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Samstag, 16. Mai 2026

»Mailied« von Johann Wolfgang von Goethe



Wie herrlich leuchtet
mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne!
Wie lacht die Flur!

Es dringen Blüten
aus jedem Zweig
und tausend Stimmen
aus dem Gesträuch.

Und Freud und Wonne
aus jeder Brust.
O Erd, o Sonne!
O Glück, o Lust!

O Lieb, o Liebe!
So golden schön,
wie Morgenwolken
auf jenen Höhn!

Du segnest herrlich
das frische Feld,
im Blütendampfe
die volle Welt.

O Mädchen, Mädchen,
wie lieb ich dich!
Wie blinkt dein Auge!
Wie liebst Du mich!

So liebt die Lerche
Gesang und Luft,
und Morgenblumen
den Himmelsduft,

wie ich dich liebe
mit warmem Blut
die du mir Jugend
und Freud und Mut

zu neuen Liedern
und Tänzen gibst.
Sei ewig glücklich,
wie du mich liebst!

»Mailied« von Johann Wolfgang von Goethe



Donnerstag, 7. Mai 2026

Existenzialismus in den Romanen von Max Frisch




Die existenzialistische Philosophie ist für das Werk von Max Frisch von zentraler Bedeutung. Dabei zeigt sich, dass in verschiedenen Phasen seines Schaffens jeweils andere existenzialistische Strömungen im Vordergrund standen.

Wenn von Existenzialismus im Werk von Max Frisch die Rede ist, so denkt  man dabei wohl in erster Linie an den  Stiller , der durch sein Kierkegaard - Motto am eindeutigsten  auf  existenzialistisches Gedankengut Bezug  nimmt.  Die  entschei dende  Frage  scheint  dann  zu  sein,  inwieweit  Frisch  den  religiösen  Implikationen  in  Kierkegaards  Denken  folgt  bzw.  ob  der  Roman überhaupt so eng auf dieses beziehbar ist, wie  es  das Motto nahe  zu legen scheint.

Außer Acht gelassen wird dabei, dass Frisch sich bereits in seinem frühen, erstmals 1943 erschienenen Roman Die Schwierigen  (überarb.  Fassung  1957) aufexistenzialistisches Gedankengut bezogen  hat, sich dabei jedoch stärker auf Nietzsche als auf Kierkegaard gestützt hat. Vor diesem Hintergrund ist die entscheidende Frage nicht, welche Rolle die Kierkegaard - Rezeption für Frischs Romane der 50er Jahre spielt, sondern wie es dazu kommen konnte, dass Frisch nach; seinen konsequent nicht - metaphysischen Anfängen auf diesen dezidiert religiösen  Denker zurück - gegriffen hat.

Dieser Frage soll im Folgenden nachgegangen werden, ehe  in einem zweiten Schritt auf die Diskussion um die Kierkegaard - Rezeption  in  Frischs späteren Werken ein gegangen wird. Daran anschließen werden  sich Überlegungen zur  möglichen  Bedeutung  anderer existenzialistisch ori - entierter  Denker  für  Frischs  Werk,  ehe  auf  die  Bedeutung  von  Frischs  Existenzialismus - Rezeption für d en Gesamtzu sammenhang seines Werkes  sowie  – in  einem  umfassenderen  Sinn  – für  die  Untersuchung  der  Beziehungen zwischen Literatur und Philosophie eingegangen wird.

Betont werden muss zunächst, dass sich Kierkegaard und Nietzsche zwar  in  der  Beantwortung  der  Frage  nach  der  Möglichkeit  und  Bedeutung  des  christlichen  Glaubens  radikal  voneinander  unterscheiden,  dass  aber  die  Fragwürdigkeit des Glaubens für beide ein  – im Falle Kierkegaards  der  – zentrale  Impuls  ihres  Denkens  war.  Von  Karl  Jaspers  wird  Kierk egaard  denn  auch "neben  Nietzsche  gestellt" (Richter  1960:  171) .

Ein  weiterer  Grund  hierfür  ist,  dass  beide  (in  Abgrenzung  zu  den  Hegelianern)  einen  radikal  auf  die  menschliche  Existenz  b ezogenen  Neua nsatz  des  Denkens  postuliert haben .  Der Schritt vom ein en zu dem anderen Denker erscheint  demnach  auf  der  formalen  Ebene  weit  weniger  groß  als  auf  der  inhaltli - chen.  Dennoch  fällt  – geht  man  von  Passagen  des  Stiller  aus,  in  denen  etwa  die  Selbstannahme  mit  einem  "Schritt  in  den  Glauben"  verknüpft  wird (s.u.)  – auf den ersten Blick vor allem der Abstand ins Auge, der die  3 lebensphi losophisch  inspirierten  Schwierigen  von  F rischs  späteren  Roma - nen trennt.

Weblink:

Existenzialismus in den Romanen von Max Frisch

https://rotherbaron.com/2016/04/10/existenzialismus-in-den-romanen-von-max-frisch/ 

Samstag, 2. Mai 2026

»Don Quijote« von Miguel de Cervantes

Don Quijote und Sancho Pansa

»Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha« von Miguel de Cervantes Saavedra ist ein 1605 bis 1615 entstandener Roman. Der erste Teil wurde 1605, der zweite 1615 veröffentlicht. »Don Quijote«, ein großer Roman über Weltfremdheit und ein längst ausgestorbenes spanisches Rittertum. Als Verkörperung der Ehre war die Figur für Camus der Inbegriff Spaniens. Der Roman ist ein wahres Königtum des phantasievollen Einfallsreichtums.

Er erzählt von einer längst vergangenen Zeit, als noch das fahrende Rittertum in Glanz und Glorie auf dem Erdenrund erblühte. Der Roman handelt über ein Traumgebilde als Hirngespinst und einen irrenden Helden. Der Autor hat eine ausführliche Parodie auf die so beliebten Ritterromane seiner Zeit verfasst.

Alonso Quijana hat zu viele Ritterromane gelesen und darüber den Verstand verloren. Bedrückt von all dem Unrecht, das er sieht, fasst er den Beschluss ein fahrender Ritter zu werden und für das Gute zu kämpfen. Er verwandelt sich in den edlen Ritter »Don Quijote de la Mancha«. Begleitet wird er von dem kleinen aber schlauen Bauern Sancho Pansa, der ihm als sein Knappe treu in jedes Abenteuer folgt. Don Quijote sieht die Welt mit anderen Augen.

Don Quijote
Don Quijote

Mit grandiosem Einfallsreichtum erzählt Cervantes von den Abenteuern des verarmten Adligen, der in einer Traumwelt vergangener Ritterzeiten lebt, und seines treuen Waffenträgers Sancho Pansa. Ähnlich wie Goethes »Faust« für die Deutschen ist »Don Quijote« für die Spanier zum Sinnbild eines nationalen Genius geworden. Die Sympathie des Erzählers für seine Figuren und sein liebevoll-ironischer Ton machen Don Quijote zum wunderbarsten Antihelden der Weltliteratur.


Aus einer bescheidenen Abstammung macht er etwas Ruhmreiches, ist wohltätig und zeigt Mitleid, besonders dann, wenn er Rachte üben kann. Er lebt im innerene Exil und kämpft im Namen der Freiheit, obwohl seine Zeit eher Unterwürfigkeit bevorzugte.

»Don Quijote« kämpft, gibt aber niemals auf. »Don Quijote« ist eine Gestalt des Widerstands, nicht der Utnterdrückung. Er isrt Leitbild der Entrechteten und Verfolgten. Der Ritter von der traurigen Gesatlt ist der Ingbegriff von Widerstand und Zielstrebigkeit. Es ist bekannt, für wen das Herz des spanischen Ritters schlug: für die Entrechteten und Unterdrückten, für die Besiegten und Gedemütigten.

Die Abenteuer des Möchtegern-Ritters »Don Quijote von der Mancha« erschienen 1605 und 1615 in zwei Teilen. Cervantes begründete damit die neue Gattung »Roman« und machte sich und den verträumten Landadeligen Alonso Quijano mit seinem bäuerlichen Knappen Sancho unsterblich. Cervantes hat einen Ritter für die Ewigkeit geschaffen.

