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Samstag, 8. August 2026

Baron Theodor von Neuhoff - König für einen Sommer

Der König von Korsika



"Ein Dilettant kann zu wunderbaren Resultaten gelangen im Leben." So gesehen hat der westfälische Baron Theodor von Neuhoff "dem Rad der Weltgeschichte in die Speichen" gegriffen. Immerhin hat es der Geheimagent, der Liebhaber und hochstapelnde Alchimist, der Abenteurer und Glücksritter und kaiserliche Gesandte bis zum König von Korsika (1736) gebracht. Zwar dauerte seine Herrschaft nur einen Sommer lang - für einen Eintrag in die Geschichtsbücher reichte es allemal.

Geheimagent, Liebhaber, hochstapelnder Alchimist und kaiserlicher Gesandter - Theodor Neuhoff ließ sich von den Wellen des Geschicks durch ganz Europa tragen, weiß zu parlieren, zu brillieren und zu blenden. Und wird am Ende Opfer der eigenen Selbstüberschätzung. Als er sich - überzeugt, die Politik sei ein Spiel - im April 1736 von korsischen Aufständischen zum König ausrufen läßt, war sein Untergang besiegelt.

Begabt für das Leichte sein, an der Oberfläche der Dinge leben, dem Glück folgen: das war und tat Baron Theodor Neuhoff - bis er sich zum König von Korsika krönen ließ und daran scheiterte. Das Leichte ist so trügerisch wie vergänglich, Michael Kleebergs Roman ein sprachliches Meisterwerk.

Von der ersten bis zur letzten Seite inszeniert der Autor Michael Kleeberg, der zuletzt mit dem Roman Ein Garten im Norden auf sich aufmerksam machte, seine fiktive Biografie des historisch belegten Scharlatans, Spions und Frauenhelden als tragikomisches Welttheater. Und das wohl ganz zu Recht: Glücklich nämlich ist auch die wechselvolle Karriere des wirklichen Theodor von Neuhoff ganz und gar nicht verlaufen. 1694 in Köln geboren, machte der westfälische Baron schon früh durch Liebschaften und alchemistische Spiegelfechtereien bei Hofe auf sich aufmerksam. Nachdem er den Korsen Waffen und Aufbauhilfe versprochen hatte, ließ er sich 1736 als Theodor I. zum König der Insel krönen. Neuhoff aber thronte nur einen Sommer: Ein Jahr später musste er Korsika Richtung England - und damit Richtung Gefängnis - verlassen.

Theodorus Antonius Alfons, am 24. August 1696 geboren, war dies nicht unbedingt in die Wiege gelegt. Da war schon sein Tod am 5. Dezember 1756 in dem Hinterzimmer eines Lumpensammlers in Soho eher folgerichtig. "Er ging auf des Gipfel des Glücks", heißt es am Ende des Romans von Michael Kleeberg. Dazwischen liegen Jahre eines aufregenden Lebens in einem Europa der Wendezeit. An den Höfen des absolutistisch regierten Europas mit ihren Geheimdiplomatien und Intrigen, mit ihrer großartigen Pracht und ihren erbärmlichen Schändlichkeiten spielt sich das Leben des genialischen Protagonisten ab.

Michael Kleeberg, durch viele Bücher (u.a. "Proteus der Pilger", "Der Kommunist vom Montmartre" und "Ein Garten im Norden") als blendender Autor ausgewiesen und mit Literaturpreisen ausgezeichnet, lässt diese Zeit und ihren Helden Theodor auf unnachahmliche Weise lebendig werden. Er nimmt den faszinierten Leser dank seiner Kunst zu schreiben und zu beschreiben auf diese Zeitreise in das 18. Jahrhundert. Geführt und verführt folgen wir dem kundigen Cicerone an die Höfe Paris, Wien und Madrid, nach Florenz und Venedig, zu den Pietisten um Zinzendorf und schließlich nach Korsika.

Bei Kleeberg wird die Geschichte des »Königs von der traurigen Gestalt« zu jenem grotesk-barocken Puppenspiel, das als Motiv immer wieder durch die faszinierende Handlung geistert. Vielleicht ist das nicht immer alles so ganz wahr, was sich unter der Regie des Autors da im Buch an vermeintlich Faktischem abspielt.

Literatur:

Der König von Korsika Der König von Korsika von Michael Kleeberg

Mittwoch, 22. Juli 2026

»Der Kirschgarten« von Anton Tschechow

Der Kirschgarten


Der Kirschgarten

»Der Kirschgarten« von Anton Tschechow nimmt die Russische Revolution vorweg und beschreibt den Niedergang des Adels auf dem Land. Es ist das letzte Stück des russischen Dramatikers, das die Geschichte der Gutsherrin Andrejewna Ranjewskaja erzählt, die unrealistische Illusionen für ihre Rettung aus dem Bankrott hegt. »Der Kirschgarten« ist ein Stück mit hoher Symbolik.

Im Zentrum des Geschehens steht der 22. August, der Tag, an dem der Kirschgarten versteigert werden soll. Wie ein Damoklesschwert hängen die Frist bis dahin und die Schulden über dem Figuren. Immerhin hängt ihr weiteres Leben vom Kirschgarten und dem Gut ab.

Andrejewna Ranjewskaja, die Gutsbesitzerin, ist erst vor kurzem aus Paris zurückgekehrt. Sie hat ihren Sohn verloren, ihr Geliebter in Paris hat sie ausgenommen, und mit ihrem Bruder hat sie alles Geld verprasst. Ihre Tochter Anja, genauso wie ihre Pflegetochter Warja und Charlotta, die Erzieherin, sind alle vom Gut abhängig. Der alte Diener Firs sowieso.


Für die Dame des Hauses ist der Kirschgarten ein Symbol für eine unschuldige, reine Jugend. Er ist der Inbegriff des Paradieses und des Glaubens daran, dass alles gut wird. Doch sie lebt in einer wirklichkeitsfremden Welt, schwelgt in Kindheitserinnerungen und gibt Feste; für die Rettung des Gartens und des Guts tut sie nichts.

Für den neureichen Kaufmann Lopachin ist dieser Garten jedoch nur ein reines Spekulationsobjekt. Am Ende wird er ihn ersteigern, die Bäume des schönen Kirschgartend unbedacht fällen und Ferienparzellen darauf errichten lassen.

Der bizarre Streit unter den Familienmitgliedern um den Erhalt des Kirschgartens steht dabei für das Festhalten an der alten Ordnung.

Literatur:

Der Kirschgarten


Der Kirschgarten von Anton Tschechow

rott hegt. »Der Kirschgarten« ist ein Stück mit hoher Symbolik.

Im Zentrum des Geschehens steht der 22. August, der Tag, an dem der Kirschgarten versteigert werden soll. Wie ein Damoklesschwert hängen die Frist bis dahin und die Schulden über dem Figuren. Immerhin hängt ihr weiteres Leben vom Kirschgarten und dem Gut ab.

Andrejewna Ranjewskaja, die Gutsbesitzerin, ist erst vor kurzem aus Paris zurückgekehrt. Sie hat ihren Sohn verloren, ihr Geliebter in Paris hat sie ausgenommen, und mit ihrem Bruder hat sie alles Geld verprasst. Ihre Tochter Anja, genauso wie ihre Pflegetochter Warja und Charlotta, die Erzieherin, sind alle vom Gut abhängig. Der alte Diener Firs sowieso.


Für die Dame des Hauses ist der Kirschgarten ein Symbol für eine unschuldige, reine Jugend. Er ist der Inbegriff des Paradieses und des Glaubens daran, dass alles gut wird. Doch sie lebt in einer wirklichkeitsfremden Welt, schwelgt in Kindheitserinnerungen und gibt Feste; für die Rettung des Gartens und des Guts tut sie nichts.

Für den neureichen Kaufmann Lopachin ist dieser Garten jedoch nur ein reines Spekulationsobjekt. Am Ende wird er ihn ersteigern, die Bäume des schönen Kirschgartend unbedacht fällen und Ferienparzellen darauf errichten lassen.

Der bizarre Streit unter den Familienmitgliedern um den Erhalt des Kirschgartens steht dabei für das Festhalten an der alten Ordnung.

Literatur:

Der Kirschgarten
Der Kirschgarten
von Anton Tschechow

Der Kirschgarten
Der Kirschgarten
von Anton Tschechowv



Samstag, 18. Juli 2026

»Bernarda Albas Haus« von Federico Garcia Lorca

Bernarda Albas Haus


»Bernarda Haus« (»La casa de Bernarda Alba«) von Federico Garcia Lorca ist eine anrührende Geschichte über die Tragödie von den Frauen in den Dörfern Spaniens. Die Geschichte erzählt ein bewegendes Frauenschicksal im ländlichen Spanien.

Das Drama spielt sich in einem andalusischen Dorf ab, wobei das Andalusische nur hintergründig suggeriert wird: Weisse Mauern, heisser Sommer, Bernarda Alba ist die Mutter von fünf Kindern zwischen 20 und 39 Jahren. Schon früh im Roman - auf der zweiten Seite - beschimpfen die Bediensteten Bernarda als Tyrannin, welche das Schicksal der Frauen bestimmt.




