird er Übersetzer und verfolgt unbeirrt das Ziel, alle Sprachen zu lernen, die rund um das Mittelmeer gesprochen werden. Von London folgt er seiner Frau Livia nach Triest, wo sie einen Verlag geerbt hat. In der Stadt bedeutender Literaten glaubt er den idealen Ort für seine Arbeit gefunden zu haben – bis ihn ein ärztlicher Irrtum aus der Bahn wirft. Doch dann erweist sich die vermeintliche Katastrophe als Wendepunkt, an dem er sein Leben noch einmal völlig neu einrichten kann.

»Ich habe es lange nicht bemerkt, aber von all dem, was mir als Kind begegnete, fand ich nichts so faszinierend wie Wörter, Wörter und immer noch mehr Wörter. Es war aufregend zu entdecken, dass es ganz verschiedene Sprachen gab, die man in ganz unterschiedlichen Alphabeten schrieb.«


Deutlich merkt man im Laufe der Handlung wie viel Zeit und Mühe sich der Autor in die Ausarbeitung und Beschreibung der Charaktere gesteckt hat. Der Roman selbst handelt sowohl von der Freiheit, unser Leben zu gestalten, als auch von der Freiheit, die uns dabei die Literatur verspricht. Ein interessantes Thema, welches Pascal Mercier hier gewählt hat und gekonnt in ein fesselndes Buch verwandelt hat.

Wieder ist Pascal Mercier ein philosophischer Roman gelungen, bewegend wie der »Nachtzug nach Lissabon«.


Literatur:

Das Gewicht der Worte
Das Gewicht der Worte
von Pascal Mercier

Samstag, 29. Juni 2019

»Westend« von Martin Mosebach


»Westend« ist ein vor beinahe dreißig Jahren weitgehend unbeachtet erschienen Roman von Martin Mosebach, der jetzt neu zu entdecken ist. Ein fabelhaftes Epos über die Verwandlung einer städtischen Gesellschaft in den Aufbaujahren der Bundesrepublik und ein Hauptwerk Martin Mosebachs.

»Westend« spielt in dem in der Gründerzeit erbauten Frankfurter Stadtteil, der zwischen Palmengarten und der Alten Oper liegt. Es ist nicht das Westend der 68er, sondern das sich verändernde Wohnviertel der Nachkriegszeit. Milieu

Eduard Has sieht sich als Glückskind: Der Krieg hat seine Heimatstadt Frankfurt zwar gründlich zerstört, aber das eröffnet der eigenen Immobilienfirma ungeahnte Chancen. Seinen Erfolg adelt er mit einer stattlichen Sammlung des eben noch verfemten Expressionismus, neben die kühl-elegante Ehefrau tritt eine sinnliche Geliebte, die Tochter Lilly betet er an. Warum nur kann das Leben nicht ewig so weitergehen?


Im Geist der großen europäischen Gesellschaftsromane ist in »Westend« der eigentliche Gegenstand die Stadt Frankfurt mit ihren Bürgern aller Schichten. Eine ganze Epoche deutscher Nachkriegsgeschichte wird im Schicksal der Figuren lebendig: Spekulanten und Kunsthändler, Müllsammler, Hausmeister und Putzfrauen, die letzten Vertreter Altfrankfurter Bürgerlichkeit und ein jugendliches Liebespaar, das an den Sünden der Väter trägt und sie zu überwinden lernt. Ein fulminantes Epos über die Verwandlung einer städtischen Gesellschaft in den Aufbaujahren der Bundesrepublik.

So fließt auch jede Menge Lokalkolorit in den Roman. Man merkt, dass Mosebach hier über ein Milieu schreibt, das er genau kennt und liebt.

Literatur:

Westend
Westend
von Martin Mosebach

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Freitag, 2. Februar 2018

»Durchbruch bei Stalingrad« von Heinrich Gerlach

Durchbruch bei Stalingrad

< br /> Vor 75 Jahren endete die Schlacht von Stalingrad, die blutigste und längste Schlacht des Zweiten Weltkrieges, bei der eine Armee von ca. 250.000 Mann eingekesselt und vernichtet wurde. Das Ende der Schlacht von Stalingrad gilt als Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg. In der Schlacht von Stalingrad kamen über 700.000 Menschen ums Leben, die meisten davon Soldaten der Roten Armee. Von den rund 110.000 Soldaten der Wehrmacht und verbündeter Truppen, die in Gefangenschaft gerieten, kehrten nur rund 6.000 in die Heimat zurück. An den Sieg der Roten Armee vor 75 Jahren hat Russland im heutigen Wolgograd mit einer Militärparade erinnert.