1605 ließ Miguel de Cervantes den ersten Teil erscheinen. Zehn Jahre später folgte der zweite. Gut 400 Jahre später steht außer Zweifel, dass es sich um sogenannte Weltliteratur handelt, um eine Literatur, die überall und jederzeit gilt, die jede Menge Inspirationspotenzial hat und dennoch - jenseits von Deutung oder Überinterpretation - für jede und jeden verständlich daherkommt.

Kaum ein Roman der Weltliteratur hat eine ähnlich anregende, fruchtbare kultur- und geistesgeschichtliche Wirkung gehabt und war gleichzeitig so vielen Deutungen und Missdeutungen ausgesetzt wie dieser. Ohne »Don Quijote«, dessen weltliterarische Bedeutung außerhalb Spaniens erst im 18. Jahrhundert zur Gänze erkannt wurde, ist der neue europäische Roman nicht denkbar.


Cervantes´ »Don Quijote« ist nicht nur Glanz und Gloria des Ritterromans, sondern ein zeitloses Meisterwerk, welches durch kolossale Sprachgewalt, köstlichem Humor und einem außerordentlichen Protagonisten, dem unvergleichlichen und unübertrefflichen Don Quijote von der Mancha, zum Leben erwacht.

Der Autor hat eine ausführliche Parodie auf die so beliebten Ritterromane seiner Zeit verfasst und wider jedem Erwarten spielen nicht nur Windmühlen eine eher untergeordnete Rolle, sondern es lassen sich in diesem potentiell verstaubt anmutenden Werk sogar einige moderne Ansichten wiederfinden.

Die Geschichte beginnt mit dem Vorhaben eines verarmten Adligen ein fahrender Ritter werden zu wollen. Er möchte auf diese Weise seinen großen Vorbildern aus diversen phantastischen Romanen nacheifern und durch sein einnehmendes Wesen überzeugt er auch seinen Nachbarn Sancho Panza von der Idee, der ihn daraufhin als treuer Knappe begleitet.

Die anschließende Bücherverbrennung durch Bekannte Don Quijotes, die seine Bücher eindeutig als Ursache seines Wahns erkannt haben wollen, ist für wahre Leseratten zwar schmerzhaft, aber durchaus auch eine gelungene Möglichkeit sich mit einigen der parodierten Geschichten vertraut zu machen.

Danach geht es auf der zweiten Fahrt so richtig los mit den bunten Abenteuern des fahrenden Ritters von der Mancha. Ab etwa der Hälfte des ersten Buches, wo sich einige Leute aus Don Quijotes Dorf aufmachen, um ihn zu heilen, änderte sich das aber und ich musste mich wirklich teilweise beim Schmunzeln und in seltenen Fällen sogar bei Lachen erwischen.

Vor allem das zweite Buch ist sehr philosophisch und psychologisch angehaucht und das Lesen hat mir große Freude bereitet. Ganz großartig fand ich auch diese von mir gewählte Ausgabe. Die Übersetzerin hat sich vor allem bei den Anmerkungen große Mühe gegeben und ich habe dadurch viel sowohl über das Leben im Spanien des 17. Jahrhunderts als auch über die Lebensumstände und Denkweisen des Autors gelernt.
Hintergrund.

Zu den beliebtesten Lektüren des späten Mittelalters zählten die Ritterromane, besonders der Roman Amadis von Gallien. Steigende Nachfrage der Leserschaft führte zu einer Flut neuer Fortsetzungen, in denen immer fantastischere, unglaubwürdigere Abenteuer geschildert wurden, die – nach Meinung der Gebildeten jener Zeit – die Gehirne der Leser vernebelten.

Hier setzt der Verfasser an. Sein Don Quijote soll nicht nur die Ritterromane parodieren, sondern auch vor Augen führen, wie deren übermäßige Lektüre den Verstand raubt. Die Geschichte selbst lässt Cervantes von einem fiktiven Erzähler, dem Cide Hamete Benengeli, berichten.

Weltliteratur, die man gelesen haben sollte:

Don Quijote
Don Quijote
von Miguel de Cervantes - Original-Don-Quijote-Roman

Don Quijote
Don Quijote
von Miguel de Cervantes

Don Quijote von der Mancha Teil I und II: Roman
Don Quijote von der Mancha Teil I und II: Roman
von Miguel de Cervantes


Weblinks:

Miguel Cervantes-Biografie - Biografien-Portal - www.die-biografien.de

Ein Ritter für die Ewigkeit - SN - www.salzburg.com

Klassiker der Weltliteratur: Miguel de Cervantes - "Don Quijote" | BR-alpha - Youtube - www.youtube.com

Donnerstag, 30. April 2026

»Walpurgisnacht«, »Faust I« von J.W. von Goethe





Walpurgisnacht

Harzgebirg

Gegend von Schierke und Elend

Faust. Mephistopheles.


Mephistopheles:

Verlangst du nicht nach einem Besenstiele?
Ich wünschte mir den allerderbsten Bock.
Auf diesem Weg sind wir noch weit vom Ziele.

Faust:

Solang ich mich noch frisch auf meinen Beinen fühle,
Genügt mir dieser Knotenstock.
Was hilft's, daß man den Weg verkürzt! –
Im Labyrinth der Täler hinzuschleichen,
Dann diesen Felsen zu ersteigen,
Von dem der Quell sich ewig sprudelnd stürzt,
Das ist die Lust, die solche Pfade würzt!
Der Frühling webt schon in den Birken,
Und selbst die Fichte fühlt ihn schon;
Sollt er nicht auch auf unsre Glieder wirken?

Mephistopheles:

Fürwahr, ich spüre nichts davon!
Mir ist es winterlich im Leibe,
Ich wünschte Schnee und Frost auf meiner Bahn.
Wie traurig steigt die unvollkommne Scheibe
Des roten Monds mit später Glut heran
Und leuchtet schlecht, daß man bei jedem Schritte
Vor einen Baum, vor einen Felsen rennt!
Erlaub, daß ich ein Irrlicht bitte!
Dort seh ich eins, das eben lustig brennt.
Heda! mein Freund! darf ich dich zu uns fodern?
Was willst du so vergebens lodern?
Sei doch so gut und leucht uns da hinauf!

Irrlicht:
Aus Ehrfurcht, hoff ich, soll es mir gelingen,
Mein leichtes Naturell zu zwingen;
Nur zickzack geht gewöhnlich unser Lauf.

Mephistopheles:
Ei! Ei! Er denkt's den Menschen nachzuahmen.
Geh Er nur grad, in 's Teufels Namen!
Sonst blas ich ihm sein Flackerleben aus.

Irrlicht:
Ich merke wohl, Ihr seid der Herr vom Haus,
Und will mich gern nach Euch bequemen.
Allein bedenkt! der Berg ist heute zaubertoll
Und wenn ein Irrlicht Euch die Wege weisen soll
So müßt Ihr's so genau nicht nehmen.

Faust,
Mephistopheles,
Irrlicht
(im Wechselgesang):

      In die Traum- und Zaubersphäre
      Sind wir, scheint es, eingegangen.
      Führ uns gut und mach dir Ehre
      Daß wir vorwärts bald gelangen
      In den weiten, öden Räumen!
      Seh die Bäume hinter Bäumen,
      Wie sie schnell vorüberrücken,
      Und die Klippen, die sich bücken,
      Und die langen Felsennasen,
      Wie sie schnarchen, wie sie blasen!

      Durch die Steine, durch den Rasen
      Eilet Bach und Bächlein nieder.
      Hör ich Rauschen? hör ich Lieder?
      Hör ich holde Liebesklage,
      Stimmen jener Himmelstage?
      Was wir hoffen, was wir lieben!
      Und das Echo, wie die Sage
      Alter Zeiten, hallet wider.

      »Uhu! Schuhu!« tönt es näher,
      Kauz und Kiebitz und der Häher,
      Sind sie alle wach geblieben?
      Sind das Molche durchs Gesträuche?
      Lange Beine, dicke Bäuche!
      Und die Wurzeln, wie die Schlangen,
      Winden sich aus Fels und Sande,
      Strecken wunderliche Bande,
      Uns zu schrecken, uns zu fangen;
      Aus belebten derben Masern
      Strecken sie Polypenfasern
      Nach dem Wandrer. Und die Mäuse
      Tausendfärbig, scharenweise,
      Durch das Moos und durch die Heide!
      Und die Funkenwürmer fliegen
      Mit gedrängten Schwärmezügen
      Zum verwirrenden Geleite.

