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Freitag, 26. Juni 2026

Ingeborg Bachmann 100. Geburtstag

Ingeborg Bachmann


Ingeborg Bachmanns Geburtstag jährt sich am 25. Juni zum 100. Mal. Ingeborg Bachmann wurde am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren. Lyrikerin, Erzählerin, Essayistin.

Im Alter von 11 Jahren erlebte Ingeborg Bachmann den Einmarsch von Hitlers Truppen in ihrem Heimatort Klagenfurt. Das Trauma der abrupt verlorenen Kindheit überwand sie nie.

Ihr Leben lang schrieb sie mit kraftvoller Poesie für eine bessere Gesellschaft und gegen die Unterdrückung des Individuums. Im Lieben und in der Suche nach dem Glück war sie so kompromißslos wie in ihrem Schreiben.



1952 nahm die Lyrikerin an ihren ersten Lesung bei der »Gruppe 47« teil. Sie wurde mit vielen Lieraturpreisen ausgezeichnet: Bremer Literaturpreis, Hörspielpreis, Georg-Büchner-Preis, Großer Österreichischer Staatspreis, Anton-Wildgans-Preis.

Ingeborg Bachmann ist vielen mehr durch den berühmten Literaturpreis Österreichs bekannt oder vor allem als Lyrikerin.


Der Ton ihres Schaffens erinnert in den mythologischen Anklängen ein wenig an Christa Wolfs "Kassandra" oder an den feierlichen Ton klassizistischer Lyrik, etwa Schiller oder Hölderlin. Nicht selten entsteht beim Lesen eine Sogwirkung, da sich hinter dem prosaischen Zauber mehr, weit mehr zu verbergen scheint, als nur das geschriebene Wort. Bachmanns Charaktere reichen weit in die Tiefe, es fehlt also auch nicht an psychologischem Potenzial der Figuren.



Nach der Trennung von Max Frisch und einem psychischen Zusammenbruch zog Bachmann zunächst nach Berlin und 1965 nach Rom, wo sie weiter an ihrem vermutlich 1962 begonnenen Todesarten-Projekt arbeitete. Über Jahre entwarf sie neue Konzepte für den Zyklus, ohne ein Buch abschließen zu können, und geriet immer mehr unter den Druck der Verleger. 1970, zehn Jahre nach ihrem ersten Prosaband »Das dreißigste Jahr«, erschien »Malina« in ihrem neuen Verlag Suhrkamp.

Sie lebte nach Aufenthalten in München und Zürich viele Jahre in Rom, wo sie am 17. Oktober 1973 starb. Zwei Jahre vor ihrem Tod veröffentlichte sie ihren einzigen Roman "Malina", ein stark autobiografisch geprägtes Buch.

Weblinks:

Ingeborg Bachmann-Biografie - Biografien-Portal - www.die-biografien.de

Ingeborg Bachmann-Zitate - Zitate-Portal - www.die-zitate.de

Samstag, 19. Oktober 2024

»Verklärter Herbst« von Georg Trakl




Gewaltig endet so das Jahr
mit goldnem Wein und Frucht der Gärten.
Rund schweigen Wälder wunderbar
und sind des Einsamen Gefährten.

Da sagt der Landmann: Es ist gut.
Ihr Abendglocken lang und leise
gebt noch zum Ende frohen Mut.
Ein Vogelzug grüßt auf der Reise.

Es ist der Liebe milde Zeit.
Im Kahn den blauen Fluß hinunter
wie schön sich Bild an Bildchen reiht -
das geht in Ruh und Schweigen unter.

»Verklärter Herbst« von Georg Trakl




Gedichte:

Georg Trakl - Sämtliche Gedichte

Sonntag, 28. April 2024

Karl Kraus zum 150. Geburtstag


Karl Kraus


Karl Kraus war wohl einer der bedeutendsten österreichischen Schriftsteller des beginnenden 20. Jahrhunderts. Denn er war nicht nur einfach so Publizist, sondern darüber hinaus auch Satiriker, Lyriker, Aphoristiker, Dramatiker, Förderer junger Autoren, Sprachforscher und Kulturkritiker, sowie vor allem ein analytischer, scharfzüngiger Beobachter der Presse und des Hetzjournalismus oder, wie er selbst es ausdrückte, der Journaille. Ich möchte euch heute ein bisschen was über den Mann erzählen der heute vor 99 Jahren den Epilog über "Die letzten Tage der Menschheit" veröffentlichte.

Karl Kraus wurde am 28. April 1874 im böhmischen Jicín als Sohn eines örtlichen wohlhabenden jüdischen Papierfabrikanten und angesehenen Kaufmanns geboren. 1877 zogt die Familie nach Wien um, wo Kraus ab 1892 zuerst Jura, dann Philosophie und schließlich Germanistik studierte, ohne jedoch jemals das Studium wirklich abzuschließen. 1897 wurde er stattdessen Korrespondent der Breslauer Zeitung. 1899 verließ er ziemlich desillusioniert die jüdische Glaubensgemeinschaft und konvertiert übrigens zwölf Jahre später, also im Jahre 1911 zum Katholizismus.