Der Vater ist gestorben, deshalb dürfen die Töchter nach Brauch in Andalusien acht Jahre der Trauer das Haus, eben »La casa de Bernarda Alba«, nicht verlassen. Sie sind gefangen in den weissen Wänden, in welchen sich Intrigen und Eifersucht zu entwickeln beginnen: Die Töchter sind erwachsene Frauen und sehnen sich ihren Rechten als Frau und nach einem Mann. Dieser kommt auch, jedoch hat mehr als eine mit ihm in ihrgendeiner Art ein Verhältnis. Das Hauptthema des Autors Lorca ist die Frustration.

»Bernarda Albas Haus« bildet zusammen mit »Bluthochzeit« und »Yerma« und eine Trilogie, welche Stellung der Frau in der ländlichen Bevölkerung zum Thema hat.

Kunstvolle Einfachheit zeichnet diesen Roman aus.

Literatur:

Bernarda Albas Haus
Bernarda Albas Haus
von Federico Garcia Lorca

»Auf dem Rhein« von Clemens Brentano

Ein Fischer saß im Kahne,
Ihm war das Herz so schwer
Sein Lieb war ihm gestorben,
Das glaubt er nimmermehr.

Und bis die Sternlein blinken,
Und bis zum Mondenschein
Harrt er sein Lieb zu fahren
Wohl auf dem tiefen Rhein.

Da kömmt sie bleich geschlichen,
Und schwebet in den Kahn
Und schwanket in den Knieen,
Hat nur ein Hemdlein an.

Sie schwimmen auf den Wellen
Hinab in tiefer Ruh',
Da zittert sie, und wanket,
Feinsliebchen, frierest du?

Dein Hemdlein spielt im Winde,
Das Schifflein treibt so schnell,
Hüll' dich in meinen Mantel,
Die Nacht ist kühl und hell.

Stumm streckt sie nach den Bergen
Die weißen Arme aus,
Und lächelt, da der Vollmond
Aus Wolken blickt heraus.

Und nickt den alten Türmen,
Und will den Sternenschein
Mit ihren starren Händlein
Erfassen in dem Rhein.

O halte dich doch stille,
Herzallerliebstes Gut!
Dein Hemdlein spielt im Winde,
Und reißt dich in die Flut.

Da fliegen große Städte,
An ihrem Kahn vorbei,
Und in den Städten klingen
Wohl Glocken mancherlei.

Da kniet das Mägdlein nieder,
Und faltet seine Händ'
Aus sehen hellen Augen
Ein tiefes Feuer brennt.

Feinsliebchen bet' hübsch stille,
Schwank' nit so hin und her,
Der Kahn möcht' uns versinken,
Der Wirbel reißt so sehr.

In einem Nonnenkloster
Da singen Stimmen fein,
Und aus dem Kirchenfenster
Bricht her der Kerzenschein.

Da singt Feinslieb gar helle,
Die Metten in dem Kahn,
Und sieht dabei mit Tränen
Den Fischerknaben an.

Da singt der Knab' gar traurig
Die Metten in dem Kahn
Und sieht dazu Feinsliebchen
Mit stummen Blicken an.

Und rot und immer röter
Wird nun die tiefe Flut,
Und bleich und immer bleicher
Feinsliebchen werden tut.

Der Mond ist schon zerronnen
Kein Sternlein mehr zu sehn,
Und auch dem lieben Mägdlein
Die Augen schon vergehn.

Lieb Mägdlein, guten Morgen,
Lieb Mägdlein gute Nacht!
Warum willst du nun schlafen,
Da schon der Tag erwacht?

Die Türme blinken sonnig,
Es rauscht der grüne Wald,
Vor wildentbrannten Weisen,
Der Vogelsang erschallt.

Da will er sie erwecken,
Daß sie die Freude hör',
Er schaut zu ihr hinüber,
Und findet sie nicht mehr.

Ein Schwälblein strich vorüber,
Und netzte seine Brust,
Woher, wohin geflogen,
Das hat kein Mensch gewußt.

Der Knabe liegt im Kahne
Läßt alles Rudern sein,
Und treibet weiter, weiter
Bis in die See hinein.

Ich schwamm im Meeresschiffe
Aus fremder Welt einher,
Und dacht' an Lieb und Leben,
Und sehnte mich so sehr.

Ein Schwälblein flog vorüber,
Der Kahn schwamm still einher,
Der Fischer sang dies Liedchen,
Als ob ich's selber wär'.

»Auf dem Rhein« von Clemens Brentano

Mittwoch, 8. Juli 2026

Jean de la Fontaine - der französische Homer



Jean de la Fontaine erblickte am 8. Juli 1621 in Chateau-Thierry in der Champagne das Licht der Welt.

Jean de la Fontaine war ein französischer Dichter und Erzähler. Der Schriftsteller gilt als der bedeutendste Verskünstler der französischen Klassik. Naturschilderungen und satirische Gesellschaftsdarstellung sind die Themen seiner in zwölf Büchern zusammengefassten Fabeln.

La Fontaine hat sich den Ruf eines Klassikers erworben. "Notre Homer", unser Homer, nannte ihn der französische Schriftsteller Joseph Joubert in Anlehnung an den berühmtesten Dichter der griechischen Antike.

Mit Fabeln wie »Stadtratte und Landratte« oder »Der Hahn und der Fuchs« wurde Jean de La Fontaine berühmt. Die Motive aus der Antike und dem Orient haben dem Dichter geholfen, mit netten Tiergeschichten die feine Gesellschaft von Frankreich zu kritisieren.

Jean de La Fontaine fasste seine Fabeln und auch weitere im 17. Jahrhundert in Versform. Im Barock, also vom Ende des 16. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, erfreute sich diese Literaturgattung sonst keiner großen Beliebtheit: Sie entsprach in ihrer Schlichtheit nicht dem Zeitgeschmack, anders als in der Epoche der Aufklärung.

La Fontaine schrieb die antiken Texte teils um. Bei ihm ist die Vernunft nicht mehr auf der Seite der Stärkeren, sondern das Lamm ist klüger als der Wolf.

Mit den gattungsspezifischen Mitteln der Fabel verdeutlichte der Schriftsteller Charaktereigenschaften und Handlungsweisen der Menschen. Verschiedenen Tieren wurden bestimmte Züge zugeordnet. Der Fuchs "Reineke" gilt in der Fabel stets als schlau und gerissen.

In La Fontaines Tierfabeln sind es vielfach die kleinen Kreaturen, aus deren Fehlern der Leser eine Lehre zieht. Die größeren Tiere werden kaum als gute oder bewundernswerte Figuren dargestellt, sondern sind lediglich Symbole der Mächtigen und Reichen.

In seinen späten Fabeln hat La Fontaine häufig das Verhältnis von Oben und Unten thematisiert. Er wollte das Urteilsvermögen und die Sitten für das wahrhaft Große empfänglich machen. schrieb er.

Weblinks:

  • Biografie und Online-Versionen der Fabeln (französisch)


  • »Der Rabe und der Fuchs« von Jean de La Fontaine



    Es war einmal ein Rabe, der hatte sich einen ganzen Käse ergattert und flog stolz und glücklich damit auf einen Baum, um ihn sich dort schmecken zu lassen. Angelockt durch den Duft des Käses kam ein Fuchs angelaufen. Er setzte sich unter den Baum, auf dem der Rabe saß und schmeichelte:

    „Wie froh bin ich, Euch einmal persönlich anzutreffen. Man hat mir erzählt, dass Ihr der beste Sänger in der ganzen Umgebung wärt. Eure Stimme soll unübertroffen sein. Ist das wahr? Ihr würdet mein Herz erfreuen, wenn Ihr mir eine Probe Eures wunderbaren Gesangs geben würdet".

    Solche Worte hörte der Rabe sehr gerne. Er richtete sich auf und begann sofort, auf Rabenart zu krächzen. Dabei entglitt ihm der Käse und landete auf dem Boden, unmittelbar vor den Vorderpfoten des Fuchses. Der schnappte ihn sich und trug ihn in Sicherheit. Vorher aber rief er noch dem Raben zu: „Ein Glück für mich, dass Du so eitel bist. So bin ich jetzt zu diesem wohlschmeckenden Käse gekommen. Auf Deinen Gesang kann ich dagegen gerne verzichten".

    Fazit: Hüte Dich vor Schmeicheleien und bleibe kritisch auch gegenüber Dir selbst und Deinen Fähigkeiten.

    Jean de La Fontaine fasste seine Fabeln im 17. Jahrhundert in Versform. Im Barock, also vom Ende des 16. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, erfreute sich diese Literaturgattung sonst keiner großen Beliebtheit: Sie entsprach in ihrer Schlichtheit nicht dem Zeitgeschmack, anders als in der Epoche der Aufklärung.

    Mit den gattungsspezifischen Mitteln der Fabel verdeutlichte der Schriftsteller Charaktereigenschaften und Handlungsweisen der Menschen. Verschiedenen Tieren wurden bestimmte Züge zugeordnet. Der Fuchs "Reineke" gilt in der Fabel stets als schlau und gerissen.