      Aber sag mir, ob wir stehen
      Oder ob wir weitergehen?
      Alles, alles scheint zu drehen,
      Fels und Bäume, die Gesichter
      Schneiden, und die irren Lichter,
      Die sich mehren, die sich blähen.

Mephistopheles:
Fasse wacker meinen Zipfel!
Hier ist so ein Mittelgipfel
Wo man mit Erstaunen sieht,
Wie im Berg der Mammon glüht.

Faust:
Wie seltsam glimmert durch die Gründe
Ein morgenrötlich trüber Schein!
Und selbst bis in die tiefen Schlünde
Des Abgrunds wittert er hinein.
Da steigt ein Dampf, dort ziehen Schwaden,
Hier leuchtet Glut aus Dunst und Flor
Dann schleicht sie wie ein zarter Faden
Dann bricht sie wie ein Quell hervor.
Hier schlingt sie eine ganze Strecke
Mit hundert Adern sich durchs Tal,
Und hier in der gedrängten Ecke
Vereinzelt sie sich auf einmal.
Da sprühen Funken in der Nähe
Wie ausgestreuter goldner Sand.
Doch schau! in ihrer ganzen Höhe
Entzündet sich die Felsenwand.

Mephistopheles:
Erleuchtet nicht zu diesem Feste
Herr Mammon prächtig den Palast?
Ein Glück, daß du's gesehen hast,
Ich spüre schon die ungestümen Gäste.

Faust:
Wie rast die Windsbraut durch die Luft!
Mit welchen Schlägen trifft sie meinen Nacken!

Mephistopheles:
Du mußt des Felsens alte Rippen packen
Sonst stürzt sie dich hinab in dieser Schlünde Gruft.
Ein Nebel verdichtet die Nacht.
Höre, wie's durch die Wälder kracht!
Aufgescheucht fliegen die Eulen.
Hör, es splittern die Säulen
Ewig grüner Paläste.
Girren und Brechen der Aste!
Der Stämme mächtiges Dröhnen!
Der Wurzeln Knarren und Gähnen!
Im fürchterlich verworrenen Falle
Übereinander krachen sie alle
Und durch die übertrümmerten Klüfte
Zischen und heulen die Lüfte.
Hörst du Stimmen in der Höhe?
In der Ferne, in der Nähe?
Ja, den ganzen Berg entlang
Strömt ein wütender Zaubergesang!

Hexen (im Chor):
      Die Hexen zu dem Brocken ziehn,
      Die Stoppel ist gelb, die Saat ist grün.
      Dort sammelt sich der große Hauf,
      Herr Urian sitzt oben auf.
      So geht es über Stein und Stock,
      Es farzt die Hexe, es stinkt der Bock.

Stimme:
Die alte Baubo kommt allein,
Sie reitet auf einem Mutterschwein.

Chor:
      So Ehre denn, wem Ehre gebührt!
      Frau Baubo vor! und angeführt!
      Ein tüchtig Schwein und Mutter drauf,
      Da folgt der ganze Hexenhauf.

Stimme:
Welchen Weg kommst du her?

Stimme:
      Übern Ilsenstein!
Da guckt ich der Eule ins Nest hinein,
Die macht ein Paar Augen!

Stimme:
      O fahre zur Hölle!
Was reitst du so schnelle!

Stimme:
Mich hat sie geschunden,
Da sieh nur die Wunden!

Hexen, Chor:
      Der Weg ist breit, der Weg ist lang,
      Was ist das für ein toller Drang?
      Die Gabel sticht, der Besen kratzt,
      Das Kind erstickt, die Mutter platzt.

Hexenmeister, halber Chor:
      Wir schleichen wie die Schneck im Haus,
      Die Weiber alle sind voraus.
      Denn, geht es zu des Bösen Haus,
      Das Weib hat tausend Schritt voraus.

Andere Hälfte:
      Wir nehmen das nicht so genau,
      Mit tausend Schritten macht's die Frau;
      Doch wie sie sich auch eilen kann,
      Mit einem Sprunge macht's der Mann.

Stimme (oben):
Kommt mit, kommt mit, vom Felsensee!


Mittwoch, 1. April 2026

»Der erste April« von Heinrich Hoffmann von Fallersleben

Hoffmann von Fallersleben


Wie wir als Knaben uns doch neckten!
Wie wir voll Schelmenstücke steckten!
Ich mach´s noch heute nicht bekannt,
Wonach ich einstmals ward gesandt,
Ich schweige still,
Sonst hört' ich heute noch: April, April!
Man schickt den dummen Narren wie man will.

Nach ungebrannter Asche gingen,
Nach Mückenfett und selteneren Dingen
wir ernsthaft in des Krämers Haus,
Der warf uns dann zur Tür hinaus.
Schwieg still, schweig still!
Sonst ruft man heute noch: April, April!
Man schickt den dummen Narren wie man will.

Wie wir´s gemacht als kleine Kinder,
So macht´s ein König auch nicht minder:
Er schickt sein Volk nach Freiheit aus,
Es kehret wiederum nach Haus Ganz still, ganz still.
Die Nachbarn rufen laut: April, April!
Man schickt den dummen Narren wie man will.

»Der erste April« von Heinrich Hoffmann von Fallersleben

Dienstag, 31. März 2026

Imre Kertész 10. Todestag

Imre Kertesz

Imre Kertész starb vor 10 Jahren am 31. März 2016 in Budapest. Kertesz ist ein ungarischer Schriftsteller jüdischer Abstammung. Er erhielt 2002 den Nobelpreis für Literatur. Er ist der erste und bislang einzige Literaturnobelpreisträger Ungarns.

Wegen seiner jüdischen Abstammung wurde er mit vierzehn Jahren im Juli 1944 im Verlauf eines gegen Miklós Horthy gerichteten Gendamerie-Putsches in Budapest, der aber letztlich scheiterte - über Auschwitz in das Konzentrationslager Buchenwald und in dessen Außenlager Wille in Tröglitz/Rehmsdorf bei Zeitz verschleppt.

Am 11. April 1945 wurde er befreit und kehrte nach Budapest zurück. Diese ihn zeitlebens prägende Zeit im Lager verarbeitete er zuerst in dem 1973 vollendeten »Roman eines Schicksallosen«.

Nach seiner Entlassung aus dem Militärdienst 1953 begann Kertész in Budapest als freier Schriftsteller und Übersetzer zu arbeiten. Seine schriftstellerische Tätigkeit wurde in seiner Heimat besonders nach dem Aufstand von 1956 durch die kommunistische Diktatur eingeschränkt.

Seinen Lebensunterhalt sicherte er sich zunächst mit dem Schreiben von Texten zu Musicals und kleinen Theaterstücken, die er aber nicht zu seinem schriftstellerischen Werk zählt. Er übertrug zum Beispiel Nietzsche, Hofmannsthal, Canetti, Wittgenstein, Schnitzler und Tankred Dorst ins Ungarische. Kertész' "Roman eines Schicksallosen" gilt als eines der bedeutendsten Erzählwerke über den Holocaust.

Als Übersetzer übertrug er unter anderen Werke von Friedrich Nietzsche, Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Sigmund Freud, Joseph Roth, Ludwig Wittgenstein und Elias Canetti, welche allesamt sein eigenes Werk entscheidend prägten.

1960 begann er mit der 13 Jahre dauernden Arbeit an dem Buch »Roman eines Schicksallosen«, das zu einem der bedeutendsten Werke über den Holocaust zählt und das seinen Ruhm begründete. Die meisten seiner Texte sind autobiographisch inspiriert.

Imre Kertész starb am 31. März 2016 im Alter von 86 Jahren in Budapest.

Kertész hat es geschafft, Auschwitz eine eigene Ästhetik abzugewinnen, die vor dem 'Ungeheuerlichen', der 'Hölle' bestehen kann.

Dieser Roman bildet zusammen mit "Fiasko" (1999) und "Kaddisch für ein nicht geborenes Kind" (1992) die "Trilogie der Schicksallosigkeit" und setzt sich mit der Frage auseinander, ob und wie Leben nach Auschwitz möglich ist.

Imre Kertész wurde vor 90 Jahren am 9. November 1929 in Budapest geboren.