Wieder zwölf Jahre später, im Juni 1923, trat er dann auch wieder aus diesem Verein aus, weil er erkennt das auch hier letztlich derselbe Dogmatismus herrschte wie im Judentum. Sein Privatleben war übrigens primär geprägt von der langjährigen Beziehung zur böhmischen Baronin Sidonie Nádherny von Borutin, die er bereits 1913 kennen lernt. Zwar erwiderte die seine Liebe nicht, doch bleiben sich die beiden eng verbunden, besuchten sich häufig und unternehmen gemeinsame Urlaubsreisen. Bereits seit 1892 für die Wiener Literaturzeitung immer wieder journalistisch tätig, gründete er im April 1899 die Zeitschrift „Die Fackel“.

Auf dieser Plattform wendet er sich gegen die Verlogenheit, Dummheit und Korrumpierbarkeit, den Militarismus und den Bürokratismus der österreichisch-ungarischen Monarchie. Die Zeitschrift erscheint immerhin 37 Jahre lang mit Kraus als dem verantwortlichen Herausgeber und ab 1911 sogar mit ihm als primären Autor welcher im Grunde die meisten Beiträge wohl auch letztlich entscheidend geprägt haben dürfte. Zielrichtung seiner über 500 Artikel ist von Anfang an die Bekämpfung der seiner Meinung nach eklatanten sprachlichen Verwahrlosung seiner Zeit. Kraus ist im Grunde von den Möglichkeiten mit Sprache ein und denselben Sachverhalt auf unterschiedliche Art und Weise darzustellen geradezu besessen und führt das Unheil der Welt letztlich auf den gedankenlosen Gebrauch der Sprache in der zwischenmenschlichen Kommunikation innerhalb der Gesellschaft zurück. Die "Fackel" macht Kraus bei seinen Gegnern gefürchtet. Immer wieder wird er in Prozesse verwickelt, die er aber wegen seiner guten Recherche allesamt gewinnt. Eine der bekanntesten Skandale im wilhelminischen Kaiserreich war die "Affäre Eulenburg", in der Kraus den Publizisten Maximilian Harden argumentativ buchstäblich demontierte und so quasi literarisch "hinrichtete". Für seine Bewunderer hingegen wird Kraus spätestens jetzt durch die scharfzüngigen Beiträge zu einer zornigen Autorität, die im Wien der Jahrhundertwende ihresgleichen suchte.

Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs schwieg Karl Kraus zunächst in der Öffentlichkeit, seine Zeitschrift „Die Fackel“ erschien auch nach der üblichen Sommerpause nicht. Erst am 19. November 1914 hielt er in seiner 80. Vorlesung als Gastdozent an der Berliner Uni einen sehr analytischen Vortrag über diese vermeintlich so große Zeit, welcher dann auch in der Nr. 404 von "Die Fackel" am 5. Dezember 1914 unter dem Titel „ Die Anrede“ als Artikel erschien. Darin wandte er sich entschieden gegen den Krieg, was er übrigens durch Fakten und nicht durch Polemik belegte. Aber auf die Katastrophe des Ersten Weltkriegs antwortet Karl Kraus letztlich mit der bitterbösen Realsatire "Die letzten Tage der Menschheit“. Die Realität des Krieges als Farce? Nicht ganz. Er beschrieb alles, die Gasangriffe, der zähe Stellungskampf oder das Sterben im aufgeweichten Sumpf der Schützengräben. Er brachte es auf den Punkt oder kurz gesagt, seine Credo lautete schlicht, was sie nicht sofort tötete, zermürbte die Soldaten und daheim verhungern derweil die Familien. Die Lage war letztlich von Anfang an hoffnungslos.

Aber für die beiden Hauptverbündeten, also das deutsche und das österreichisch-ungarische Kaiserreich, gab es halt kein Zurück mehr. Das Verheizen von Menschen und Material ging weiter, dabei unterstützt von einem Propagandaapparat, den heuchlerische Kriegsberichterstatter und andere Claqueure mit einseitigen Berichten fütterten. Kritischere Texte verhinderte die Zensur der Mittelmächte. Deshalb konnte der österreichische Realsatiriker Karl Kraus seine in den Jahren ab 1915 verfasste bitterböse Abrechnung eben auch erst nach dem Waffenstillstand veröffentlichen. Aber immerhin gleich vier Wochen später, am 13. Dezember 1918, brachte er den Epilog als ersten Teil seiner monumentalen Antikriegstragödie "Die letzten Tage der Menschheit" in einer Sondernummer seiner Zeitschrift "Die Fackel" heraus. So eilig hatte er es, diesen apokalyptischen Abgesang, der zu großen Teilen heute noch aktuell wirkt, unter die Leute zu bringen. Es ihnen endlich um die Ohren zu hauen, was er von ihnen hielt, von den Mächtigen, die "mit Munition regieren", von den Fabrikanten, die vom Sterben profitieren, von den Kriegstreibern und Höflingen, die die "Sprache durch ihr Sprechen beschmutzen", von all den Händlern, Helden und Bombenwerfern. Hüben wie drüben hätten sie, so zumindest lässt er eine "Stimme von Oben" predigen:

"Im Frevel geeint, von Süden bis Norden
den Geist nur verwendet, um Leiber zu morden
und einverständlich von Osten bis Westen
die Luft mit Rache und Rauch zu verpesten".