    Eine Fabel ist eine kurze Geschichte mit einer einleuchtenden Moral am Ende. Sie ist eine knappe Erzählung, deren Intention darin besteht, eine Lehre zu vermitteln. Die Einheit von Zeit, Ort, Handlung ist charakteristisch. Das war, gewissermaßen, die Fabel in einer Nussschale.


    Dienstag, 7. Juli 2026

    Gottfried Benn 70. Todestag


    Gottfried Benn starb vor 70 Jahren am 7. Juli 1956 in Berlin.

    Gottfried Benn war einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller und Dichter des 20. Jahrhunderts. Er gilt als Dichter der Moderne zwischen Nihilismus und Neuer Sachlichkeit sowie als unpolitischer Ästhet.

    Der Mitbegründer des literarischen deutschen Expressionismus stellte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die herkömmliche Vorstellung von Lyrik radikal in Frage. Seine Darstellung der Banalität und Vergänglichkeit der menschlichen Existenz war eine echte Provokation.

    Was kann der Dichter mit der Welt anfangen? - Der Dichter Benn hat mit seinem geistigen Expressionismus den kalten Hauch der Medizin und die kalte medizinische Terminologie in die Lyrik gebracht. Als angehender Pathologe und Arzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten veröffentlichte er 1912 seine erste Gedichtsammlung »Morgue« *.

    Darin zeichnete er die Welt als "Krebsbaracke" und versetzte der Zivilisation vor dem Ersten Weltkrieg einen kräftigen Stoß.
    Dieser Band wurde von der Avantgarde gefeiert, da er die herkömmliche Form der Lyrik inhaltllich und durch seinen Umgang mit der Sprache radikal in Frage stellte.

    Seine schonungslos genauen Beschreibungen von Krankheit und Tod provozierten, aber sie faszinierten bei aller Kälte der Beobachtung durch die Form, die surreale Sprache mit ihrer Sogwirkung.

    Die Gedichte dieser Sammlung hatten einen bestimmenden Einfluss auf die expressionistische deutsche Lyrik. Dies gilt auch für die Novellensammlung "Gehirne", die um den Arzt Dr. Rönne, ein Alter Ego Benns, kreisen. 1930 schrieb er zusammen mit dem Komponisten Paul Hindemith das Oratorium »Das Unaufhörliche«.

    Benn traute allein der Dichtung, nicht zuletzt seiner eigenen, die Kraft der Erlösung zu - symptomatisch hierfür ist sein Diktum: "Am Anfang war das Wort und es wird auch am Ende sein." An ein persönliches Glück glaubte der Melancholiker Benn dagegen nicht, geschweige denn an einen Sinn der Geschichte.

    Wie viele Dichter hatte auch Benn als unpolitischer Ästhet keine glückliche politische Haltung eingenommen.  Sein antibürgerliches und antikapitalistisches Ressentiment hat Benn dazu verleitet, einen autoritären Staat und sogar terroristische Gewalt zu bejahen. Benn war nicht nur ein stiller Sympathisant, sondern unterstützte vor allem durch Radio-Essays die Politik Hitlers tatkräftig.

    NS-Zeit Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten dann der Sündenfall: Benn bejahte den neuen Staat und hielt Hitler für einen grossen Staatsmann. Der Dichter der Moderne diente sich den Nazis an und verhöhnte die Emigranten.

    Benn ließ im Jahr 1933 zu einer uneinsichtigen Auffassung hinreißen und bereute es ein Jahr später bitter: Im "Dritten Reich" sah er zunächst den Aufbruch in ein Zeitalter, in dem sich endlich das Elementare wieder Bahn bricht. Benn war nicht nur ein stiller Sympathisant, sondern unterstützte vor allem durch Radio-Essays die Politik Hitlers tatkräftig.

    Anders als Ernst Jünger, der sich 1933 allen nationalen Appellen in die Provinz entzog, meinte ausgerechnet der unpolitische Ästhet und Kassenarzt Gottfried Benn 1933 «die Geschichte» sprechen zu hören. »Halte dich nicht auf mit Widerlegungen und Worten, habe Mangel an Versöhnung, schließe die Tore, baue den Staat!«, trompetete er 1933 ins nationalsozialistische Horn. Überraschend für alle literarischen Zeitgenossen der Weimarer Zeit war der kalte Intellektualist Benn in die Fänge der warmen Volksgemeinschaft geraten.

    Benn hatte sich in einer Rundfunkansprache im April 1933 für den neuen deutschen Staat ausgesprochen, zu dem es, nach dem Debakel der Weimarer Republik, keine politische Alternative gab.

    Gottfried Benn. Genie und Barbar Mit seiner unkritischen Einstellung zum Nationalsozialismus diskredierte er seinen Ruf. Nach seinem politischen Fehltritt gab Benn, der eine militärärztliche Ausbildung erhalten hatte, 1935 seine private Praxis für Haut- und Geschlechtskrankheiten auf und kehrte zur Armee zurück - für ihn war dies "die aristokratische Form der Emigration".

    Nachdem Benn selber 1936 von den Nazis attackiert und später mit Schreibverbot belegt wurde, wandte er sich schon bald vom Nationalsozialismus ab und ging er in die innere Emigration. 1938 wurde Benn aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen und erhielt Schreibverbot.

    Gottfried Benn Obwohl er sich schon bald vom Nationalsozialismus abwandte und diesen in Briefen kritisierte, ist der Vorwurf der politischen Blindheit für die Einschätzung seiner Bedeutung gravierend gewesen.

    1945 kehrte der Arzt und Lyriker Benn nach Berlin zurück und begann wieder mit seiner Tätigkeit als Arzt. Seine Frau Herta hatte sich am 2. Juli auf der Flucht vor den eindringenden russischen Truppen das Leben genommen.

    Seit dem Herbst 1948 durfte Benn wieder in Deutschland veröffentlichen. Zuerst erschien jedoch im Schweizer Arche-Verlag der Band »Statische Gedichte«. Der Verleger Max Niedermayer hatte die Druckerlaubnis in Deutschland erwirken können.

    „Wenn man wie ich die letzten fünfzehn Jahre lang von den Nazis als Schwein, von den Kommunisten als Trottel, von den Demokraten als geistig Prostituierter, von den Emigranten als Überläufer, von den Religiösen als pathologischer Nihilist öffentlich bezeichnet wird, ist man nicht so scharf darauf, wieder in die Öffentlichkeit einzudringen..." (1949).

    In den folgenden Jahren der frühen Bundesrepublik erlebte Benn einen rasanten Aufstieg. 1949 erschienen vier Bücher von Benn. Mit der Verleihung des Büchner-Preises 1951 fand seine Karriere ihren vorläufigen Höhepunkt.

    Der dichtende Doktor Benn erlebte erst 1948 mit der in der Schweiz erschienene Gedichtsammlung »Statische Gedichte«, gefolgt von »Der Ptolemäer« (1949), den wirklichen Durchbruch. Die Gedichtsammlung »Statische Gedichte« begründete seinen späten Ruhm.

    Im Literaturbetrieb der Adenauer-Zeit nahm Benn durch seine Publikationen eine Sonderstellung ein.

    Gottfried Benn litt seit Beginn des Jahres 1956 sehr unter Schmerzen, deren Ursache jedoch erst kurz vor seinem Tod eindeutig festgestellt wurde (Knochenkrebs). Er starb nur wenige Wochen nach seinem 70. Geburtstag am 7. Juli 1956 in Berlin und liegt auf dem Waldfriedhof in Berlin-Dahlem begraben.

    Gottfried Benn wurde am 2. Mai 1886 in Mansfeld in Brandenburg als Sohn eines evangelischen Pfarrers geboren.

    * Morgue = Pariser Leichenschauhaus

    Weblinks:

    Gottfried Benn Gesellschaft - www.gottfriedbenn.de

    Gottfried Benn - Der dichtende Doktor - www.stuttgarter-zeitung.de

    Gottfried Benn - Kultiversum - www.kultiversum.de

    Gottfried Benn-Biografie - Biografien-Portal www.die-biografien.de

    Gottfried Benn-Zitate - Zitate-Portal www.die-zitate.de

    Sonntag, 5. Juli 2026

    Vor 175 Jahren erschien »Onkel Toms Hütte«

    Onkel Toms Hütte Onkel Toms Hütte


    Vor 175 Jahren erschien »Onkel Toms Hütte« - ein aufwühlender Roman zwischen Kampfschrift und Kitsch. Nachdem am 5. Juli 1851 in einer Zeitschrift das erste Kapitel von Harriet Beecher Stowes Roman »Onkel Toms Hütte« erschienen war, wurde der Roman zum weltberühmten Besteller. Unter schwarzen Bürgerrechtlern geriet Onkel Tom dagegen zum Schimpfwort.

    Mitte des 19. Jahrhunderts, als in Deutschland literarisch Biedermeier und Vormärz bestimmten, verfasste die Pfarrerstochter Harriet Beecher-Stowe im Jahr 1852 einen tief berührenden Roman, der zu gleichen Teilen die Unmenschlichkeit der Sklaverei in den Vereinigten Staaten und das Unvermögen der Gesellschaft, sich von dieser zu befreien, in seinen Mittelpunkt stellt.