Literatur:

Roman eines Schicksallosen
Roman eines Schicksallosen
von Imre Kertész

Freitag, 27. März 2026

Stanislaw Lem 20. Todestag

Stanislaw Lem



Stanislaw Lem starb vor 20 Jahren am 27. März 2006 in Krakau. Stanislaw Lem war ein bekannter polnischer Philosoph, Essayist und Science Fiction-Autor des 20. Jahrhunderts. Lem war ein gefeierter polnischer Autor und vehementer Kritiker der Informationsgesellschaft.

Er studierte von 1939 bis 1941 Medizin. Während des Zweiten Weltkrieges musste er sein Studium unterbrechen und arbeitete als Automechaniker. Von 1945 bis 1948 setze er sein Medizinstudium fort, nach dem Absolutorium erwarb Lem jedoch nicht den Doktorgrad und übte den Arztberuf nicht aus. Er übersetzte Fachliteratur aus dem Russischen und ab den fünfziger Jahren arbeitete Lem als freier Schriftsteller in Krákow. Er wandte sich früh dem Genre Science-fiction zu, schrieb aber auch gewichtige theoretische Abhandlungen und Essays zu Kybernetik, Literaturtheorie und Futurologie.

Den Roman »Die Astronauten« schrieb Lem 1950 in relativ kurzer Zeit und er wurde ein beachtlicher Erfolg. 1951 wurde sein erster Roman »Der Planet des Todes«, auch als »Die Astronauten« bekannt, veröffentlicht. In der DDR erschien der Roman 1958, in der Bundesrepubik erst 1978. Sein erster geschriebener Roman »Der Mensch vom Mars« 1946 erschien in Buchform erst 1989.

Seinen ersten literarischen Durchbruch schaffte er 1956 mit der Veröffentlichung des Romans »Gast im Weltraum«. In den folgenden Jahren schrieb Lem seine wichtigsten Science-Fiction-Romane, darunter »Sterntagebücher«, »Eden«, »Solaris« und »Kyberiade«.

Anfang der 1960er Jahre entstand auch sein wichtigstes nicht-fiktionales Werk, »Summa technologiae«, über dessen Inhalt er u.a. mit Leszek Kolakowski öffentlich diskutierte bis dieser 1968 das Land verlassen musste.

Nachdem in Polen 1982 das Kriegsrecht verhängt worden war, verließ Stanislaw Lem sein Heimatland vorübergehend und arbeitete in West-Berlin am Wissenschaftskolleg. Ein Jahr später ging er nach Wien, wo sein Sohn Tomasz die »American International School« besuchte.

In Berlin und Wien schrieb Lem die Romane »Der Schnupfen«, »Der Flop« und »Fiasko«, seinen letzten Roman. In dieser Zeit verschlechterte sich sein Gesundheitszustand deutlich - u.a. trat ein bereits einige Jahre vorher in Polen operierter gutartiger Prostata-Tumor erneut auf. Lem kehrte erst 1988 im Zuge der politischen Veränderungen nach Polen zurück.

Stanislaw Lem zählt heute zu den erfolgreichsten Autoren Polens. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, verfilmt und in 57 Sprachen übersetzt.

Stanislaw Lem Durch seine utopischen Werke erwarb sich Lem den Ruf, einer der größten Schriftsteller in der Geschichte der SF-Literatur zu sein. Lem gilt als brillanter Visionär und Utopist, der zahlreiche komplexe Technologien Jahrzehnte vor ihrer tatsächlichen Entwicklung erdachte. So schrieb er bereits in den 1960er und 1970er Jahren über zukunftsträchtige Themen wie Nanotechnologie, Neuronale Netze und Virtuelle Realität.

Stanislaw Lem wurde am 12. September 1921 als Sohn eines jüdischen Arztes in eine Arztfamilie in Lemberg in Galizien geboren.

Mittwoch, 25. März 2026

Novalis 225. Todestag

Novalis


Novalis starb vor 225 Jahren am 25. März 1801 in Weißenfels und mit ihm die deutsche Frühromantik. Seit August des Jahres 1800 war der Dichter der deutschen Frühromantik an Schwindsucht erkrankt.

»Wo Kinder sind, da ist ein goldenes Zeitalter« könnte sinngemäß für einen Dichter stehen, der als einer der berühmtesten Dichter und Denker der deutschen Frühromantik gilt.

Friedrich von Hardenberg hatte wahrlich viele Talente: er war Jurist, Bergwerksdirektor und Philosoph. Bekannt wurde er als ein bedeutender Dichter der Frühromantik.

Bestens vertraut mit der Welt der griechischen Antike, die er als Ideal begriff, hat sich der vielseitig begabte Friedrich von Hardenberg "sein goldenes Zeitalter" in dichterischer Weise selbst geschaffen, denn er schuf sich seine eigene von der klassischen Antike beeinflusste romantische Welt, und dessen Symbol gleich mit:

Blaue Blume Romantik
Die "Blaue Blume" symbolisiert die romantische Sehnsucht nach dem Ursprünglichen, dem Phantastischen, dem Ahnungsvollen, nach der Kindheit, nach der Philosophie und Religion.


Novalis verstand und erfasste die Natur besser als Poet denn als wissenschaftlicher Kopf. In seinen Werken spiegelt sich die romantische Sehnsucht nach dem Ursprünglichen, dem Phantastischen, dem Ahnungsvollen, nach der Kindheit, nach der Philosophie und Religion wieder. So viel romantische Sehnsucht in der Dichtung war selten.

Sein Lebensmotto lautete: Mensch werden ist eine Kunst. Zeit seines Lebens war dieser Künstler auf der Suche nach der geheimnisvollen blauen Blume, doch sein Schaffen wie auch seine Suche nach dieser schöne Blume endete viel zu früh:



  Novalis-Werke
 





Novalis
Novalis
Novalis
Novalis
Novalis - Poesie und Poetik
Novalis - Poe-
sie und Poetik
Novalis Werke
Werke

Weblinks:

Novalis-Biografie - Biografien-Portal - www.die-biografien.de

Novalis-Zitate - Zitate-Portal - www.die-zitate.de

Die grossen Meister der Feder I - www.wissen.de

Novalis-Museum Schloß Oberwiederstedt

Dienstag, 24. März 2026

»Es färbte sich die Wiese grün« von Novalis

Novalis



Es färbte sich die Wiese grün
Und um die Hecken sah ich blühn,
Tagtäglich sah ich neue Kräuter,
Mild war die Luft, der Himmel heiter.
Ich wußte nicht, wie mir geschah,
Und wie das wurde, was ich sah.

Und immer dunkler ward der Wald
Auch bunter Sänger Aufenthalt,
Es drang mir bald auf allen Wegen
Ihr Klang in süßen Duft entgegen.
Ich wußte nicht, wie mir geschah,
Und wie das wurde, was ich sah.

Es quoll und trieb nun überall
Mit Leben, Farben, Duft und Schall,
Sie schienen gern sich zu vereinen,
Daß alles möchte lieblich scheinen.
Ich wußte nicht, wie mir geschah,
Und wie das wurde, was ich sah.

So dacht ich: ist ein Geist erwacht,
Der alles so lebendig macht
Und der mit tausend schönen Waren
Und Blüten sich will offenbaren?
Ich wußte nicht, wie mir geschah,
Und wie das wurde, was ich sah.

Vielleicht beginnt ein neues Reich.
Der lockre Staub wird zum Gesträuch
Der Baum nimmt tierische Gebärden
Das Tier soll gar zum Menschen werden.
Ich wußte nicht, wie mir geschah,
Und wie das wurde, was ich sah.

Wie ich so stand und bei mir sann,
Ein mächtger Trieb in mir begann.
Ein freundlich Mädchen kam gegangen
Und nahm mir jeden Sinn gefangen.
Ich wußte nicht, wie mir geschah,
Und wie das wurde, was ich sah.

Sie ging vorbei, ich grüßte sie,
Sie dankte, das vergeß ich nie.
Ich mußte ihre Hand erfassen
Und Sie schien gern sie mir zu lassen.
Ich wußte nicht, wie mir geschah,
Und wie das wurde, was ich sah.

Uns barg der Wald vor Sonnenschein
Das ist der Frühling fiel mir ein.
Kurzum, ich sah, daß jetzt auf Erden
Die Menschen sollten Götter werden.
Nun wußt ich wohl, wie mir geschah,
Und wie das wurde, was ich sah.