Heinrich Gerlach (1908‒1991) war während des Zweiten Weltkriegs als Offizier in Stalingrad. Nach seiner Gefangennahme wurde er Mitglied des Bundes Deutscher Offiziere und des Nationalkomitees Freies Deutschland. 1950 kam er nach Deutschland zurück und war als Gymnasiallehrer in Norddeutschland tätig.


»Durchbruch bei Stalingrad« von Heinrich Gerlach ist ein Roman, der unmittelbar nach der Schlacht um Stalingrad im sowjetischen Kriegsgefangenenlager geschrieben wurde. Er wurde durch verschiedene Arbeitslager gerettet, bevor der russische Geheimdienst ihn letztlich doch konfiszierte. Jetzt liegt er in der Urfassung vor. ›Durchbruch bei Stalingrad‹ erzählt von den Grauen der Ostfront, der Sinnlosigkeit des Krieges, vor allem aber vollkommen ungeschminkt von der seelischen Wandlung eines deutschen Soldaten unter dem Eindruck des Erlebten.


Auf beeindruckende Weise zeigt der Autor, wie die grenzenlose Autorität Hitlers und der buchstäbliche Kadavergehorsam der Militärs dazu führen konnten, dass 250.000 Männer im Winter 1942/43 durch die Hölle gehen mussten.


Stalingrad ist zum Synonym geworden für ein sinnloses Opfer in einer verlorenen Schlacht. Die Schicksale der Soldaten und Offiziere in der Schlacht um Stalingrad wurde authentisch beschrieben, das sinnlose Opfer der Soldaten wurde schonungslos dargestellt. In schlichten und einfachen Worten erzählt der Autor von den Grausamkeiten und Schrecken der Schlacht - man spürt autobiographische Einflüsse in jeder Szene.


Heute wissen viele Menschen nicht, was Krieg bedeutet, die Soldaten im Kessel von Stalingrad allerdins schon. Der Roman gehört zu den Büchern, welche die Welt bewahren sollte, da hier nicht nur der reine Kampf der Soldaten im Zweiten Weltkrieg beschrieben wird, sondern auch der Alltag dieser wirklichen bemitleidenswerten Menschen, deren Jugend und Leben von einem Tyrannen, der die Weltherrschaft an sich reißen wollte, verraten wurde.

Literatur [ >> ]:

Durchbruch bei Stalingrad
Durchbruch bei Stalingrad
von Carsten Gansel und Heinrich Gerlach


Weblinks:

Wolgograd - Wikipedia.org

Schlacht von Stalingrad - Wikipedia.org


Videos:

Durchbruch bei Stalingrad von Carsten Gansel und Heinrich Gerlach

Militärparade zum Gedenken an Stalingrad

Generäle auf dem Schlachtfeld: "Schlacht um Stalingrad"

Blog-Artikel:

Daniil Granin ist tot - Literatenwelt-Blog - literatenwelt.blogspot.com

»Mein Leutnant« von Daniil Granin


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Sonntag, 10. Dezember 2017

»Die Obstdiebin« von Peter Handke

Die Obstdiebin
Die Obstdiebin

»Die Obstdiebin« ist der Titel des neuen Romans von Peter Handke. Als das »Letzte Epos« (mit großem »L«) hat Peter Handke seinen neuen Roman bezeichnet.

Der Roman spielt in Frankreich in der Zeit nach den Terroranschlägen von Paris und begibt sich auf  Reisen durch ein gezeichnetes Land. Die Reise führt aus der Niemandsbucht, Umwegen folgend, sie suchend, in das Landesinnere, wo die Obstdiebin, »einfache Fahrt«, keine Rückfahrt, bleiben wird, oder auch nicht?.

„Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ Mit diesem Bekenntnis zu Realismus und Empirismus beginnt Wittgensteins »Tractatus«. „Die Welt war die Dreiecksgeschichte zwischen einem selber, der Natur und den Anderen!“ (S. 500) heißt es in Handkes Roman »Obstdiebin« - und von dieser „Dreiecksgeschichte“ handelt dieser wunderbare und wundersame Roman.