Karl Kraus entwarf hier letztlich ein fast visionäres Szenarium. Ein letztes Mal treten die zynischsten aller Subjekte auf und wie die auftreten. Journalisten schießen Fotos anstatt Sterbenden zu helfen, fliehende Generäle holpern mit dem Automobil wild hupend über Leichen und ein Ingenieur namens Abendrot präsentiert stolz seine neueste Erfindung. Einfach per Knopfdruck tötet er geräuschlos Tausende von Soldaten. Am Horizont erscheinen Flammenwände und später, als das Inferno einsetzt, das die Erde und ihre Bewohner komplett zerstören wird, regnet es Blut und Asche. Der Mars schickt ein Meteoritenbombardement samt Weltendonner. Klingt toll, aber das auf die Bühne zu bringen, Puh! Was für eine Herausforderung für Regie und Bühnenbild! In mehr als zweihundert nur lose zusammenhängenden Szenen, die größtenteils auf authentischen zeitgenössischen Quellen beruhen, wird die Unmenschlichkeit und Absurdität des Krieges ohne falsches Pathos, ja schon fast klinisch steril, dargestellt. Über ein Drittel des endgültigen Textes ist übrigens tatsächlich aus echten Zitaten montiert. Nämlich aus Zeitungen, militärischen Tagesbefehlen, Gerichtsurteilen, eigenen und fremden Briefen, Verordnungen und Erlässen, Verlautbarungen des Kriegspressequartiers, Anordnungen der Zivilbehörden, Kriegspredigten, Ansprachen, Prospekte, aber auch Postkarten, Fotos, Plakaten, usw. Kraus schrieb darüber im Vorwort: „Die unwahrscheinlichsten Taten, die hier gemeldet werden, sind wirklich geschehen; ich habe gemalt, was sie nur taten. Die unwahrscheinlichsten Gespräche, die hier geführt werden, sind wörtlich gesprochen worden; die grellsten Erfindungen sind Zitate.“ Das Stück ist übrigens einem fiktiven „Marstheater“ zugedacht und führt in "hundert Szenen und Höllen", seine Helden sind "Operettenfiguren, welche die Tragödie der Menschheit aufführen". Der Text der Weltkriegstragödie ist authentisch, noch die grellste Erfindung ein Zitat. Dennoch sei, was aus dieser "Versuchsstation des Weltunterganges" dringt, so gestand Karl Kraus, das "Echo meines blutigen Wahnsinns". Nach "irdischer Zeitrechnung", so schätzte der Wiener Moralist, müssten für „Die letzten Tage der Menschheit“ zehn Abende vergehen. In der vorzüglichen Hörspielfassung des Österreichischen Rundfunks, für die 1974 alle 220 Szenen vom Blatt gesprochen wurden, sind es exakt 22 Stunden und 12 Minuten. Aber als echtes Theaterstück ist es übrigens bisher auch noch nie komplett auf der Bühne aufgeführt worden.

Natürlich lässt sich dieses Stück nicht aufführen. Die spärlichen Versuche, es in Ausschnitten auf eine Theaterbühne zu zwingen, blieben stets unbefriedigend. Denn der fragmentarische Charakter dieser Aufführungen reduzierte es noch in jedem Fall auf groteske Anekdoten, welche die kosmische Dimension, die der Autor seinem Werk zugedacht hatte, zerstörten. Das Weltgericht verkümmert zum schrillen Panoptikum kakanischer Unwürdenträger, die allesamt so authentisch sind, wie es einst die spaßigen Soldatenkarikaturen eines Fritz Schönpflug in der Muskete waren. Aber das war letztlich nicht das Problem des Verfassers. Vielmehr knabberte Karl Kraus an der Frage, wer genau für den Terror und Horror auf den Schlachtfeldern verantwortlich zu machen wäre. Lange dachte er es wäre das jüdische Großbürgertum, speziell Kapital und Presse, und noch spezieller der "Antichrist" Moriz Benedikt, seines Zeichens Chefredakteur der Neuen Freien Presse in Wien, gewesen. Die erste Fassung des Dramas ist dabei noch wesentlich geprägt von Kraus’ konservativer Haltung, die er bis in die zweite Hälfte des Weltkriegs beibehielt.