    Ihr bekanntestes aufrüttelndes Buch »Onkel Toms Hütte« (1852) entstand nach Reise in die Südstaaten und beschreibt als erstes Werk der damaligen Zeit klar und deutlich die Differenzen zwischen beiden Staatsregionen. Gegen die Intention der Autorin trug das Buch zum Ausbruch des Bürgerkriegs bei.



    Als der Farmbesitzer Mr. Shelby aus Kentucky in Schulden und Zahlungsschwierigkeiten gerät, muss er sich schweren Herzens von einigen seiner wertvollsten Besitztümer trennen. Notgedrungen verkauft er seinen treuen und gutherzigen Sklaven Tom, so wie das Kind seines reizenden Hausmädchens an einen dubiosen Sklavenhändler namens Haley. Obwohl seine Familie Einspruch gegen den Verkauf des geliebten "Onkel Tom" und den unmoralischen Umstand, ein knapp fünfjährigen Kind seiner Mutter zu entreißen, erhebt, kommt der Deal zustande.

    Während die Mutter des Kindes, wie auch dessen Vater kurz zuvor, sich für eine risikoreiche Flucht aus dem sicheren Hafen in Richtung Kanada entscheidet, begibt sich Tom auf eine langjährige Odyssee und lernt zahlreiche Facetten der Sklaverei, vom Dienst in einer feinen Familie in New Orleans bis hin zum harten Los des Plantagenarbeiters irgendwo am sumpfigen Red River, kennen. In welche Situation er auch immer gerät, in seiner zerknautschten Bibel findet er stets Trost und predigt deren Inhalte gegenüber seinen Leidensgenossen, die aus der christlichen Botschaft, trotz aller Widersprüche zur Sklaverei, stets Mut und Zuversicht ziehen. Doch seine Rolle wird nicht von allen in seinem Umfeld gerne gesehen und so gerät er ins Visier der unmenschlichen Sklaventreiber und in den Sog der Ohnmacht einer ganzen Gesellschaftsstruktur.

    Anhand des Schicksals "Onkel Toms", der durch eine ganze Reihe von Besitzern, die charakterlich kaum unterschiedlicher sein könnten, gereicht wird, offenbaren sich zahlreiche Auswüchse der "Unsitte" der Sklavenhaltung. Neben den erwartbaren Darstellungen des harten Alltag der Sklaven, widmet sich Beecher-Stowe aber auch vielen religionsphilosophischen und vor allem gesellschaftspolitischen Gedankengängen, die ehrlicher kaum sein könnten. Ein Beispiel: In einer fast schon nebensächlichen Szene offenbart ein Nutznießer der Sklaverei, dass es den "Nordstaaten" - der Sezessionskrieg ist noch einige Jahre entfernt - wohl kaum gefallen werde, wenn man im Süden den Forderungen der Abolitionisten - diejenigen, die für die sofortige Abschaffung der Sklaverei waren - unverzüglich nachkäme und man dann mit einer wahren Flüchtlingswelle rechnen müsse, die sich nachhaltig auf die Gesellschaftsstruktur des Nordens auswirken würde.

    Die Autorin legt hier den Finger in eine historisch sicher nicht zu vernachlässigende Wunde, welche die Vorwürfe, es handele sich bei "Onkel Toms Hütte" um ein fast schon zu "romantisches" Werk, mit einseitigem Blick auf die "bösen" Sklavenstaaten, wunderbar entkräftet. Natürlich trägt der Umstand, dass es sich bei der vorliegenden dtv-Fassung um die ungekürzte Ausgabe handelt, sicher maßgeblich dazu bei und man kommt nicht daran vorbei festzustellen, dass die langzeitige Vereinnahmung des Werkes als Kinderliteratur mehr als unzureichend und eigentlich sogar unwürdig war.

    Der Roman ist, dem Stil der damaligen Zeit entsprechend, oft ausschweifend, aber auch voll tiefschürfender Theologie. Nicht zuletzt aufgrund der universellen Gültigkeit zahlreicher Aussagen, ist "Onkel Toms Hütte" auch im 21. Jahrhundert noch ein wertvolles Stück Literaturgeschichte.

    Literatur:

    Onkel Toms Hütte Onkel Toms Hütte von Harriet Beecher-Stowe

    Freitag, 26. Juni 2026

    Ingeborg Bachmann 100. Geburtstag

    Ingeborg Bachmann


    Ingeborg Bachmanns Geburtstag jährt sich am 25. Juni zum 100. Mal. Ingeborg Bachmann wurde am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren. Lyrikerin, Erzählerin, Essayistin.

    Im Alter von 11 Jahren erlebte Ingeborg Bachmann den Einmarsch von Hitlers Truppen in ihrem Heimatort Klagenfurt. Das Trauma der abrupt verlorenen Kindheit überwand sie nie.

    Ihr Leben lang schrieb sie mit kraftvoller Poesie für eine bessere Gesellschaft und gegen die Unterdrückung des Individuums. Im Lieben und in der Suche nach dem Glück war sie so kompromißslos wie in ihrem Schreiben.



    1952 nahm die Lyrikerin an ihren ersten Lesung bei der »Gruppe 47« teil. Sie wurde mit vielen Lieraturpreisen ausgezeichnet: Bremer Literaturpreis, Hörspielpreis, Georg-Büchner-Preis, Großer Österreichischer Staatspreis, Anton-Wildgans-Preis.

    Ingeborg Bachmann ist vielen mehr durch den berühmten Literaturpreis Österreichs bekannt oder vor allem als Lyrikerin.


    Der Ton ihres Schaffens erinnert in den mythologischen Anklängen ein wenig an Christa Wolfs "Kassandra" oder an den feierlichen Ton klassizistischer Lyrik, etwa Schiller oder Hölderlin. Nicht selten entsteht beim Lesen eine Sogwirkung, da sich hinter dem prosaischen Zauber mehr, weit mehr zu verbergen scheint, als nur das geschriebene Wort. Bachmanns Charaktere reichen weit in die Tiefe, es fehlt also auch nicht an psychologischem Potenzial der Figuren.



    Nach der Trennung von Max Frisch und einem psychischen Zusammenbruch zog Bachmann zunächst nach Berlin und 1965 nach Rom, wo sie weiter an ihrem vermutlich 1962 begonnenen Todesarten-Projekt arbeitete. Über Jahre entwarf sie neue Konzepte für den Zyklus, ohne ein Buch abschließen zu können, und geriet immer mehr unter den Druck der Verleger. 1970, zehn Jahre nach ihrem ersten Prosaband »Das dreißigste Jahr«, erschien »Malina« in ihrem neuen Verlag Suhrkamp.

    Sie lebte nach Aufenthalten in München und Zürich viele Jahre in Rom, wo sie am 17. Oktober 1973 starb. Zwei Jahre vor ihrem Tod veröffentlichte sie ihren einzigen Roman "Malina", ein stark autobiografisch geprägtes Buch.

    Weblinks:

    Ingeborg Bachmann-Biografie - Biografien-Portal - www.die-biografien.de

    Ingeborg Bachmann-Zitate - Zitate-Portal - www.die-zitate.de

    Donnerstag, 11. Juni 2026

    »Der Abend« von Joseph von Eichendorff



    Schweigt der Menschen laute Lust:
    Rauscht die Erde wie in Träumen
    Wunderbar mit allen Bäumen,
    Was dem Herzen kaum bewusst,
    Alte Zeiten, linde Trauer,
    Ach, es schweifen leise Schauer
    Wetterleuchtend durch die Brust.

    Bayerischer Wald Fotos Bilder


    »Der Abend« von Joseph von Eichendorff



    Video:

    "Der Abend" von Joseph Freiherr von Eichendorff - Youtube

    Samstag, 23. Mai 2026

    »Die Leiden des jungen Werther« von Johann Wolfgang Goethe

    Werther


    Goethes »Werther« ist neben dem »Faust« das berühmteste Werk des großen Weimarer Klassikers und nicht umsonst einer der meist gelesenen Romane der deutschsprachigen Literatur überhaupt. Von unvergleichlicher Schönheit und Melancholie ist die Dreiecksgeschichte um Werther, Lotte und Albert. Eine ergreifende Erzählung von Liebe, Jugend und Schmerz. (Fassung von 1787)

    Die Leiden des jungen Werthers, im Herbst 1774 anonym erschienen und als authentisches Konvolut von Briefen eines Selbstmörders aus Liebe sich gebend, mischen die literarische Szene der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in bis dahin ungekannter Weise auf.

    Werther ist gar nicht melancholisch, er ist blind vor Liebe. Er sieht die Dinge so, wie er sie gerne haben will und nicht so, wie sie sind. Wer musste nicht schon einmal im Leben die Erfahrung machen, sich in jemanden verguckt zu haben? Er sollte mal besser hingucken, dann würde er nämlich sehen, daß seine angebetete Lotte längst mit dem Albert zusammen ist.