»Es färbte sich die Wiese grün« von Novalis

Dario Fo 100. Geburtstag

Dario Fo

Dario Fo wurde vor 100 Jahren am 24. März 1926 in der Gemeinde Sangiano geboren. Dario Fo ist ein italienischer Autor und Schauspieler. Fo wuchs zwischen Fischern, Schmugglern und Geschichtenerzählern auf. Von ihnen lernte er das Schauspielern. Im Theater verkörperte er lüsterne Päpste, skurrile Politiker und redegewaltige Trunkenbolde.

1997 wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Mit dem Preis wurde Fo für sein Talent, seine politische und soziale Theaterarbeit geehrt. Da er viele Stücke gemeinsam mit seiner 2013 gestorbenen Frau Franca Rame schrieb, sprach er stets von “unserem Nobelpreis”.

Berühmt wurde Dario Fo vor allem für seine satirischen Dramen. Dario Fo war ein italienischer Theaterautor, Regisseur, Bühnenbildner, Komponist, Erzähler, Satiriker und Schauspieler. Er war ein Vertreter des politischen Agitationstheaters. Sein groteskes Bühnentheater basiert auf der Commedia dell'arte des Mittelalters, dessen Methoden er neu belebte.

Große Tragödien, wie etwa William Shakespeare sie schuf, sowas liegt ihm nicht. Dario Fo sieht sich als Possenreißer, als Satiriker. „Ich bin nicht mit der Idee zum Theater gegangen, Hamlet zu spielen, sondern mit der Ansicht, ein Clown zu sein, ein Hanswurst“, sagte er, als er 1997 den Literaturnobelpreis erhielt.

Fo war für seinen Sprachwitz und seinen subversiven Humor bekannt. Sein Stilmittel war der Humor. "Lachen ist die Freiheit", bekannte er. Als Schriftsteller sah sich Dario Fo in der Nachfolge der mittelalterlichen Gaukler, die die Macht öffentlich geißelten. Er kritisierte Politiker ebenso wie religiöse Anführer, die Waffenindustrie oder die Mafia. Immer wieder musste er sich wegen Beleidigung und der Verhöhnung Mächtiger vor Gericht verantworten.

Fo war bis zuletzt politisch und gesellschaftlich engagiert. In den vergangenen Jahren gehörte er zu den prominentesten Unterstützern des Komikers Beppe Grillos, des Gründers der linkspopulistischen Fünf-Sterne-Bewegung.


Dario_Fo

Ein Clown an der Macht, das hätte Dario Fo gefallen, denn er sah sich selbst als Clown. Jeder Clown wird zu einem ein Gaukler. Mit seiner enormen Schaffenskraft und Vielseitigkeit, aber auch mit seiner Wut sorgte der italienische Schriftsteller und Dramatiker Dario Fo für Aufsehen.

Durch seine grotesken Inszenierungen wurde Dario Fo zu einem Außenseiter und Ausgegrenzten im Kulturbetrieb. Der Gesellschaft hielt er in der sich heil wähnenden Welt stets den Spiegel vor.

Zuerst Architektur hatte er studiert, dann Kunst. Seit den 1950er-Jahren wurde er mit der Schauspielerin Franca Rahme, seiner Lebenspartnerin, zum kongenialen Paar. Ihre Inszenierungen am Piccolo Teatro in Mailand waren Skandale, Aufreger. Es ging um Politisches, wie gerechte Preise, um offene Beziehungen, um Heilige. Es gab nicht wenige, die das gesellschaftszersetzend fanden, für sie wurde Fo eine Zeit lang zu einer Art Staatsfeind.

"Irgendwann haben sie uns mit mehr Härte blockiert. Sie haben versucht, uns Bomben vor das Theater zu legen. Sie wollten uns abfackeln, gegen mich gab es rund 40 Prozesse, einen nach dem anderen. Auch gegen Franca. Und dann gab es die Gewalt gegen sie. Wir haben schreckliche Gewalt ertragen. Aber wir haben uns immer wieder erholt", so Fo.

Dario Fo starb am 13. Oktober 2016 im Alter von 90 Jahren in Mailand.


Weblinks:

Literaturnobelpreisträger Dario Fo ist tot: Künstler, Kritiker, Clown ... - www.tagesschau.de/ausland

Autor Dario Fo ist tot: Der Störenfried - Kultur - Stuttgarter Nachrichten - www.stuttgarter-nachrichten.de

A Brief Biography of Dario Fo - blog.bookstellyouwhy.com


Lachen über die Macht und die Mächtigen
– www.berliner-zeitung.de

Der Hanswurst, den die Mächtigen fürchten - www.ln-online.de

Mittwoch, 25. Februar 2026

»Der Immoralist« von André Gide

Der Immoralist


Während Michel mit seiner engelsgleichen Frau Marceline in die Schweiz reist und dann quer durch Italien bis in die Wüste Algeriens, scheint er seinem Ziel immer näher zu kommen. Doch die Freiheit, anders zu sein, hat ihren Preis, wie André Gide, der Literaturnobelpreisträger von 1947, in diesem kühnen, provokanten Roman einer Befreiung vor Augen führt. Der Protagonist Michel lebt nach überstandener lebensbedrohlicher Krankheit rücksichtlos seine Freiheit aus und sorgt letztendlich dafür, dass seine engelsgleiche Frau Marceline an den Strapazen seines unruhigen Lebens zugrunde geht.

Michel selbst erzählt in wunderschönen Worten seinen ehemaligen Freunden seine Lebensgeschichte. Dadurch gelingt es Gide, das Ganze neutral darzustellen. Als Leser fühlt man sich trotzdem von seinem Bericht abgestoßen, da dieser stets mit Marcelines Tugendhaftigkeit kontrastiert wird.

Dieser Gegensatz ist sehr reizvoll. So erkennt Marceline auch, dass das Ehrlichste und Natürlichste nicht automatisch das Schlimmste im Menschen sein muss und entlarvt dadurch Michels Freiheit als einen Zwang, anders und unmoralisch zu handeln.

Dadurch zeigt Gide dem Leser, dass man sich mit seinem Streben nach unendlicher Freiheit schon wieder selbst einsperrt und dass Freiheit nur innerhalb von festgesetzten Grenzen Bestand haben kann. Der Roman stellt somit ein kühnes Gedankenexperiment dar, welches immer nur einmal gelingen kann - hier gelingt es. - Eine faszinierende Lektüre.

Literatur:

 Der Immoralist
Der Immoralist
von André Gide

Donnerstag, 19. Februar 2026

André Gide 75. Todestag

André Gide

André Gide starb vor 75 Jahren am 19. Februar 1951 in Paris. André Gide war ein französischer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Er gilt als eine der zentralen Gestalten der Literatur des 20. Jahrhunderts.

Von seiner calvinistischen Erziehung wandte sich Gide bald ab und wurde ein "ästhetischer Immoralist". Schon früh hatte er Kontakte zur französischen Avantgarde und schloss Freundschaft mit Mallarmé, Claudel, Valéry und Oscar Wilde. Seine Bekanntschaft mit Valéry, Wilde und vor allem Mallarmé ist in einem regen Briefwechsel dokumentiert.

1909 begründete er als Herausgeber die "Nouvelle Revue Française" mit und war jahrzehntelang einer der wichtigsten Literaten seiner Zeit.

Von der katholischen Kirche wurden seine Werke 1952 postum auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt.
Sein Antinaturalismus erstrebte Kunstwerke, „die außerhalb der Zeit und aller »Kontingenzen« stünden“.

In der Dreyfus-Affäre jedoch, die Frankreichs Öffentlichkeit seit 1897/98 spaltete, positionierte er sich klar auf Seiten Emile Zolas und unterzeichnete im Januar 1898 die Petition der Intellektuellen zugunsten eines Revisionsverfahrens für Alfred Dreyfus.

Im selben Jahr publizierte er in der Zeitschrift »L’Ermitage« den Artikel A propos der »Déracinés«, in dem er sich anlässlich der Veröffentlichung des Romans Les Déracinés („Die Entwurzelten“) von Maurice Barrès, gegen dessen nationalistische Entwurzelungstheorie wandte.

Wieder ganz dem absoluten Kunstideal entsprach dann die 1899 veröffentlichte Erzählung »Le Prométhée mal enchaîné« (»Der schlechtgefesselte Prometheus«), die um das Motiv des acte gratuit kreist, einer völlig freien, willkürlichen Handlung.