Er war nämlich, so kurios es klingen mag, ein Verehrer des Thronfolgers Franz Ferdinand gewesen, ja mehr noch, er schätzte die Habsburger und das österreichische Militär extrem hoch ein. Erst ab etwa dem Beginn des Jahres 1917 löste er sich von dieser Sicht und näherte sich an die Sozialdemokratie an. Neben der Presse machte er jetzt eben wie gesagt auch die Habsburger, verantwortungslose Politiker und Militärs für den Krieg verantwortlich. Besonders scharf griff er den deutschen Kaiser Wilhelm II. an, dem er, übrigens gestützt auf Erinnerungen seiner Zeitgenossen an ihn, totale Inkompetenz, Größenwahn und Sadismus vorwarf. Aber das reichte ihm scheinbar immer noch nicht. Denn in dem Epilog, den er im Sommer 1917 schrieb, modifizierte erstmals seine antisemitischen Attacken. Nicht der Jude als solcher, sondern die Menschheit an sich sei schuldig.

Denn gibt es neben den Großkotzigen nicht unzählige schweigende Kleingeister, die die Katastrophe nicht verhinderten? Trotz aller Polemik, der Autor selbst spielte natürlich eine Sonderrolle. Während Millionen jubelten und starben, dokumentierte er ja den Aberwitz des Krieges für seine in der Tat einzigartige Tragödie von den "letzten Tagen der Menschheit". Bei der Uraufführung des Epilogs sprach Karl Kraus denn auch den allerletzten Satz, mit dem Gott das Drama höchstpersönlich abschließt, indem er Wilhelm II., den deutschen Kaiser, zitiert, der seine Hände so verlogen in Unschuld wusch: "Ich habe es nicht gewollt." So klingt entweder bitterböse Ironie, oder nihilistische Menschenverachtung!

Bedingt durch seine stark veränderte Einstellung zu den Habsburgern und dem Militär sowie auch durch erst nach Kriegsende zugängliche Informationen veränderte Kraus in den nächsten Monaten die Letzten Tage wesentlich. Rund 50 Szenen kamen neu hinzu, während nur eine gestrichen wurde. Die Szenenabfolge wurde völlig verändert. Die Dialoge zwischen dem Optimisten und dem Nörgler wurden wesentlich ausgebaut, ebenso die deutschlandkritischen Bereiche. Die Verehrer der Reichspost wurden eingefügt, um neben der liberalen Neuen Freien Presse nun auch die christlich-soziale Reichspost bloßzustellen. Die sogenannte Buchausgabe erschien am 26. Mai 1922 in einer Auflage von 5.000 Stück, eine zweite, gleich hohe Auflage folgte im Dezember. Die dritte Auflage 1926 von 7.000 Stück blieb bis zum Tode von Kraus lieferbar.

In seinen nachfolgenden Essays zu Literatur, Dichtern und Zeitgeschehen profilierte er sich auch später nicht nur als sarkastischer Satiriker, sondern wendet sich auch immer wieder gegen prominente Zeitgenossen. Legendär ist zum Beispiel seine Fehde mit dem Berliner Feuilletonisten Alfred Kerr. Kraus beschäftigt sich auch intensiv mit Shakespeare, dessen teilweise jahrzehntealte Übersetzungen etlicher Dramen er nicht nur grundlegend überarbeitet, sondern falls notwendig auch Shakespeares Sonette nachdichtet, um sie so seinem deutschsprachigen Publikum überhaupt erst mal verständlich zu machen. Im Alter wurde Kraus immer verbitterter. Vor allem die Machtergreifung der Nationalsozialisten deprimierte ihn stark. Schon zwei Wochen nach der Machtergreifung im Jahr 1933 erklärten die Nationalsozialisten in der logischen Konsequenz seine Werke daraufhin für unerwünscht und schädlich. Von den Bücherverbrennungen werden sie jedoch verschont, was Kraus allerdings nun weniger gefiel.

Seinen bereits im Druck befindlichen Essay "Die dritte Walpurgisnacht", in dem er sich Ende 1933 hart mit den Nazis auseinandersetzte und der mit dem berühmten Satz "Mir fällt zu Hitler nichts ein" begann, zog er kurz vor der Auslieferung am 13. Dezember 1933 doch noch zurück. Er verzichtete deswegen auf eine Veröffentlichung, weil er nämlich zurecht fürchtet, die Faschisten könnten sich für dieses Werk mit der Ermordung von Juden rächen. Am 12. Juni 1936 starb Karl Kraus in Wien und erlebte so nicht mehr, wie sein Heimatland von den Deutschen kurzerhand übernommen wurde.

Samstag, 21. Oktober 2023

»Holzfällen« von Thomas Bernhard


Der Roman »Holzfällen« von Thomas Bernhard erschien im Jahr 1984 und ist eine Abrechnung mit der Kulturszene Österreichs. Alle bekannten Bernhard-Sujets werden in diesem Opus magnum ausgebreitet: Heimat, Erziehung, Katholizismus, Nationalsozialismus.

Der Roman ist in der Ich-Perspektive verfasst. Die Geschichte handelt von der Abendgesellschaft Wiens, welche von Bernhard in monologischer Art und Weise kommentiert wird.

Das Ehepaar Auersberger veranstaltet gemeinsam ein Abendessen für Künstler und lädt dazu ihre Bekannten, Freunde und unter anderem auch einen Burgschauspieler ein. Eigentlich unterhalten sich alle sehr gut und amüsieren sich, die einzige Ausnahme stellt der Erzähler dar. Während der Schauspieler nicht gerade pünktlich erscheint, betrinkt sich die Gesellschaft immer weiter.