    "Die meisten verarbeiten den größten Teil der Zeit, um zu leben, und das bisschen,
    das ihnen von Freiheit übrig bleibt, ängstigt sie so, dass sie alle Mittel aufsuchen,
    um es los zu werden."


    Johann Wolfgang von Goethe, »Die Leiden des jungen Werther«


    Und genau genommen nicht nur die literarische Szene, wird in der zeitgenössischen Erstrezeption dieses provokant über alle Konventionen sich hinwegsetzenden Textes seine Literarizität doch vielfach gerade übersprungen.

    Hinter der in der Rezeption gefeierten, verdammten oder einfach nur als Wirkung erfahrenen Unmittelbarkeit des Werther, die auch Werther selbst in seinen Briefen nicht müde wird zu beschwören, steht ein aufs raffinierteste kalkuliertes Kunstwerk eines gerade einmal fünfundzwanzigjährigen Autors.

    Werther steht mit ausgebreiteten Armen am Abgrund und ruft: »Hinab! Hninab!«

    Literatur:

    Die Leiden des jungen Werther
    Die Leiden des
    jungen Werther
    von Johann Wolfgang Goethe

    Mittwoch, 20. Mai 2026

    »Der Erlkönig« von Johann Wolfgang von Goethe


    Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
    Es ist der Vater mit seinem Kind;
    Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
    Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.

    Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? -
    Siehst Vater, du den Erlkönig nicht?
    Den Erlenkönig mit Kron und Schweif? -
    Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. -

    "Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
    Gar schöne Spiele spiel ich mit dir;
    Manch bunte Blumen sind an dem Strand,
    Meine Mutter hat manch gülden Gewand."

    Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
    Was Erlenkönig mir leise verspricht? -
    Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
    In dürren Blättern säuselt der Wind. -

    "Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
    Meine Töchter sollen dich warten schön;
    Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
    Und wiegen und tanzen und singen dich ein."

    Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
    Erlkönigs Töchter am düstern Ort? -
    Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau:
    Es scheinen die alten Weiden so grau. -

    "Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
    Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt."
    Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!
    Erlkönig hat mir ein Leids getan! -

    Dem Vater grauset's, er reitet geschwind,
    Er hält in den Armen das ächzende Kind,
    Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
    In seinen Armen das Kind war tot.

    »Der Erlkönig« von Johann Wolfgang von Goethe (1788)



    Video:

    Der Erlkönig - Youtube

    Samstag, 16. Mai 2026

    »Mailied« von Johann Wolfgang von Goethe



    Wie herrlich leuchtet
    mir die Natur!
    Wie glänzt die Sonne!
    Wie lacht die Flur!

    Es dringen Blüten
    aus jedem Zweig
    und tausend Stimmen
    aus dem Gesträuch.

    Und Freud und Wonne
    aus jeder Brust.
    O Erd, o Sonne!
    O Glück, o Lust!

    O Lieb, o Liebe!
    So golden schön,
    wie Morgenwolken
    auf jenen Höhn!

    Du segnest herrlich
    das frische Feld,
    im Blütendampfe
    die volle Welt.

    O Mädchen, Mädchen,
    wie lieb ich dich!
    Wie blinkt dein Auge!
    Wie liebst Du mich!

    So liebt die Lerche
    Gesang und Luft,
    und Morgenblumen
    den Himmelsduft,

    wie ich dich liebe
    mit warmem Blut
    die du mir Jugend
    und Freud und Mut

    zu neuen Liedern
    und Tänzen gibst.
    Sei ewig glücklich,
    wie du mich liebst!

    »Mailied« von Johann Wolfgang von Goethe



    Donnerstag, 7. Mai 2026

    Existenzialismus in den Romanen von Max Frisch




    Die existenzialistische Philosophie ist für das Werk von Max Frisch von zentraler Bedeutung. Dabei zeigt sich, dass in verschiedenen Phasen seines Schaffens jeweils andere existenzialistische Strömungen im Vordergrund standen.

    Wenn von Existenzialismus im Werk von Max Frisch die Rede ist, so denkt  man dabei wohl in erster Linie an den  Stiller , der durch sein Kierkegaard - Motto am eindeutigsten  auf  existenzialistisches Gedankengut Bezug  nimmt.  Die  entschei dende  Frage  scheint  dann  zu  sein,  inwieweit  Frisch  den  religiösen  Implikationen  in  Kierkegaards  Denken  folgt  bzw.  ob  der  Roman überhaupt so eng auf dieses beziehbar ist, wie  es  das Motto nahe  zu legen scheint.

    Außer Acht gelassen wird dabei, dass Frisch sich bereits in seinem frühen, erstmals 1943 erschienenen Roman Die Schwierigen  (überarb.  Fassung  1957) aufexistenzialistisches Gedankengut bezogen  hat, sich dabei jedoch stärker auf Nietzsche als auf Kierkegaard gestützt hat. Vor diesem Hintergrund ist die entscheidende Frage nicht, welche Rolle die Kierkegaard - Rezeption für Frischs Romane der 50er Jahre spielt, sondern wie es dazu kommen konnte, dass Frisch nach; seinen konsequent nicht - metaphysischen Anfängen auf diesen dezidiert religiösen  Denker zurück - gegriffen hat.

    Dieser Frage soll im Folgenden nachgegangen werden, ehe  in einem zweiten Schritt auf die Diskussion um die Kierkegaard - Rezeption  in  Frischs späteren Werken ein gegangen wird. Daran anschließen werden  sich Überlegungen zur  möglichen  Bedeutung  anderer existenzialistisch ori - entierter  Denker  für  Frischs  Werk,  ehe  auf  die  Bedeutung  von  Frischs  Existenzialismus - Rezeption für d en Gesamtzu sammenhang seines Werkes  sowie  – in  einem  umfassenderen  Sinn  – für  die  Untersuchung  der  Beziehungen zwischen Literatur und Philosophie eingegangen wird.

    Betont werden muss zunächst, dass sich Kierkegaard und Nietzsche zwar  in  der  Beantwortung  der  Frage  nach  der  Möglichkeit  und  Bedeutung  des  christlichen  Glaubens  radikal  voneinander  unterscheiden,  dass  aber  die  Fragwürdigkeit des Glaubens für beide ein  – im Falle Kierkegaards  der  – zentrale  Impuls  ihres  Denkens  war.  Von  Karl  Jaspers  wird  Kierk egaard  denn  auch "neben  Nietzsche  gestellt" (Richter  1960:  171) .

    Ein  weiterer  Grund  hierfür  ist,  dass  beide  (in  Abgrenzung  zu  den  Hegelianern)  einen  radikal  auf  die  menschliche  Existenz  b ezogenen  Neua nsatz  des  Denkens  postuliert haben .  Der Schritt vom ein en zu dem anderen Denker erscheint  demnach  auf  der  formalen  Ebene  weit  weniger  groß  als  auf  der  inhaltli - chen.  Dennoch  fällt  – geht  man  von  Passagen  des  Stiller  aus,  in  denen  etwa  die  Selbstannahme  mit  einem  "Schritt  in  den  Glauben"  verknüpft  wird (s.u.)  – auf den ersten Blick vor allem der Abstand ins Auge, der die  3 lebensphi losophisch  inspirierten  Schwierigen  von  F rischs  späteren  Roma - nen trennt.

    Weblink:

    Existenzialismus in den Romanen von Max Frisch

    https://rotherbaron.com/2016/04/10/existenzialismus-in-den-romanen-von-max-frisch/ 

    Samstag, 2. Mai 2026

    »Don Quijote« von Miguel de Cervantes

    Don Quijote und Sancho Pansa

    »Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha« von Miguel de Cervantes Saavedra ist ein 1605 bis 1615 entstandener Roman. Der erste Teil wurde 1605, der zweite 1615 veröffentlicht. »Don Quijote«, ein großer Roman über Weltfremdheit und ein längst ausgestorbenes spanisches Rittertum. Als Verkörperung der Ehre war die Figur für Camus der Inbegriff Spaniens. Der Roman ist ein wahres Königtum des phantasievollen Einfallsreichtums.

    Er erzählt von einer längst vergangenen Zeit, als noch das fahrende Rittertum in Glanz und Glorie auf dem Erdenrund erblühte. Der Roman handelt über ein Traumgebilde als Hirngespinst und einen irrenden Helden. Der Autor hat eine ausführliche Parodie auf die so beliebten Ritterromane seiner Zeit verfasst.

    Alonso Quijana hat zu viele Ritterromane gelesen und darüber den Verstand verloren. Bedrückt von all dem Unrecht, das er sieht, fasst er den Beschluss ein fahrender Ritter zu werden und für das Gute zu kämpfen. Er verwandelt sich in den edlen Ritter »Don Quijote de la Mancha«. Begleitet wird er von dem kleinen aber schlauen Bauern Sancho Pansa, der ihm als sein Knappe treu in jedes Abenteuer folgt. Don Quijote sieht die Welt mit anderen Augen.