1931 beteiligte sich Gide an der von Jean Cocteau ausgelösten Welle antikisierender Dramen mit dem Stück: »Œdipe« (»Ödipus«).

Im Juni 1936 reiste er auf Einladung des sowjetischen Schriftstellerverbandes mehrere Wochen durch die UdSSR. Ihn betreute der Vorsitzende der Auslandskommission des Verbandes, der Journalist Michail Kolzow. Am Tag nach der Ankunft Gides starb der Vorsitzende des Schriftstellerverbandes Maxim Gorki.
Gide hielt auf dem Lenin-Mausoleum, auf dem auch das Politbüro mit Stalin an der Spitze Aufstellung genommen hatte, eine der Trauerreden. Doch zu der von ihm erhofften Audienz bei Stalin im Kreml kam es nicht.

Sein Werk besteht überwiegend aus Romanen und Dramen, in denen es um das Freiheitsstreben seiner Protagonisten und um kompromisslose Selbstverwirklichung geht. André Gide war der Verfechter eines selbstbetimmten Lebens.

Zu seinen autobiographischen Schriften gehören u.a. "Tagebuch" (1889-1949) sowie "Stirb und werde" (1926). Seine bekanntesten erzählenden Werke sind »Der Immoralist« (1902), »Die Rückkehr des verlorenen Sohnes« (1907), »Die enge Pforte« (1909), »Die Pastoralsymphonie« (1919), »Die Falschmünzer« (1925) und »Die Schule der Frauen« (1929).

1947 erhielt der Schriftsteller den Nobelpreis für Literatur.

André Gide wurde am 22. November 1869 in Paris geboren.

Literatur:

 Der Immoralist
Der Immoralist
von André Gide

Samstag, 31. Januar 2026

»Insel der Pinguine« von Anatole France

Insel der Pinguine


»Insel der Pinguine« (französisch L’Île des Pingouins« ist ein 1908 erschienener historischer Roman des französischen Autors Anatole France. Vorgeblich eine Chronik des fiktiven Landes Alka in acht Büchern, ist der Roman eine Satire auf die Geschichte Frankreichs im Besonderen und die Geschichte des christlichen Abendlandes im Allgemeinen.


»Insel der Pinguine« ein 1908 von Anatole France ist ein utopischer Roman über die Entwicklung einer Gesellschaft im technischen Zeitalter. France zeichnet darin eine von Gier und Macht zerfressene Gesellschaft, in der die Plutokraten zur Macht kommen.

Menschen werden zu Sklaven der Maschinen und ausgebeutet. Die Unterdrückten erheben sich gegen die Herrschaft der Plutokraten und setzen eine neue Generation von Bomben ein, um sich zu erheben.


Der fromme Greis Mael landet - vom Teufel verführt - auf einer eisigen Insel. Er hört Geräusche und beginnt den Bewohnern zu predigen, nur handelt es sich nicht um Menschen, sondern um Pinguine, dies hindert den Missionar jedoch nicht daran, diese auch gleich zu taufen.

Ein Konzil unter Leitung des Herrn nimmt sich dieses theologischen Problems an, da Pinguine seelenlose Geschöpfe sind, ist die Lösung eine Verwandlung in Menschen. Das nächste Wunder lässt nicht lange auf sich warten, die Insel wird nach Europa gezogen.

Der Prozess der Verwandlung lässt alle menschliche Fehler wie: Eitelkeit, Gier, Herrschsucht usw. hervortreten, im Laufe der Entwicklung der Nation von Pinguinien im Lande Alka werden auch zivilisatorische "Errungenschaften" wie Klerus, Adel, Diktatur und Kapitalismus Einzug halten, sowie Bürgerkrieg, Imperialismus und Terror..

Anatole France` Roman beginnt als fabelhafte Erzählung und wird mehr und mehr zu einer historischen Satire auf Europa und besonders auf Frankreich, mit zahllosen geschichtlichen Anspielungen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts gespickt, in klassisch schöner Sprache und großer Erzählkraft bietet der Erzähler eine warmherzige und zugleich spöttische Betrachtung der Politik und Kultur. Adel, Klerus, Patriotismus bekommen ihr Fett weg, eine herrliche Travestie mit einem ernsten Schluß, einen Blick in die Zukunft, der als Mahnung und Warnung gedacht, leider allzu schnell von der Realität eingeholt wurde.

Anatole France steht mit diesem Roman in der Tradition solch großer Satiriker wie François Rabelais und Jonathan Swift, nimmt aber auch mit seinem letzten Kapitel Dystopien des späteren 20. Jahrhunderts vorweg und erweist sich so als Wegbereiter der Science Fiction. Heiligenlegenden, Chroniken und andere Geschichtsquellen werden mit hoher stilistischer Raffinesse parodiert, travestiert und so in ihrer Wirkkraft auf die kollektive Psyche hinterfragt. France setzt sich mit diesem Vorgehen im Gegensatz zu einer positivistischen Geschichtsschreibung, deren Vertreter im Vorwort in Gestalt des Gelehrten Fulgentius Tapir verspottet werden, der ums Leben kommt, als er buchstäblich in dem von ihm gesammelten Material ertrinkt.

Die Insel der Pinguine gehört bis heute zu den beliebtesten Werken von Anatole France und wurde in viele Sprachen übersetzt.

Literatur:

Insel der Pinguine
Insel der Pinguine
von Anatole France

Freitag, 30. Januar 2026

»Der Sandmann« E.T.A. Hoffmann


»Der Sandmann« ist eine Erzählung in der Tradition des Kunstmärchens der Schwarzen Romantik von E.T.A. Hoffmann, die ursprünglich in der Sammlung »Nachtstücke« erschienen ist und erstmals 1816 veröffentlicht wurde. Sie erschien ohne bestimmte Autorenangabe in Berlin. »Der Sandmann« von E.T.A. Hoffmann gehört zu den bedeutendsten Werken der Romantik, ist ein Paradebeispiel für das spätromantische Kunstmärchen und für den Gruselroman.

Als Hoffmann in den Jahren 1816 / 17 den zweibändigen Zyklus »Nachtstücke« publizierte, in dem unter anderem auch sein heute wohl berühmtestes Werk »Der Sandmann« enthalten ist, hatte er seinen Ruf als besonderer spätromantischer Dichter bereits inne.

Im Zentrum der psychologisch ausgefeilten Erzählung von E.T.A. Hoffmann steht der Physikstudent Nathanael. Besonders interessant an diesem Werk ist der mehrteilige Aufbau des Werkes. Hoffmann beginnt die Erzählung mit einem Briefwechsel. Nathanael schreibt an den Bruder seiner Verlobten Clara, ein Mann namens Lothar. Wie später deutlich wird sind die Eltern von Clara und Lothar früh gestorben, sie kamen zu Nathanael und seiner Schwester, als deren Vater wiederum ebenfalls bereits gestorben war. Clara und Nathanael sind zwar über mehrere Ecken miteinander verwandt, doch – wie das Leben es damals vorgesehen hatte – steht einer Liebe nichts im Wege. Die beiden nähern sich an und blieben sich treu. Während Nathanael im anonym bleibenden Ort G. studiert, reist er nach Absenden seines zweiten Briefes an Lothar nach S., wo die Geschwister nach wie vor in dem Haus wohnen, in dem sei gemeinsam aufgewachsen sind.