Mittlerweile geht der Erzähler dazu über, sich zu fragen, warum er überhaupt die Einladungen zu diesem künstlerischen Abendessen angenommen hat, denn die Langeweile quält ihn und steigert sich zur exzessiven inneren Erregung, bis er schließlich aufbricht.


Der Protagonist lebt in Rom, muss aber ins elterliche Herrenhaus nach Oberösterreich zurückkehren, weil seine Eltern und sein Bruder bei einem Autounfall tödlich verunglückt sind und er jetzt Alleinerbe des großen elterlichen Vermögens ist. Im ersten Teil des Buches reflektiert Murau seine Beziehung zu Familie, Erziehung und Umgebung. Im zweiten Teil kommt er zurück ins Heimathaus, um das Begräbnis zu organisieren und trifft dabei alle Bekannten und Verwandten seiner Familie.

Bruchstücke einer Auslöschung: Der Protagonist beschreibt das Landvolk in Oberösterreich als "Hubertusmantelgesellschaft". Die Ehe ist ein "Gefängnis". Die Bauern, mit ihren "dümmlichen, eingedickten Gesichtern". Die Deutschen, die "sich ihren Goethe wie ein Marmeladenglas aufs Regal stellen und zu jeder passenden Gelegenheit hervorholen.

Bei der Veröffentlichung des Romans wurden plötzlich sehr viele kritische Stimmen laut und tatsächlich löste das Werk einen wahrhaften Skandal aus. Trotzdem stiegen die Zahlen des Verkaufs schnell nach oben und das nicht zuletzt deshalb, weil auch die eine oder andere Klage eingereicht wurde. Folglich wurden sämtliche gedruckte Exemplare nach dem Prozess beschlagnahmt.

Trotzdem war es überraschend, als kurz danach die Klage zurückgezogen wurde, weil der Kläger mit dem Angeklagten eine außergerichtliche Einigung traf. Nicht zuletzt wegen derartigen Aufruhrs zählt man das Werk »Holzfällen« von Thomas Bernhard auch heute noch zu den erfolgreichsten Romanen seiner Zeit. Ranicki hat das Werk Holzfällen in seinen Kanon der 20 besten Romane aufgenommen.




Weblinks:

Holzfällen. Eine Erregung.

Holzfällen von Thomas Bernhard - Der Kanon - www.derkanon.de

Thomas Bernhard


Literatur:

Holzfällen Holzfällen von Thomas Bernhard





Dienstag, 2. Mai 2023

»Das Maskenspiel der Genien« von Fritz von Herzmanovsky-Orlando

Das Maskenspiel der Genien
Das Maskenspiel der Genien

Die habsburgische Vergangenheit beherrscht weiterhin das literarische Bewusstsein Österreichs. Der 1929 abgeschlossene Roman »Das Maskenspiel der Genien« von Fritz Herzmanovsky-Orlando ist ein Werk der phantastischen Literatur, das in der neuerwachten Gotik der Levante spielt. Es ist sein Hauptwerk und zugleich ein Hauptwerk der österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts, ein von Einfällen und Witz überquellender, wunderschöner Alptraum. Ein Werk in der Tradition des österreichischen Humors und unter dem Einfluß von Alfred Kubins fin de siecle-Roman »Die andere Seite«.

»Das Maskenspiel der Genien« thematisiert die Spiegelung von Traum und Realität und ist eine Mischung aus antikem Mythos und Commedia dell` arte zum Zwecke der Vervballhornung der Habsburger Monarchie und ihres willfährigen und selbstgefälligen Beamtentums. Es ist die Wiederauferstehung des Mittelalters mit seinen Gauklerfiguren unter der Maske der Commedia dell` arte. Der Roman ist ein wahres Königtum des phantasievollen Einfallsreichtums und frechen Gauklertums. Die K.u.K.-Groteske spielt in der Tarockei. Der zu Lebzeiten unveröffentlichte und zunächst deutlich gekürzt publizierte Großroman »Das Maskenspiel der Genien« wurde 2011 in einer für breite Leserschichten angelegten unkommentierten "Volksausgabe" veröffentlicht.


Cyriacus von Ancona

Den ersten Teil der Reise führt den Abenteurer und Forscher Cyriak von Pizzicolli, eine literarische Verfremdung des Vorbildes Cyriacus von Ancona, in die Tarockei. Den zweiten Teil der Reise führt Pizzicolli nach Arkadien und in das antike Griechenland. Ins Bizarre gleitet die Reise nach Griechenland zur Zeit der Gotik ab. Hier spielt das Maskenspiel in der neuerwachten Gotik der Levante. Durch ungeheure Tragik gerät er in ein antikes Göttermysterium.