    Don Quijote
    Don Quijote

    Mit grandiosem Einfallsreichtum erzählt Cervantes von den Abenteuern des verarmten Adligen, der in einer Traumwelt vergangener Ritterzeiten lebt, und seines treuen Waffenträgers Sancho Pansa. Ähnlich wie Goethes »Faust« für die Deutschen ist »Don Quijote« für die Spanier zum Sinnbild eines nationalen Genius geworden. Die Sympathie des Erzählers für seine Figuren und sein liebevoll-ironischer Ton machen Don Quijote zum wunderbarsten Antihelden der Weltliteratur.


    Aus einer bescheidenen Abstammung macht er etwas Ruhmreiches, ist wohltätig und zeigt Mitleid, besonders dann, wenn er Rachte üben kann. Er lebt im innerene Exil und kämpft im Namen der Freiheit, obwohl seine Zeit eher Unterwürfigkeit bevorzugte.

    »Don Quijote« kämpft, gibt aber niemals auf. »Don Quijote« ist eine Gestalt des Widerstands, nicht der Utnterdrückung. Er isrt Leitbild der Entrechteten und Verfolgten. Der Ritter von der traurigen Gesatlt ist der Ingbegriff von Widerstand und Zielstrebigkeit. Es ist bekannt, für wen das Herz des spanischen Ritters schlug: für die Entrechteten und Unterdrückten, für die Besiegten und Gedemütigten.

    Die Abenteuer des Möchtegern-Ritters »Don Quijote von der Mancha« erschienen 1605 und 1615 in zwei Teilen. Cervantes begründete damit die neue Gattung »Roman« und machte sich und den verträumten Landadeligen Alonso Quijano mit seinem bäuerlichen Knappen Sancho unsterblich. Cervantes hat einen Ritter für die Ewigkeit geschaffen.

    1605 ließ Miguel de Cervantes den ersten Teil erscheinen. Zehn Jahre später folgte der zweite. Gut 400 Jahre später steht außer Zweifel, dass es sich um sogenannte Weltliteratur handelt, um eine Literatur, die überall und jederzeit gilt, die jede Menge Inspirationspotenzial hat und dennoch - jenseits von Deutung oder Überinterpretation - für jede und jeden verständlich daherkommt.

    Kaum ein Roman der Weltliteratur hat eine ähnlich anregende, fruchtbare kultur- und geistesgeschichtliche Wirkung gehabt und war gleichzeitig so vielen Deutungen und Missdeutungen ausgesetzt wie dieser. Ohne »Don Quijote«, dessen weltliterarische Bedeutung außerhalb Spaniens erst im 18. Jahrhundert zur Gänze erkannt wurde, ist der neue europäische Roman nicht denkbar.


    Cervantes´ »Don Quijote« ist nicht nur Glanz und Gloria des Ritterromans, sondern ein zeitloses Meisterwerk, welches durch kolossale Sprachgewalt, köstlichem Humor und einem außerordentlichen Protagonisten, dem unvergleichlichen und unübertrefflichen Don Quijote von der Mancha, zum Leben erwacht.

    Der Autor hat eine ausführliche Parodie auf die so beliebten Ritterromane seiner Zeit verfasst und wider jedem Erwarten spielen nicht nur Windmühlen eine eher untergeordnete Rolle, sondern es lassen sich in diesem potentiell verstaubt anmutenden Werk sogar einige moderne Ansichten wiederfinden.

    Die Geschichte beginnt mit dem Vorhaben eines verarmten Adligen ein fahrender Ritter werden zu wollen. Er möchte auf diese Weise seinen großen Vorbildern aus diversen phantastischen Romanen nacheifern und durch sein einnehmendes Wesen überzeugt er auch seinen Nachbarn Sancho Panza von der Idee, der ihn daraufhin als treuer Knappe begleitet.

    Die anschließende Bücherverbrennung durch Bekannte Don Quijotes, die seine Bücher eindeutig als Ursache seines Wahns erkannt haben wollen, ist für wahre Leseratten zwar schmerzhaft, aber durchaus auch eine gelungene Möglichkeit sich mit einigen der parodierten Geschichten vertraut zu machen.

    Danach geht es auf der zweiten Fahrt so richtig los mit den bunten Abenteuern des fahrenden Ritters von der Mancha. Ab etwa der Hälfte des ersten Buches, wo sich einige Leute aus Don Quijotes Dorf aufmachen, um ihn zu heilen, änderte sich das aber und ich musste mich wirklich teilweise beim Schmunzeln und in seltenen Fällen sogar bei Lachen erwischen.

    Vor allem das zweite Buch ist sehr philosophisch und psychologisch angehaucht und das Lesen hat mir große Freude bereitet. Ganz großartig fand ich auch diese von mir gewählte Ausgabe. Die Übersetzerin hat sich vor allem bei den Anmerkungen große Mühe gegeben und ich habe dadurch viel sowohl über das Leben im Spanien des 17. Jahrhunderts als auch über die Lebensumstände und Denkweisen des Autors gelernt.
    Hintergrund.

    Zu den beliebtesten Lektüren des späten Mittelalters zählten die Ritterromane, besonders der Roman Amadis von Gallien. Steigende Nachfrage der Leserschaft führte zu einer Flut neuer Fortsetzungen, in denen immer fantastischere, unglaubwürdigere Abenteuer geschildert wurden, die – nach Meinung der Gebildeten jener Zeit – die Gehirne der Leser vernebelten.

    Hier setzt der Verfasser an. Sein Don Quijote soll nicht nur die Ritterromane parodieren, sondern auch vor Augen führen, wie deren übermäßige Lektüre den Verstand raubt. Die Geschichte selbst lässt Cervantes von einem fiktiven Erzähler, dem Cide Hamete Benengeli, berichten.

    Weltliteratur, die man gelesen haben sollte:

    Don Quijote
    Don Quijote
    von Miguel de Cervantes - Original-Don-Quijote-Roman

    Don Quijote
    Don Quijote
    von Miguel de Cervantes

    Don Quijote von der Mancha Teil I und II: Roman
    Don Quijote von der Mancha Teil I und II: Roman
    von Miguel de Cervantes


    Weblinks:

    Miguel Cervantes-Biografie - Biografien-Portal - www.die-biografien.de

    Ein Ritter für die Ewigkeit - SN - www.salzburg.com

    Klassiker der Weltliteratur: Miguel de Cervantes - "Don Quijote" | BR-alpha - Youtube - www.youtube.com

    Donnerstag, 30. April 2026

    »Walpurgisnacht«, »Faust I« von J.W. von Goethe





    Walpurgisnacht

    Harzgebirg

    Gegend von Schierke und Elend

    Faust. Mephistopheles.


    Mephistopheles:

    Verlangst du nicht nach einem Besenstiele?
    Ich wünschte mir den allerderbsten Bock.
    Auf diesem Weg sind wir noch weit vom Ziele.

    Faust:

    Solang ich mich noch frisch auf meinen Beinen fühle,
    Genügt mir dieser Knotenstock.
    Was hilft's, daß man den Weg verkürzt! –
    Im Labyrinth der Täler hinzuschleichen,
    Dann diesen Felsen zu ersteigen,
    Von dem der Quell sich ewig sprudelnd stürzt,
    Das ist die Lust, die solche Pfade würzt!
    Der Frühling webt schon in den Birken,
    Und selbst die Fichte fühlt ihn schon;
    Sollt er nicht auch auf unsre Glieder wirken?

    Mephistopheles:

    Fürwahr, ich spüre nichts davon!
    Mir ist es winterlich im Leibe,
    Ich wünschte Schnee und Frost auf meiner Bahn.
    Wie traurig steigt die unvollkommne Scheibe
    Des roten Monds mit später Glut heran
    Und leuchtet schlecht, daß man bei jedem Schritte
    Vor einen Baum, vor einen Felsen rennt!
    Erlaub, daß ich ein Irrlicht bitte!
    Dort seh ich eins, das eben lustig brennt.
    Heda! mein Freund! darf ich dich zu uns fodern?
    Was willst du so vergebens lodern?
    Sei doch so gut und leucht uns da hinauf!

    Irrlicht:
    Aus Ehrfurcht, hoff ich, soll es mir gelingen,
    Mein leichtes Naturell zu zwingen;
    Nur zickzack geht gewöhnlich unser Lauf.

    Mephistopheles:
    Ei! Ei! Er denkt's den Menschen nachzuahmen.
    Geh Er nur grad, in 's Teufels Namen!
    Sonst blas ich ihm sein Flackerleben aus.

    Irrlicht:
    Ich merke wohl, Ihr seid der Herr vom Haus,
    Und will mich gern nach Euch bequemen.
    Allein bedenkt! der Berg ist heute zaubertoll
    Und wenn ein Irrlicht Euch die Wege weisen soll
    So müßt Ihr's so genau nicht nehmen.

    Faust,
    Mephistopheles,
    Irrlicht
    (im Wechselgesang):

          In die Traum- und Zaubersphäre
          Sind wir, scheint es, eingegangen.
          Führ uns gut und mach dir Ehre
          Daß wir vorwärts bald gelangen
          In den weiten, öden Räumen!
          Seh die Bäume hinter Bäumen,
          Wie sie schnell vorüberrücken,
          Und die Klippen, die sich bücken,
          Und die langen Felsennasen,
          Wie sie schnarchen, wie sie blasen!