Es ist eigentlich eine doppelte Reise ins Landesinnere, die Handke erzählt: Zuerst ist es der Ich-Erzähler, der sich, zu Fuß und mit der Bahn, auf den Weg macht von Paris in die Picardie, um dort die 25-jährige Studentin und Weltenbummlerin „Alexia“, die Obstdiebin, zu treffen. Warum und wozu bleibt - natürlich - ungeklärt. Um die Mittagszeit bricht er auf, am Abend dort angekommen, wechselt die Perspektive:

Nun begleiten wir, aus der Perspektive des personalen Er-Erzählers, diese Alexia auf ihrem dreitägigen, erlebnisreichen und ereignisarmen Fußmarsch, ebenfalls von Paris in die Picardie. Sie will ihre Mutter, die „Bankfrau“, die der Handke-Leser bereits aus dem Roman „Der Bildverlust“ kennt, treffen. Tatsächlich kommt es dann ganz zum Ende des Romans zu einer Familienzusammenführung: Es treffen sich auf dem „Vexin-Plateau“ zu einem großen Fest im Zelt die getrennt lebenden Eltern von Alexia und auch ihr 15-jähriger Bruder, der eine Zimmermannslehre absolviert. Nun ist auch der Ich-Erzähler dabei, der von „wir“ und „uns“ erzählt, die beiden Erzählperspektiven werden also am Ende zusammengeführt.

Die Obstdiebin
Die Obstdiebin

Alexia, die Obstdiebin, ist zwar neben Handke selbst die Protagonistin. Dieser anfängliche Ich-Erzähler hat viel mit dem Autor gemein: Ein alter, allein lebender, etwas schrulliger „ungeselliger Geselle“, wohnhaft in einem Pariser Vorort, - der „Niemandsbucht“, wie sie auch hier immer wieder bezeichnet wird - in einem alten Haus mit großem Garten, nebst Obstbäumen.

Ein Mann, der sich als „Illegalen“ bezeichnet, der den Staat ebenso verachtet wie alle kapitalistische Umtriebigkeit, alle großartigen Gesten und Worte, der wütend ist auf die wüste Welt, einsam und trotzig; ein Naturfreund zugleich, den kleinen Dingen und den kleinen Leuten, den Obdachlosen, der Kassiererin, dem afrikanischen Pizza-Ausfahrer zugewandt, ein romantischer Anarchist - alles das trifft auf den Ich-Erzähler wie auf Peter Handke zu.

»Die Obstdiebin« von Peter Handke ist ein ambivalentes Werk, denn es verarbeitet persönliche Erfahrungen vor gesellschaftlichem Hintergrund. Die Stärke dieses wie seiner anderen epischen Großprojekte liegt nicht im weltumspannenden Gestus des Erzählers, sondern in den Passagen, in dem er seinem Doppelgänger den Vortritt lässt, dem Verfasser von Aufzeichnungen und Meister der Prosa des Augenblicks.


Literatur, die man kaufen kann [ >> ]:

Die Obstdiebin
Die Obstdiebin
von Peter Handke



Weblink:

Peter Handke: Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt

Mittwoch, 10. Mai 2017

»Die Fahnen: Roman in fünf Bänden« von Miroslav Krleža


»Die Fahnen: Roman in fünf Bänden« von Miroslav Krleža liegt jetzt erstmals in einer deutschen Übersetzung vor. Das monumentale Werk ist auf 2.170 Seiten - gespiegelt in einem Generationenkonflikt - eine literarische Großtat. »Die Fahnen« (»Zastave«) zeigen ein Kaleidoskop der europäischen Geistes- und Kulturgeschichte, das Krleža zu einem großen europäischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts macht. Krleža zeichnet ein generationenübergreifendes Epochenbild.

Die Romanfolge in fünf Bänden »Die Fahnen« ist eine seltene Mischung aus Epochenbild und Gesellschaftsroman, Bewusstseins- und Konversationsroman – einem höchst geschliffenen, ähnlich Musils »Mann ohne Eigenschaften«. - In seinem umfangreichsten Werk, dem ab 1962 veröffentlichten fünfbändigen Roman »Die Fahnen«, der in den Jahren 1912 bis 1922 spielt und jetzt erstmals in einer deutschen Übersetzung vorliegt, zeichnet Krleža ein Panorama von der geistesgeschichtlichen und politischen Situation Europas zu Beginn des 20. Jahrhunderts.