Arkadien ist ein ägäisches Wunderland voller mondäner Feste, bizarrer Einsiedler, berückender Landschaft und undeutlicher politischer Zugehörigkeit – die Türken werden nicht wirklich geleugnet, spielen aber nur eine untergeordnete dekorative Rolle – ist die eigentliche politisch-surrealistische Erfindung Herzmanovskys vorgelagert: die Tarockei, ein vom Fürsten Metternich geschaffener Pufferstaat im Süden der Donaumonarchie, der den Namen von seiner monarchischen Konstitution her trägt: Er wird nach den Regeln des Tarock-Spieles regiert.

Die Tarockei ist keine Insel der Seligen, obwohl von der Außenwelt der Nachbarstaaten gut abgeschirmt. Sie enthält natürlich Elemente einer Satire auf das alte Österreich mit seiner im Rückblick von heute bewunderten Bürokratie, die vor allem durch die von ihr entwickelte Sprache zu ihrer Zeit aber auch in manchem administrativen Exzess im Gedächtnis geblieben ist.


Die vier Könige des Landes werden ausschließlich nach ihrer physiologischen Ähnlichkeit mit den Spielkarten ausgesucht, und so gelangen die erstaunlichsten Personnagen auf den Thron. Hinter den Tetrarchen aber steht der eigentliche Machthaber, ein unheimlicher, nie erblickter Rat der Drei, bestehend aus den Tarockkarten Sküs, Mond und Pagat.

Durch eine Kastentür gelangt der verwaiste, ledige Cyriak von Pizzicolli, der sein Leben lang nie weit von Graz weggekommen ist, auf Traumpfaden in die Tarockei, „das einzige Nachbarland der Welt“, ein magisch bevölkertes Phantasiegebilde eines österreichisch-byzantinischen Utopia, dessen Verfassung auf den Regeln des Tarockspiels gründet. Was ihm dort widerfährt, nachdem er der atemberaubend schönen Cyparis - einer Verkörperung und Wiedergängerin der Helena - ansichtig wird, und warum er am Ende ein Hirschgeweih auf dem Kopf trägt, kann Ihnen nur dieses Buch erzählen und niemand anderer als Fritz von Herzmanovsky-Orlando. „

Pizzicolli landet am Ende auf der Insel Kreta. Dort erfolgt auch die Auflösung des geheimnisvollen Mysterienspieles /. des Mysteriums am Ende. Geheimes Wissen um eine versunkene Welt. Ein Mann in einer Mönchskutte offenbart ihm das geheime Wissen um eine versunkene Welt und das Wissen, wie sich die Dinge für ihn zusammenfügen. In der Offenbarung des Mönches in der weißen Kutte Fra Hugo ging Pizzicolli nun ein Licht auf über den geheimen Sinn der Mysterienspiele.

Die ganze religiöse Geschichte hat einen Angelpunkt: das Erscheinen des Erlöses, des Jesus Christos. Alle antiken Mysterien sind nutzlos. Hier in diesem weltvergessenen Stück Europas leben, sehr verborgen, die seltsamsten Bewahrer uralten mystischen Wissens der Tempeleisen, der Träger heiligster Traditionen, von Dingen, die am europäischen Kontinent längst abgeschafft und vorläufig noch vergessen sind.


Nach der Offenbarung gehen dem eingeweihten Pizzicolli nun zahlreiche Spukbilder durch den Kopf. Zum Schluss dann der Auftritt der Harlekine, welche die Maske lüpfen und das Rätsel der Mysterien auflösen. Bald erfuhr Pizzicolli, daß die Herren aus der ganzen Welt an dieser Stelle zusammengekommen seien. S. 487

"Man plane eine Durchwebung der antiken Mysterien mit den Figuren der Commedia dell`Arte ... wie wenn es geworden wäre, wenn Venedig wirklich den ganzen Orient für immer beherrscht hätte."

Am Ende trägt er selbst ein Hirschgeweih auf dem Kopf.


Fritz von Herzmanovsky-Orlando hat 1929 seinen weithin berühmten, jedoch vollkommen unbekannten Roman »Das Maskenspiel der Genien« abgeschlossen. Der Roman ist ein wahres Königtum des phantasievollen Einfallsreichtums. Die K.u.K.-Groteske spielt in der Tarockei. Der zu Lebzeiten unveröffentlichte und zunächst deutlich gekürzt publizierte Großroman »Das Maskenspiel der Genien« wurde 2011 in einer unkommentierten "Volksausgabe" veröffentlicht.

Der Abkömmling der Donaumonarchie hat der Monrachie mit seinem Werk ein groteskes Denkmal gesetzt. Ein traumhaftes Werk nicht nur für phantasiebegabte Leser mit Sinn für Ironie und Komik. Sehr empfehlenswerter Lesestoff für alle, die wirklich gute phantastische Literatur und nicht nur "Fantasy" lesen wollen.