          Durch die Steine, durch den Rasen
          Eilet Bach und Bächlein nieder.
          Hör ich Rauschen? hör ich Lieder?
          Hör ich holde Liebesklage,
          Stimmen jener Himmelstage?
          Was wir hoffen, was wir lieben!
          Und das Echo, wie die Sage
          Alter Zeiten, hallet wider.

          »Uhu! Schuhu!« tönt es näher,
          Kauz und Kiebitz und der Häher,
          Sind sie alle wach geblieben?
          Sind das Molche durchs Gesträuche?
          Lange Beine, dicke Bäuche!
          Und die Wurzeln, wie die Schlangen,
          Winden sich aus Fels und Sande,
          Strecken wunderliche Bande,
          Uns zu schrecken, uns zu fangen;
          Aus belebten derben Masern
          Strecken sie Polypenfasern
          Nach dem Wandrer. Und die Mäuse
          Tausendfärbig, scharenweise,
          Durch das Moos und durch die Heide!
          Und die Funkenwürmer fliegen
          Mit gedrängten Schwärmezügen
          Zum verwirrenden Geleite.

          Aber sag mir, ob wir stehen
          Oder ob wir weitergehen?
          Alles, alles scheint zu drehen,
          Fels und Bäume, die Gesichter
          Schneiden, und die irren Lichter,
          Die sich mehren, die sich blähen.

    Mephistopheles:
    Fasse wacker meinen Zipfel!
    Hier ist so ein Mittelgipfel
    Wo man mit Erstaunen sieht,
    Wie im Berg der Mammon glüht.

    Faust:
    Wie seltsam glimmert durch die Gründe
    Ein morgenrötlich trüber Schein!
    Und selbst bis in die tiefen Schlünde
    Des Abgrunds wittert er hinein.
    Da steigt ein Dampf, dort ziehen Schwaden,
    Hier leuchtet Glut aus Dunst und Flor
    Dann schleicht sie wie ein zarter Faden
    Dann bricht sie wie ein Quell hervor.
    Hier schlingt sie eine ganze Strecke
    Mit hundert Adern sich durchs Tal,
    Und hier in der gedrängten Ecke
    Vereinzelt sie sich auf einmal.
    Da sprühen Funken in der Nähe
    Wie ausgestreuter goldner Sand.
    Doch schau! in ihrer ganzen Höhe
    Entzündet sich die Felsenwand.

    Mephistopheles:
    Erleuchtet nicht zu diesem Feste
    Herr Mammon prächtig den Palast?
    Ein Glück, daß du's gesehen hast,
    Ich spüre schon die ungestümen Gäste.

    Faust:
    Wie rast die Windsbraut durch die Luft!
    Mit welchen Schlägen trifft sie meinen Nacken!

    Mephistopheles:
    Du mußt des Felsens alte Rippen packen
    Sonst stürzt sie dich hinab in dieser Schlünde Gruft.
    Ein Nebel verdichtet die Nacht.
    Höre, wie's durch die Wälder kracht!
    Aufgescheucht fliegen die Eulen.
    Hör, es splittern die Säulen
    Ewig grüner Paläste.
    Girren und Brechen der Aste!
    Der Stämme mächtiges Dröhnen!
    Der Wurzeln Knarren und Gähnen!
    Im fürchterlich verworrenen Falle
    Übereinander krachen sie alle
    Und durch die übertrümmerten Klüfte
    Zischen und heulen die Lüfte.
    Hörst du Stimmen in der Höhe?
    In der Ferne, in der Nähe?
    Ja, den ganzen Berg entlang
    Strömt ein wütender Zaubergesang!

    Hexen (im Chor):
          Die Hexen zu dem Brocken ziehn,
          Die Stoppel ist gelb, die Saat ist grün.
          Dort sammelt sich der große Hauf,
          Herr Urian sitzt oben auf.
          So geht es über Stein und Stock,
          Es farzt die Hexe, es stinkt der Bock.

    Stimme:
    Die alte Baubo kommt allein,
    Sie reitet auf einem Mutterschwein.

    Chor:
          So Ehre denn, wem Ehre gebührt!
          Frau Baubo vor! und angeführt!
          Ein tüchtig Schwein und Mutter drauf,
          Da folgt der ganze Hexenhauf.

    Stimme:
    Welchen Weg kommst du her?

    Stimme:
          Übern Ilsenstein!
    Da guckt ich der Eule ins Nest hinein,
    Die macht ein Paar Augen!

    Stimme:
          O fahre zur Hölle!
    Was reitst du so schnelle!

    Stimme:
    Mich hat sie geschunden,
    Da sieh nur die Wunden!

    Hexen, Chor:
          Der Weg ist breit, der Weg ist lang,
          Was ist das für ein toller Drang?
          Die Gabel sticht, der Besen kratzt,
          Das Kind erstickt, die Mutter platzt.

    Hexenmeister, halber Chor:
          Wir schleichen wie die Schneck im Haus,
          Die Weiber alle sind voraus.
          Denn, geht es zu des Bösen Haus,
          Das Weib hat tausend Schritt voraus.

    Andere Hälfte:
          Wir nehmen das nicht so genau,
          Mit tausend Schritten macht's die Frau;
          Doch wie sie sich auch eilen kann,
          Mit einem Sprunge macht's der Mann.

    Stimme (oben):
    Kommt mit, kommt mit, vom Felsensee!


    Mittwoch, 1. April 2026

    »Der erste April« von Heinrich Hoffmann von Fallersleben

    Hoffmann von Fallersleben


    Wie wir als Knaben uns doch neckten!
    Wie wir voll Schelmenstücke steckten!
    Ich mach´s noch heute nicht bekannt,
    Wonach ich einstmals ward gesandt,
    Ich schweige still,
    Sonst hört' ich heute noch: April, April!
    Man schickt den dummen Narren wie man will.

    Nach ungebrannter Asche gingen,
    Nach Mückenfett und selteneren Dingen
    wir ernsthaft in des Krämers Haus,
    Der warf uns dann zur Tür hinaus.
    Schwieg still, schweig still!
    Sonst ruft man heute noch: April, April!
    Man schickt den dummen Narren wie man will.

    Wie wir´s gemacht als kleine Kinder,
    So macht´s ein König auch nicht minder:
    Er schickt sein Volk nach Freiheit aus,
    Es kehret wiederum nach Haus Ganz still, ganz still.
    Die Nachbarn rufen laut: April, April!
    Man schickt den dummen Narren wie man will.

    »Der erste April« von Heinrich Hoffmann von Fallersleben

    Dienstag, 31. März 2026

    Imre Kertész 10. Todestag

    Imre Kertesz

    Imre Kertész starb vor 10 Jahren am 31. März 2016 in Budapest. Kertesz ist ein ungarischer Schriftsteller jüdischer Abstammung. Er erhielt 2002 den Nobelpreis für Literatur. Er ist der erste und bislang einzige Literaturnobelpreisträger Ungarns.

    Wegen seiner jüdischen Abstammung wurde er mit vierzehn Jahren im Juli 1944 im Verlauf eines gegen Miklós Horthy gerichteten Gendamerie-Putsches in Budapest, der aber letztlich scheiterte - über Auschwitz in das Konzentrationslager Buchenwald und in dessen Außenlager Wille in Tröglitz/Rehmsdorf bei Zeitz verschleppt.

    Am 11. April 1945 wurde er befreit und kehrte nach Budapest zurück. Diese ihn zeitlebens prägende Zeit im Lager verarbeitete er zuerst in dem 1973 vollendeten »Roman eines Schicksallosen«.

    Nach seiner Entlassung aus dem Militärdienst 1953 begann Kertész in Budapest als freier Schriftsteller und Übersetzer zu arbeiten. Seine schriftstellerische Tätigkeit wurde in seiner Heimat besonders nach dem Aufstand von 1956 durch die kommunistische Diktatur eingeschränkt.

    Seinen Lebensunterhalt sicherte er sich zunächst mit dem Schreiben von Texten zu Musicals und kleinen Theaterstücken, die er aber nicht zu seinem schriftstellerischen Werk zählt. Er übertrug zum Beispiel Nietzsche, Hofmannsthal, Canetti, Wittgenstein, Schnitzler und Tankred Dorst ins Ungarische. Kertész' "Roman eines Schicksallosen" gilt als eines der bedeutendsten Erzählwerke über den Holocaust.

    Als Übersetzer übertrug er unter anderen Werke von Friedrich Nietzsche, Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Sigmund Freud, Joseph Roth, Ludwig Wittgenstein und Elias Canetti, welche allesamt sein eigenes Werk entscheidend prägten.

    1960 begann er mit der 13 Jahre dauernden Arbeit an dem Buch »Roman eines Schicksallosen«, das zu einem der bedeutendsten Werke über den Holocaust zählt und das seinen Ruhm begründete. Die meisten seiner Texte sind autobiographisch inspiriert.

    Imre Kertész starb am 31. März 2016 im Alter von 86 Jahren in Budapest.

    Kertész hat es geschafft, Auschwitz eine eigene Ästhetik abzugewinnen, die vor dem 'Ungeheuerlichen', der 'Hölle' bestehen kann.