Das Schicksal von Bürgern, Aristokraten, Politikern, Ministern, Bürokraten, Generälen, Kriegsgewinnlern und Träumern, die ganze Galerie der ungarischen, kroatischen und serbischen Intelligenz – steht im Vordergrund dieser Chronik. Kriegsereignisse und Liebesbeziehungen werden miteinander verwoben.

Die Fahnen: Roman in fünf Bänden - Band I
Die Fahnen: Roman in fünf Bänden - Band I

Krleža erzählt die historischen Ereignisse nicht nach, er bricht sie im Spiegel eines Generationenkonflikts: Kamilo de Emerički steht als oberster Würdenträger, als Ban, in den Diensten der Ungarn, die Kroatien beherrschen, und wird nach 1918 Minister im Königreich der drei Balkanvölker. Er dient der Macht, der Ordnung, gegen die sein Sohn aufbegehrt: Kamilo der Jüngere sympathisiert mit den serbischen Widersachern des k.u.k.-Imperiums, wendet sich aber wegen ihrer Gräuel im zweiten Balkankrieg 1913 von ihnen ab und wird zum Kommunisten.



     



Der kroatische Schriftsteller und Universalgelehrte Miroslav Krleža wird gerne mit Karl Kraus, Bertolt Brecht oder Robert Musil verglichen, manche sprechen von ihm als "kroatischer Goethe". Jean-Paul Sartre soll gesagt haben, er hätte sich viele künstlerische und politische Umwege ersparen können, hätte er früher um das Werk von Miroslav Krleza gewusst. Vier weitere neu übersetzte Bände folgen noch.


Weblink:

Die atemberaubenden Rochaden der kroatischen Intelligenz - www.deutschlandradiokultur.de


Literatur:

Die Fahnen: Roman in fünf Bänden - Band I
Die Fahnen: Roman in fünf Bänden - Band I
von Miroslav Krleža


Blog-Artikel:

»Das Maskenspiel der Genien« von Fritz von Herzmanovsky-Orlando

Fritz von Herzmanovsky-Orlando 140. Geburtstag

Ludwig Uhland 230. Geburtstag

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Mittwoch, 1. Februar 2017

»Die Geschichte eines neuen Namens« von Elena Ferrante

Die Geschichte eines neuen Namens
Die Geschichte eines neuen Namens

»Die Geschichte eines neuen Namens« von Elena Ferrante ist die Fortsetzung des Erfolgsromans »Meines geniale Freundin«. Mit »Die Geschichte eines neuen Namens«, dem zweiten Teil des literarischen Welterfolgs setzt Elena Ferrante den Zyklus der »Genialen Freundin« fort. Ende August war der erste Band der Neapolitanischen Saga »Meine geniale Freundin« von Elena Ferrante über die Kindheit und frühe Jugend erschienen.

Die unterschiedlichen Lebenswege der ehemals besten Freundinnen im Neapel Mitte des letzten Jahrhunderts laufen eine Weile parallel nebeneinander her, trennen sich, treffen aber immer wieder zusammen. Aus den jungen Mädchen sind nun Teenager geworden. Und das Leben beginnt, nun seine Weichen zu stellen. Welches der Mädchen kann mit seiner Entscheidung den erhofften Ausbruch aus der Armut erreichen?

Lila und Elena sind sechzehn Jahre alt, und sie sind verzweifelt. Lila hat noch am Tage ihrer Hochzeit erfahren, dass ihr Mann sie hintergeht – er macht Geschäfte mit den allseits verhassten Solara-Brüdern, den lokalen Camorristi. Für Lila, arm geboren und durch die Ehe schlagartig zu Geld und Ansehen gekommen, brechen leidvolle Zeiten an. Elena hingegen verliebt sich Hals über Kopf in einen jungen Studenten, doch der scheint nur mit ihren Gefühlen zu spielen.

Sie ist eine regelrechte Vorzeigeschülerin geworden, muss aber feststellen, dass das, was sie sich mühsam erarbeitet hat, in ihrer neapolitanischen Welt kaum etwas gilt. Trotz all dieser Widrigkeiten beharren Lila und Elena immer weiter darauf, ihr Leben selbst zu bestimmen, auch wenn der Preis, den sie dafür zahlen müssen, bisweilen brutal ist. Woran die beiden jungen Frauen sich festhalten, ist ihre Freundschaft.