Blog-Artikel:

Fritz von Herzmanovsky-Orlando 140. Geburtstag

»Der Mann ohne Eigenschaften« von Robert Musil


Weblink:

Cyriacus von Ancona – Wikipedia - https://de.wikipedia.org/wiki


Literatur:

Das Maskenspiel der Genien
Das Maskenspiel der Genien
von Fritz von Herzmanovsky-Orlando

Phantastik auf Abwegen. Fritz von Herzmanovsky-Orlando im Kontext
Phantastik auf Abwegen. Fritz von Herzmanovsky-Orlando im Kontext
von Bernhard Fetz und Klaralinda Ma



Tarockspiel:

Tarock - Wikipedia - de.wikipedia.org

Samstag, 10. Dezember 2022

»Die Zeit und die Räume« Peter Handke

Die Zeit und die Räume: Notizbuch. 24. April – 26. August 1978


Anlässlich des 80. Geburtstags des Nobelpreisträgers von Peter Handke ist eines seiner Notizbücher erstmals vollständig in einer Transkription der Handschrift veröffentlicht wurde. Dieses Notizbuch mit Aufzeichnungen vom 24. April bis 26. August 1978 gewährt einen detaillierten und vielfältigen Einblick in Handkes Arbeit, in seinen ganz eigenen Zugang zur Welt und in Denkräume abseits von Geschwindigkeit und Tagesgeschehen.

Das Notizbuch aus dem Jahr 1978 dokumentiert vor allem eine ausgedehnte Reise, die Peter Handke im Sommer 1978 zu Fuß, mit dem Bus und per Bahn unternahm und die ihn von seiner Herkunftsgegend Kärnten nach Slowenien, in den Karst und weiter nach Norditalien führte.

Neben dem fortlaufend Niedergeschriebenen erweisen sich auch die vielen, teils ganzseitigen Zeichnungen als wichtige Vorarbeiten für die später erschienenen Erzählungen, insbesondere »Langsame Heimkehr« und »Die Wiederholung«.

Literatur: [ >> ]:

Die Zeit und die Räume: Notizbuch. 24. April – 26. August 1978
Die Zeit und die Räume: Notizbuch. 24. April – 26. August 1978
von Peter Handke

Donnerstag, 9. Dezember 2021

Ödön von Horváth 120. Geburtstag

Ödön von Horváth

Nationaltheather in Rijeka


Ödön von Horváth wurde vor 100 Jahren am 9. Dezember 1901 in der adriatischen Hafenstadt Fiume, die damals zur ungarischen Reichshälfte des Königreiches Kroatien und Slavonien gehörte und heute Rijeka heißt, als Sohn eines ungarischen Diplomaten geboren.

Ödön von Horváth war ein berühmter österreichischer Schriftsteller, der aus einer österreichisch-ungarischen Diplomatenfamilie entstammte. Er war ein auf Deutsch schreibender Schriftsteller ungarischer Staatsbürgerschaft: „Meine Muttersprache ist die deutsche.“

Während seiner Zeit in der Oberprima in Preßburg, dem heutigen Bratislava, begann erzu Schreiben. 1924 ging Horvath nach Berlin.

1931 war für Horvath das erfolgreichste Jahr. Er konnte die Uraufführung der "Italienischen Nacht", der "Geschichten aus dem Wiener Wald", die Buchausgabe beider Stücke, den Abschluss der Arbeit an dem Stück "Kasimir und Karoline" und die Verleihung des Kleistpreises durch Carl Zuckmayer verbuchen.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden seine Stücke abgesetzt. Er versuchte, sich mit ihnen zu arrangieren, erreichte aber keine Aufhebung des Aufführungsverbots. Im Dezember 1934 verließ Horvath zusammen mit der Schauspielerin Wera Liessem die deutsche Hauptstadt endgültig.

Im letzten Jahr vor seinem tragischen Tod in Paris wendete er sich der Prosa zu und verfasste 1937/38 hauptsächlich Romane, wie im Frühjahr den Kurzroman "Jugend ohne Gott" und danach "Ein Kind unserer Zeit". 1938 emigrierte er nach Paris, wo er am 1. Juni 1938 während eines Gewitters von einem Ast auf den Champs-Élysées erschlagen wurde.

Bekannt wurde er unter anderem durch seine Stücke Geschichten aus dem Wiener Wald, Glaube Liebe Hoffnung und Kasimir und Karoline sowie durch seine zeitkritischen Romane Der ewige Spießer, Jugend ohne Gott und Ein Kind unserer Zeit.

Weblinks:

Ödön-von-Horvath Biografie - Ödön-von-Horváth-Gesellschaft - www.horvath-gesellschaft.de

Ödön von Horvath-Biografie - www.referate-max.de

Montag, 29. November 2021

Stefan Zweig 140. Geburtstag

Stefan Zweig


Stefan Zweig wurde vor 140 Jahren am 28. November 1881 in Wien geboren. Stefan Zweig war ein bedeutender österreichischer Schriftsteller und Erzähler. Sein Geburtstag jährt sich am 28. November zum 130. Mal.

Stefan Zweig war ein Erzähler aus Leidenschaft. Seit er 1904 seine erste Novelle veröffentlichte, blieb er dieser Gattung bis zum Schluss treu. Sein episches Werk machte ihn ebenso berühmt wie seine historischen Miniaturen und die biographischen Arbeiten.