Hier ist allerdings der Inhalt der Briefe von Relevanz. Nathanael meldet sich nach einer etwas längeren Schreibpause wieder in seiner Heimat, schreibt den Brief, der zentral für das Handlungsgeschehen werden soll allerdings nicht an Clara sondern an deren Bruder Lothar. Darin berichtet er von einer Begegnung, die er unlängst mit einem sogenannten Wetterglashändler hatte, der ihn an einen Mann erinnerte, der zu früheren Zeiten oft bei seinen Eltern zu Gast war. Die Rede ist vom Advokaten Coppelius, den er eng mit seinem Kindheitstrauma vom Sandmann verbindet, das ihm die Mutter einst erzählte, wenn er abends immer zu einer genauen Uhrzeit ins Bett gemusst hatte. Während ihm die Mutter die Geschichte vom Sandmann richtig und kindgerecht erzählt, bekommt er sie von der Amme der damals noch viel jüngeren Schwester deutlich grausamer vermittelt: Der Sandmann ist nicht etwa eine Gestalt, die den Kindern die Augen mit Sand zustreut bis sie zusammenkleben, sondern eine Gestalt, die den Kindern die Augen ausreißt. Geplagt von diesem Trauma denkt Nathanael stets an den Sandmann, wenn er Schritte auf dem Flur hört, wo er im Bett liegen muss. Eines Tages versucht er herauszubekommen, wie diese Gestalt ist, die er unumgänglich für den Sandmann hält, die immer abends ins Haus kommt und zum Zimmer des Vaters Eintritt verlangt. Er stielt sich eines Nachts in das Büro und wartet, bis der Sandmann in das Zimmer kommt. Als er dann aber den Advokaten Coppelius sieht, der mit dem Vater chemische Experimente durchführt, lockert sich seine Angst nicht etwa sondern projiziert sich auf den Advokaten selbst. Der Vater kommt schließlich bei den Experimenten auf recht grausame Weise zu Tode, und Nathanael sieht nach wie vor die Schuld bei Coppelius.

Als er also von dem Krämer vor seiner Tür, der später den Namen Coppola erhält, an dieses Kindheitstrauma erinnert wird, schreibt er seine Sorgen an Lothar und adressiert den Brief in seiner Rage allerdings an Clara. So kommt es, dass diese ihm antwortet und sich einerseits besorgt über die Lage ihres Verlobten äußert, ihm andererseits sein Trauma und seine Fantasie auch auszureden versucht. Nathanael reist nach S., wo er in der Anwesenheit Claras immer mehr in Düsternis versinkt, anfängt über ihre Augen zu philosophieren und dann schließlich immer weiter abdriftet in seinen Gedanken, was dazu führt, dass ihn Clara mehr und mehr nicht versteht und abweist, was er ihr wiederum zum Vorwurf macht. Als er sie als ein lebloses Automat bezeichnet, bricht diese zusammen und Lothar, der von der seelischen Verfassung seiner Schwester in Kenntnis gesetzt wird, fordert Nathanael zum Duell heraus. Dies kann verhindert werden und Nathanael schwört Clara ewige Liebe – dennoch ist zu erkennen, dass dies nicht lange währt. Als er nach G. zurückkehrt, wird er von seinem Physikprofessor Spalanzani zu einem Fest in dessen Haus eingeladen, in dem er zum ersten Mal nach Jahren seine schweigsame, schwierige Tochter Olimpia vorstellen möchte. Anfangs erscheint diese Nathanael bei der ersten Begegnung noch leblos, später dann aber ist er gefesselt von ihrer Aura und scheint trotz ihrer wenig kommunikativen, steifen Art dennoch eine rege Konversation mit ihr zu führen: bedingt durch die Ausstrahlung ihrer Augen.

Durch einen Zufall fällt auf, dass Olimpia kein wirklicher Mensch, sondern eben ein Automat - also eine Art Roboter ist -, die der Professor selbst gebaut hat und als lebenden Menschen verkaufen wollte. Spalanzani verliert seine Stelle und Nathanael wird in die Psychiatrie eingeliefert, weil er im Anblick der herausspringenden Augen Olimpias wahnsinnig geworden ist. Als er aus dieser entlassen wird, möchte er Clara heiraten und mit ihr aufs Land ziehen. Bei einem letzten Besuch auf dem Turm, von dem aus sie über die Stadt blicken wollen, gerät Nathanael erneut in Rage, als er Coppelius am Fuße des Turmes erblickt und stürzt sich hinunter.

Diese durchaus tragische und komplexe Geschichte wird auf etwa 40 Seiten erzählt. Hoffmann wählt, nachdem er die drei Briefe an den Anfang seiner Erzählung gesetzt hat, den auktorialen Erzählstil, mit dem er auf die Handlung blickt und den Leser direkt ansprechend das Geschehen vermittelt, vor- oder zurückgreift und die entsprechenden Verhaltensauffälligkeiten teils auch beurteilt. Hoffmann scheint dieser Erzählstil zu liegen, er verwendete ihn auch in anderen Werken, besonders sei der Goldne Topf genannt, der hier in dieser Rezension noch einige Male auftauchen wird. Zentraler Anlass für diese Erzählung soll die Auseinandersetzung mit psychisch Kranken gewesen sein, die im 19. Jahrhundert, in der die Erzählung in nur etwa vier Tagen entstanden sein soll, eine grundlegende Änderung erfuhr. Sogenannte „Irre“ galten nicht mehr als unheilbar, ihre Lage war zudem nicht vollkommen grundlos.

Hoffmann scheint mit seinem Sandmann hier eine Art psychologische Studie vollzogen zu haben, in der er sowohl den Krankheitsverlauf, den falschen Umgang der Mitmenschen aber auch die Ursachen einer solchen Krankheit und eines solchen Wahnsinns zu benennen versucht. Der frühe Tod des Vaters, die Gruselgeschichten, die man kleinen Kindern erzählt hat, um sie zu manipulieren. Die Erzählung ist an einigen Stellen wirklich spannend und wirklich gruselig, und nein, ich denke nicht, dass dies etwas ist, was dem Niveau einer Erzählung Abbruch tut, auch wenn man diese Aspekte der Erzählung heute wie damals eher belächelt hat.

Wider Erwarten war die Erzählung am Anfang auch sehr schlüssig und greifbar, verliert sich dann aber als sie das zweite, meines Erachtens überflüssige Standbein mit Olimpia aufmacht. Natürlich ziert diese zweite Handlungsebene die ansonsten etwas knapp geratene Erzählung enorm, doch verwirrt sie auch an einigen Stellen, weil die ganze Existenz eines solchen „Automaten“ für den heutigen Leser vielleicht einfach zu fantastisch sein mag. Hier wird man, während man den ersten Teil in seinen Wirren gut mit der Erkrankung Nathanaels begründen kann, dazu gezwungen, die reale Ebene zu verlassen und sich auf die Fantasie und Fiktion Hoffmanns einzulassen.

Es mag also nicht verwundern, dass man in der Literaturkritik den Werken Hoffmanns nach zwei eher verrissenen Werken nicht mehr sehr offen gegenüberstand. Deswegen sind die Zeitzeugnisse, die es zum Ersterscheinen des Sandmanns gibt, vergleichsweise dürftig.

Seine vorhergegangenen Werke, einmal einen weiteren Sammelband unter dem Titel »Fantasiestücke in Callots Manier«, aber auch »Der goldene Topf« wurden von der Literaturkritik viel beachtet aber zeitgenössisch meist nicht gelobt. Heute gehört es zu den bedeutendsten Werken der Romantik, ist ein Paradebeispiel für das spätromantische Kunstmärchen und für den Gruselroman.

Dass der Autor natürlich nicht nur auf diese ästhetischen Komponenten anspielte, sondern in seinen Werken auch noch stets ein tieferer Sinn zu finden ist, wenn man nach ihm sucht, ergibt sich aus der intensiven Auseinandersetzung der Literaturwissenschaft mit diesem Werk.

»Der goldene Topf« erschien erstmals 1814, wurde dann fünf Jahre später noch einmal überarbeitet, doch sind die Grundelemente, die sich in dieser späteren Erzählung Hoffmanns spiegeln mit Sicherheit auch in der Urfassung zu erkennen. Der Student Anselmus und der Archivarius Lindhorst funktionieren in ihrer Paraderolle mit denselben Faktoren. Auch Anselmus steht verwirrt und verlassen im Leben, auch er wird für „toll“ oder dumm erklärt, weil er an die magische Parallelwelt glaubt. Wenn sich sein Schicksal auch anders entwickelt, scheinen mir die beiden Figuren letzten Endes doch auch recht ähnlich.

Auch der Konflikt, zwischen zwei Frauen zu stehen (Nathanael zwischen Clara und Olimpia, Anselmus wischen Veronika und Serpentina) wird nicht nur ähnlich erzählt sondern letzten Endes auch ähnlich aufgelöst. Diese und viele weitere Parallelen lassen mir das Frühwerk E.T.A. Hoffmanns nicht etwa einfallslos aber doch vergleichsweise durchschaubar erscheinen. Wenn er auch erzählerisch einige Kniffe verwendete, sind die Werke als solche nicht so wirklich voneinander zu trennen und entwickeln sich nur in wirklich eigenartigen Texten wie den »Lebensansichten des Katers Murr« oder dem »Fräulein von Scuderi« inhaltlich in eine andere Richtung.