Die Geschichte eines neuen Namens


Hinter den beiden Freundinnen liegt die gemeinsam verbrachte Jugend. Sie und ihre Freundin Lenú, die sich bereits als kleine Mädchen fest vorgenommen haben, dem Elend des Armenviertels Rione zu entfliehen, gehen unterschiedliche Wege, um ihr Ziel zu erreichen. Lila erhofft sich eine bessere Zukunft, indem sie ganz traditionell den aufstrebenden jungen Lebensmittelhändler Stefano heiratet.

Die erst 16-jährige Lila Cerullo - nun Signora Carracci - erlebt die Auswirkungen ihrer früh eingegangenen Ehe. Die weniger selbstbewusste Lenú will sich durch Fleiß und gute Noten in Schule und Studium hoch arbeiten - durchaus nicht selbstverständlich für ein Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen.


In schlichter, einprägsamer Sprache, aber sehr eindrucksvoll in farbig, teils drastisch beschriebenen Episoden lässt Ferrante in der Fantasie des Lesers eine Zeit wiedererstehen, in der das Leben von Mädchen und Frauen noch sehr eingeschränkt und vom Willen der Väter und Ehemänner dominiert war, ihre Rolle festgelegt auf die der zukünftigen Ehefrau und Mutter, dem (Ehe-)Mann untergeben.

Die Autorin erschafft lebendige, authentische Charaktere, in die sich der Leser leicht einfühlen kann, und erzählt packend von den Schwierigkeiten, mit denen sich Lila und auch Lenú auseinandersetzen müssen, weil sich beide auf ihre Weise über gesellschaftliche Tabus hinwegsetzen. Eindrücklich und ohne zu beschönigen schildert sie eine Zeit wirtschaftlicher und sozialer Probleme, mafiöse Gesellschaftsstrukturen und den Aufstieg der Camorra, mit denen die Schicksale der Freundinnen verflochten sind.

Weblink:

"Die Geschichte eines neuen Namens": Elena Ferrantes sehnsüchtig erwarteter Fortsetzungsroman ist da - www.dw.com

Literatur:

Die Geschichte eines neuen Namens
Die Geschichte eines neuen Namens da
von Elena Ferrante

»Meine geniale Freundin« von Elena Ferrante
Meine geniale Freundin: Band 1 der Neapolitanischen Saga (Kindheit und frühe Jugend)
von Elena Ferrante



Blog-Artikel:

Meine geniale Freundin von Elena Ferrante

Inkognito der Autorin Elena Ferrante gelüftet

Sonntag, 9. Oktober 2016

»Meine geniale Freundin« von Elena Ferrante

Meine geniale Freundin


Meine geniale Freundin

Ende August ist der erste Band der Neapolitanischen Saga »Meine geniale Freundin« von Elena Ferrante über die Kindheit und frühe Jugend erschienen. Die Autorin Elena Ferrante hat mit dem ersten Teil eines vierbändigen Neapel-Epos ein weltweites Lesefieber ausgelöst. Die Neapel-Tetralogie »L'Amica Geniale« ist in Italien zwischen 2011 und 2014 erschienen. In deutscher Übersetzung kam der erste Band Ende August dieses Jahres auf den Markt.

Der Roman erzählt von einer innigen Beziehung zwischen zwei Frauen. Sie könnten unterschiedlicher kaum sein und sie sind doch unzertrennlich, Lila und Elena, schon als junge Mädchen waren sie beste Freundinnen. Und sie werden es ihr ganzes Leben lang bleiben, über sechs Jahrzehnte hinweg, bis die eine spurlos verschwindet und die andere auf alles Gemeinsame zurückblickt, um hinter das Rätsel dieses Verschwindens zu kommen.