    Dieser Roman bildet zusammen mit "Fiasko" (1999) und "Kaddisch für ein nicht geborenes Kind" (1992) die "Trilogie der Schicksallosigkeit" und setzt sich mit der Frage auseinander, ob und wie Leben nach Auschwitz möglich ist.

    Imre Kertész wurde vor 90 Jahren am 9. November 1929 in Budapest geboren.

    Literatur:

    Roman eines Schicksallosen
    Roman eines Schicksallosen
    von Imre Kertész

    Freitag, 27. März 2026

    Stanislaw Lem 20. Todestag

    Stanislaw Lem



    Stanislaw Lem starb vor 20 Jahren am 27. März 2006 in Krakau. Stanislaw Lem war ein bekannter polnischer Philosoph, Essayist und Science Fiction-Autor des 20. Jahrhunderts. Lem war ein gefeierter polnischer Autor und vehementer Kritiker der Informationsgesellschaft.

    Er studierte von 1939 bis 1941 Medizin. Während des Zweiten Weltkrieges musste er sein Studium unterbrechen und arbeitete als Automechaniker. Von 1945 bis 1948 setze er sein Medizinstudium fort, nach dem Absolutorium erwarb Lem jedoch nicht den Doktorgrad und übte den Arztberuf nicht aus. Er übersetzte Fachliteratur aus dem Russischen und ab den fünfziger Jahren arbeitete Lem als freier Schriftsteller in Krákow. Er wandte sich früh dem Genre Science-fiction zu, schrieb aber auch gewichtige theoretische Abhandlungen und Essays zu Kybernetik, Literaturtheorie und Futurologie.

    Den Roman »Die Astronauten« schrieb Lem 1950 in relativ kurzer Zeit und er wurde ein beachtlicher Erfolg. 1951 wurde sein erster Roman »Der Planet des Todes«, auch als »Die Astronauten« bekannt, veröffentlicht. In der DDR erschien der Roman 1958, in der Bundesrepubik erst 1978. Sein erster geschriebener Roman »Der Mensch vom Mars« 1946 erschien in Buchform erst 1989.

    Seinen ersten literarischen Durchbruch schaffte er 1956 mit der Veröffentlichung des Romans »Gast im Weltraum«. In den folgenden Jahren schrieb Lem seine wichtigsten Science-Fiction-Romane, darunter »Sterntagebücher«, »Eden«, »Solaris« und »Kyberiade«.

    Anfang der 1960er Jahre entstand auch sein wichtigstes nicht-fiktionales Werk, »Summa technologiae«, über dessen Inhalt er u.a. mit Leszek Kolakowski öffentlich diskutierte bis dieser 1968 das Land verlassen musste.

    Nachdem in Polen 1982 das Kriegsrecht verhängt worden war, verließ Stanislaw Lem sein Heimatland vorübergehend und arbeitete in West-Berlin am Wissenschaftskolleg. Ein Jahr später ging er nach Wien, wo sein Sohn Tomasz die »American International School« besuchte.

    In Berlin und Wien schrieb Lem die Romane »Der Schnupfen«, »Der Flop« und »Fiasko«, seinen letzten Roman. In dieser Zeit verschlechterte sich sein Gesundheitszustand deutlich - u.a. trat ein bereits einige Jahre vorher in Polen operierter gutartiger Prostata-Tumor erneut auf. Lem kehrte erst 1988 im Zuge der politischen Veränderungen nach Polen zurück.

    Stanislaw Lem zählt heute zu den erfolgreichsten Autoren Polens. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, verfilmt und in 57 Sprachen übersetzt.

    Stanislaw Lem Durch seine utopischen Werke erwarb sich Lem den Ruf, einer der größten Schriftsteller in der Geschichte der SF-Literatur zu sein. Lem gilt als brillanter Visionär und Utopist, der zahlreiche komplexe Technologien Jahrzehnte vor ihrer tatsächlichen Entwicklung erdachte. So schrieb er bereits in den 1960er und 1970er Jahren über zukunftsträchtige Themen wie Nanotechnologie, Neuronale Netze und Virtuelle Realität.

    Stanislaw Lem wurde am 12. September 1921 als Sohn eines jüdischen Arztes in eine Arztfamilie in Lemberg in Galizien geboren.

    Mittwoch, 25. März 2026

    Novalis 225. Todestag

    Novalis


    Novalis starb vor 225 Jahren am 25. März 1801 in Weißenfels und mit ihm die deutsche Frühromantik. Seit August des Jahres 1800 war der Dichter der deutschen Frühromantik an Schwindsucht erkrankt.

    »Wo Kinder sind, da ist ein goldenes Zeitalter« könnte sinngemäß für einen Dichter stehen, der als einer der berühmtesten Dichter und Denker der deutschen Frühromantik gilt.

    Friedrich von Hardenberg hatte wahrlich viele Talente: er war Jurist, Bergwerksdirektor und Philosoph. Bekannt wurde er als ein bedeutender Dichter der Frühromantik.

    Bestens vertraut mit der Welt der griechischen Antike, die er als Ideal begriff, hat sich der vielseitig begabte Friedrich von Hardenberg "sein goldenes Zeitalter" in dichterischer Weise selbst geschaffen, denn er schuf sich seine eigene von der klassischen Antike beeinflusste romantische Welt, und dessen Symbol gleich mit:

    Blaue Blume Romantik
    Die "Blaue Blume" symbolisiert die romantische Sehnsucht nach dem Ursprünglichen, dem Phantastischen, dem Ahnungsvollen, nach der Kindheit, nach der Philosophie und Religion.


    Novalis verstand und erfasste die Natur besser als Poet denn als wissenschaftlicher Kopf. In seinen Werken spiegelt sich die romantische Sehnsucht nach dem Ursprünglichen, dem Phantastischen, dem Ahnungsvollen, nach der Kindheit, nach der Philosophie und Religion wieder. So viel romantische Sehnsucht in der Dichtung war selten.

    Sein Lebensmotto lautete: Mensch werden ist eine Kunst. Zeit seines Lebens war dieser Künstler auf der Suche nach der geheimnisvollen blauen Blume, doch sein Schaffen wie auch seine Suche nach dieser schöne Blume endete viel zu früh:



      Novalis-Werke
     





    Novalis
    Novalis
    Novalis
    Novalis
    Novalis - Poesie und Poetik
    Novalis - Poe-
    sie und Poetik
    Novalis Werke
    Werke

    Weblinks:

    Novalis-Biografie - Biografien-Portal - www.die-biografien.de

    Novalis-Zitate - Zitate-Portal - www.die-zitate.de

    Die grossen Meister der Feder I - www.wissen.de

    Novalis-Museum Schloß Oberwiederstedt

    Dienstag, 24. März 2026

    »Es färbte sich die Wiese grün« von Novalis

    Novalis



    Es färbte sich die Wiese grün
    Und um die Hecken sah ich blühn,
    Tagtäglich sah ich neue Kräuter,
    Mild war die Luft, der Himmel heiter.
    Ich wußte nicht, wie mir geschah,
    Und wie das wurde, was ich sah.

    Und immer dunkler ward der Wald
    Auch bunter Sänger Aufenthalt,
    Es drang mir bald auf allen Wegen
    Ihr Klang in süßen Duft entgegen.
    Ich wußte nicht, wie mir geschah,
    Und wie das wurde, was ich sah.

    Es quoll und trieb nun überall
    Mit Leben, Farben, Duft und Schall,
    Sie schienen gern sich zu vereinen,
    Daß alles möchte lieblich scheinen.
    Ich wußte nicht, wie mir geschah,
    Und wie das wurde, was ich sah.

    So dacht ich: ist ein Geist erwacht,
    Der alles so lebendig macht
    Und der mit tausend schönen Waren
    Und Blüten sich will offenbaren?
    Ich wußte nicht, wie mir geschah,
    Und wie das wurde, was ich sah.

    Vielleicht beginnt ein neues Reich.
    Der lockre Staub wird zum Gesträuch
    Der Baum nimmt tierische Gebärden
    Das Tier soll gar zum Menschen werden.
    Ich wußte nicht, wie mir geschah,
    Und wie das wurde, was ich sah.

    Wie ich so stand und bei mir sann,
    Ein mächtger Trieb in mir begann.
    Ein freundlich Mädchen kam gegangen
    Und nahm mir jeden Sinn gefangen.
    Ich wußte nicht, wie mir geschah,
    Und wie das wurde, was ich sah.

    Sie ging vorbei, ich grüßte sie,
    Sie dankte, das vergeß ich nie.
    Ich mußte ihre Hand erfassen
    Und Sie schien gern sie mir zu lassen.
    Ich wußte nicht, wie mir geschah,
    Und wie das wurde, was ich sah.

    Uns barg der Wald vor Sonnenschein
    Das ist der Frühling fiel mir ein.
    Kurzum, ich sah, daß jetzt auf Erden
    Die Menschen sollten Götter werden.
    Nun wußt ich wohl, wie mir geschah,
    Und wie das wurde, was ich sah.

    »Es färbte sich die Wiese grün« von Novalis