E.T.A. Hoffmann schreibt, und das steht außer Frage, romantik-kritische Texte – vielleicht ist auch das der zentrale Aspekt, warum uns seine Bücher heute so gefallen und warum sie so wenig kitschig und aus der Zeit gefallen scheinen. Die Lektüre des Sandmanns lohnt sich auf jeden Fall, ganz abgesehen davon, dass er mittlerweile hoch oben auf den Listen der Bücher steht, die man im Laufe seines Lebens gelesen haben sollte. Er ist an manchen Stellen besser zu verstehen als andere, ausgefallenere Werke Hoffmanns, ist aber meines Erachtens auch nicht fehlerfrei. Vielleicht ist er aber gerade deshalb für die Literaturwissenschaft so unheimlich reizvoll.

Literatur:

Der Sandmann
Der Sandmann
von E.T.A. Hoffmann

Samstag, 24. Januar 2026

E.T.A. Hoffmann 250. Geburtstag

E.T.A. Hoffmann

E.T.A. Hoffmann wurde vor 250 Jahren am 24. Januar 1776 in Königsberg als Sohn eines Advokates geboren.

E.T.A. Hoffmann ist einer der großen deutschen Dichter der Romantik und gilt er als Meister des Unheimlichen in der Literatur. Mit seinen bizarr-phantstischen Erzählungen schuf er eine neue Erzählform, deren übersinnliche Motive und groteske Züge auf die ganze Weltliteratur wirkten - von von Edgar Allen Poe bis zu Oscar Wilde.

Nach dem Gymnasium in Königsberg studierte er von 1792 bis 1795 Jura. Als Referendar arbeitete er 1796 in Glogau und 1798 in Berlin. Ab 1800 arbeitete er als Assessor in Posen, wurde strafversetzt nach Plozk in Polen.

1807 ging er nach Berlin zurück und verdiente seinen Lebensunterhalt von nun an als Musiker, Zeichner und Literat. 1808-1813 war er Kapellmeister, Komponist und Musikkritiker in Bamberg und erlebte mit den ersten phantastischen Erzählungen seinen Durchbruch als Schriftsteller. Ab 1814 lebte er wieder in Berlin und war führendes Mitglied der "Serapionsbrüder", eines literarischen Zirkels, dem u.a. auch Clemens Brentano, Adelbert von Chamisso und Friedrich de la Motte Fouqué angehörten.

Er wollte eigentlich Komponist werden und galt als musikalisches Wunderkind. Zur Literatur kam er eher auf Umwegen. und Der junge Hoffmann hatte mit einundzwanzig Jahren bereits zwei umfangreiche Romane in der Schublade liegen.

Etwa 1805 zog er nach Berlin, wo sich seine Begabung als Musiker, Zeichner und Schriftsteller vollends entwickeln konnte. Ab 1814 war er wieder am Kammergericht in Berlin angestellt.

E.T.A. Hoffmann gilt als "Dichter der entwurzelten Geistigkeit" und ein außergewöhnlichen Autor an der Schwelle zur Moderne. E.T.A. Hoffmann war auch Theaterkomponist. Musiklehrer. Zeichner. Kammergerichtsrat. Sein wahres Talent zeigt sich aber in der Dichtung. Er wuchs auf in der Blüte der Romantik: "Wir konstruieren die Welt aus den Formen unseres Geistes".

E.T.A. Hoffmann: Das Leben eines skeptischen Phantasten


E.T.A. Hoffmann: Das Leben eines skeptischen Phantasten


»Die Wochentage bin ich Jurist und höchstens etwas Musiker. Sonntags am Tage wird gezeichnet und abends bin ich ein sehr witziger Autor bis spät in die Nacht.« Diese Sätze soll E.T.A. Hoffmann einmal selbst über sein bewegtes, facettenreiches Leben das von 1776 bis 1822 andauerte, gesagt haben.



Auch Hoffmann wendete sich ab vom Rationalismus, dem bürgerlichen Alltag, fand Zuflucht in Phantasie und Wunder, irgendwo zwischen märchenhafter Gothic Novel "Der goldene Topf" (1814) und bizarren Phantasmata wie "Die Elixiere des Teufels" (1815). Es ist das Unheimliche, mit der seine phantastische Literatur einen Nerv der Zeit getroffen hat.

Sie prägen seine Erzählungen, machen ihn zum bis heute bekanntesten und einflussreichsten deutschsprachigen Erzähler des Phantastischen. "Grusel-Romancier" nennen ihn die Kritiker, "Klassiker der Schauerliteratur" die Fans.

Bekannt wurde E.T.A. Hoffmann durch seine phantastischen Märchenerzählungen. In seiner wohl unheimlichsten Erzählung, "Der Sandmann" aus Nachtstücke (1817) lässt Hoffmann die schöne, aber mechanische Olympia von einem Uhrwerk getrieben tanzen und singen - es ist eine der ersten Robotergeschichten der Science Fiction.

Der Jurist, Komponist und Dichter brachte es zu den größten Erfolgen und fragte sich, auf dem Höhepunkt seines Ruhmes angekommen, trotzdem, ob das wirklich alles gewesen sein sollte. Denn Hoffmann bemerkt bald, dass die Bewunderung, "die man ihm zollte, so dünn und kraftlos ist, wie der Tee, der bei diesen Geselligkeiten gereicht zu werden pflegt", schreibt Rüdiger Safranski in seiner eindrucksvollen Biographie, für die er dementsprechend auch den Untertitel »Das Leben eines skeptischen Phantasten« gewählt hat.

E.T.A. Hoffmann war ein skeptischer Phantast. Kaum ein anderer deutschsprachiger Autor vor Freud läßt so tief in die Abgründe des bürgerlichen Seelenlebens blicken. Seine Zeitgenossen nannten ihn "Gespenster Hoffmann". Das Fantastische, das seine Texte durchdringt, lag den Lesern im 19. Jahrhundert fern. Erst nach seinem Tod fanden Hoffmanns Bücher ein wachsendes Publikum sowie Musiker und Schriftsteller, die sich auf seine Motive bezogen.

Bei den etablierten Literaten fand die phantastische Literatur Hoffmanns jedoch wenig Anerkennung und der Autor wurde von ihnen als "Gespenter Hoffmann" abgetan.

Hoffmanns Liebe zur Gesangsschülerin Julia Mark mündete in der Leidenschaft beider in einer Katastrophe.

E.T.A. Hoffmann starb am 25. Juni 1822 in Berlin.


Biografie:

E.T.A. Hoffmann: Das Leben eines skeptischen Phantasten
E.T.A. Hoffmann: Das Leben eines skeptischen Phantasten
von Rüdiger Safranski


Literatur:

E.T.A. Hoffmann, Die Elixiere des Teufels. Lebensansichten des Katers Murr
E.T.A. Hoffmann, Die Elixiere des Teufels. Lebensansichten des Katers Murr
von E.T.A. Hoffmann

Das Fräulein von Scuderi
Das Fräulein von Scuderi
von E.T.A. Hoffmann

Der Sandmann
Der Sandmann
von E.T.A. Hoffmann

Der Sandmann
Der Sandmann
von E.T.A. Hoffmann

Donnerstag, 1. Januar 2026

»Wünsche zum neuen Jahr« von Peter Rosegger

Peter Rosegger


Ein bisschen mehr Friede und weniger Streit Ein bisschen mehr Güte und weniger Neid Ein bisschen mehr Liebe und weniger Hass Ein bisschen mehr Wahrheit - das wäre was

Statt so viel Unrast ein bisschen mehr Ruh Statt immer nur Ich ein bisschen mehr Du Statt Angst und Hemmung ein bisschen mehr Mut Und Kraft zum Handeln - das wäre gut.

In Trübsal und Dunkel ein bisschen mehr Licht Kein quälend Verlangen, ein bisschen Verzicht Und viel mehr Blumen, solange es geht Nicht erst an Gräbern - da blühn sie zu spät.

Ziel sei der Friede des Herzens Besseres weiss ich nicht.

Peter Rosegger, österreichischer Schriftsteller (1843 - 1918)