Immer wieder ist Neapel Schauplatz eines dicht gewebten Netzes aus realen und fiktiven Geschichten. Im Neapel der fünfziger Jahre wachsen sie auf, in einem armen, überbordenden, volkstümlichen Viertel, derbes Fluchen auf den Straßen, Familien, die sich seit Generationen befehden, das Silvesterfeuerwerk artet in eine Schießerei aus. Hier gehen sie in die Schule, die unangepasste, draufgängerische Schustertochter Lila und die schüchterne, beflissene Elena, Tochter eines Pförtners, beide darum wetteifernd, besser zu sein als die andere. Bis Lilas Vater seine noch junge Tochter zwingt, dauerhaft in der Schusterei mitzuarbeiten, und Elena mit dem bohrenden Verdacht zurückbleibt, eine Gelegenheit zu nutzen, die eigentlich ihrer Freundin zugestanden hätte.



Ihre Wege trennen sich, die eine geht fort und studiert und wird Schriftstellerin, die andere wird Neapel nie verlassen, und trotzdem bleiben Elena und Lila sich nahe, sie begleiten einander durch erste Liebesaffären, Ehen, die Erfahrung von Mutterschaft, durch Jahre der Arbeit und Episoden politischer Bewusstwerdung, zwei eigensinnige, unnachgiebige Frauen, die sich nicht zuletzt gegen die Zumutungen einer brutalen, von Männern beherrschten Welt behaupten müssen.



Sie bleiben einander nahe, aber es ist stets eine zwiespältige Nähe: aus Befremden und Zuneigung, aus Rivalität und Innigkeit, aus Missgunst und etwas, das größer und stiller ist als Lieben. Liegt hier das Geheimnis von Lilas Verschwinden?


Elena Ferrante hat ein literarisches Meisterwerk von unermesslicher Strahlkraft geschrieben, ein von hinreißenden Figuren bevölkertes Sittengemälde und ein zupackend aufrichtiges Epos – über die rettende und zerstörerische, die weltverändernde Kraft einer Freundschaft, die ein ganzes langes Leben währt.


Literatur:

»Meine geniale Freundin« von Elena Ferrante
Meine geniale Freundin: Band 1 der Neapolitanischen Saga (Kindheit und frühe Jugend)
von Elena Ferrante


Elena Ferrante Blog-Artikel:

Die Geschichte eines neuen Names von Elena Ferrante

Inkognito der Autorin Elena Ferrante gelüftet

Mittwoch, 11. Mai 2016

»Jane Eyre« von Charlotte Brontë - Neuübersetzung

Jane Eyre

»Jane Eyre« von Charlotte Brontë ist ein 1847 veröffentlichter und in der Ich-Form erzählter Roman. Darin erzählt wird die fiktive Biografie einer Gouvernante. Diese Biografie beruhte auf ihren eigenen Erfahrungen mit diesem Broterwerb als junge Hausangestellte.

»Jane Eyre« ist der erste Roman von Charlotte Brontë, der 1847 von einem Verlag verlegt wurde und mit dem sie ihren literarischen Durchbruch feierte. Um als Autorin der viktorianischen Zeit ernst genommen zu werden, veröffentlichte sie »Jane Eyre« unter dem männlichen Pseudonym Currer Bell.

Nach einer Kindheit im Waisenhaus tritt Jane Eyre eine Stelle als Gouvernante auf dem entlegenen Landsitz Thornfield Hall an – und verliebt sich unsterblich in den Hausherrn, den düsteren und verschlossenen Edward Rochester. Er erwidert ihre Gefühle, doch er ist verheiratet, und Jane weigert sich, ein Leben als Mätresse zu führen. Erst nach dem dramatischen Tod seiner Frau finden die beiden zusammen.

Mit der klugen, charakterstarken Jane Eyre schuf Charlotte Brontë eines der bewegendsten Frauenporträts der englischen Literatur. Der Roman gilt als fiktive Autobiographie der Autorin.


Jane Eyre von Charlotte Brontë und Melanie Walz

Beim Lesen des Buches fühlt der Leser sich unmittelbar in die viktorianische Zeit zurückversetzt. Der Roman erlaubt einen Blick auf diese Zeit und ihre Lebensgewohnheiten. Wer wollte da nicht Gouvernante in einem Gutshaus sein?

Melanie Walz erweckt diesen Klassiker der viktorianischen Literatur zu neuem Leben und präsentiert ihn in einer frischen und modernen Sprache. »Jane Eyre«, der erste Roman von Charlotte Brontë, liegt hier erstmals in einer vollständigen Neuübersetzung vor.

Weltliteratur, die man gelesen haben sollte, neu übersetzt:


Jane Eyre
von Charlotte Brontë und Melanie Walz