"Meine drei Leben", so lautete Stefan Zweigs Arbeitstitel für sein großes Buch »Die Welt von Gestern«, nach der er sich stets sehnte. Seine sprichwörtlichen drei Leben, das sind die Lehr- und Wanderjahre bis zum Ende des Ersten Weltkrieges, die Erfolgsjahre des "Schriftstellerbetriebes" Stefan Zweig in Salzburg, schließlich die Exiljahre in Großbritannien, den USA und Brasilien. Sie bilden die drei großen Blöcke in Stefan Zweigs Biografie.




Die Welt von Gestern








"Die Welt von Gestern"
von Stefan Zweig



Fischer-Verlag,
Taschenbuch, 1. April 1975,
11,95 EUR.

ISBN-13: 978-3596211524





Stefan Zweig Seine schillernde Biografie ist Ausdruck des ausgefüllten Lebens eines vom Erfolg verwöhnten Schriftstellers, das durch die Zeitläufe bedingt eine Wendung nimmt und im Jahr 1942 tragisch im gemeinsamen Freitod mit seiner zweiten Frau Lotte in einer brasilianischen Kleinstadt in der Nähe von Rio de Janeiro endete.

Zu seinen bekanntesten Novellen gehören »Brennendes Geheimnis« (1911), »Amok« (1922), »Sternstunden der Menschheit« (1927).

Zu seinen bekanntesten Biographien gehören »Romain Rolland« (1921), »Joseph Fouché« (1929), »Maria Stuart« (1935), »Magellan« (1938), »Balzac« (postum 1946).





Sonntag, 14. November 2021

»Der Herbst des Einsamen« von Georg Trakl




Der dunkle Herbst kehrt ein voll Frucht und Fülle,
Vergilbter Glanz von schönen Sommertagen.
Ein reines Blau tritt aus verfallener Hülle;
Der Flug der Vögel tönt von alten Sagen.
Gekeltert ist der Wein, die milde Stille
Erfüllt von leiser Antwort dunkler Fragen.

Und hier und dort ein Kreuz auf ödem Hügel;
Im roten Wald verliert sich eine Herde.
Die Wolke wandert übern Weiherspiegel;
Es ruht des Landmanns ruhige Gebärde.
Sehr leise rührt des Abends blauer Flügel
Ein Dach von dürrem Stroh, die schwarze Erde.

Bald nisten Sterne in des Müden Brauen;
In kühle Stuben kehrt ein still Bescheiden
Und Engel treten leise aus den blauen
Augen der Liebenden, die sanfter leiden.
Es rauscht das Rohr; anfällt ein knöchern Grauen,
Wenn schwarz der Tau tropft von den kahlen Weiden.

»Der Herbst des Einsamen« von Georg Trakl


Gedichte:

Georg Trakl - Sämtliche Gedichte

Samstag, 25. September 2021

»Versuch über den Pilznarren« von Peter Handke

Versuch über den Pilznarren


Versuch über den Pilznarren: Eine Geschichte für sich


Herbstzeit ist Pilzezeit, in der Natur zu wandern und Zeit, um Bücher zu schreiben oder zu lesen. Der Herbst ist die Zeit der Poesie, die ihre Flügel ausbreitet. Kein Wunder also, daß die Poeten in dieser Jahreszeit ihre besten Romane, Essays und Gedichte schreiben.

Peter Handke beschliesst die Reihe seiner Versuche mit einem fünften und letzten erzählenden Essay, dem »Versuch über den Pilznarren« – worin die Pilze für den Helden der Geschichte nicht nur Passion, sondern das letzte Abenteuer, das Abenteuer an sich sind.

Pilze, das weiß jeder, kann man nicht suchen. Sie müssen sich dem Wandernden vielmehr von Selbst zeigen. Diese Erfahrung plötzlichen Entbergens wählt Peter Handke zum Thema seines »Versuch über den Pilznarren«.




»Wie in allen Versuchen ist auch hier die Sprache der Schauplatz der Abenteuer, in Rede und Gegenrede, im Rhythmus.
Der Satzbaukünstler, der sie verfasst hat, ist kein Tüftler und Drechsler, sondern ein Zungenredner,
der an manchen Stellen das Myzel-Geflecht aus der die Pilze herausschießen, in seiner Sprache nachbildet.«


Lothar Müller, Süddeutsche Zeitung 14.09.2013
Wie Handkes vorherige vier Bände der Reihe, etwa sein »Versuch über die Jukebox« oder »Über den gelungenen Tag«, kreist damit auch dieses Werk um ästhetische Erfahrungen der Öffnung und des biografischen Wandels.

Handkes vorherige vier Bände der Reihe, etwa sein »Versuch über die Jukebox«, »Der Chinese des Schmerzes« oder »Die Geschichte des Bleistifts« - um nur einige zu nennen.

Leider hat der Erfolg wohl auch seinen Preis: die letzten Bücher von Handke und eben auch der Versuch über den Pilznarren atmen die Selbstsicherheit eines Autors, der sich selbst zu den Großen zählt. Das wäre ja eigentlich nicht schlimm, wenn nicht dabei der Eindruck entstehen würde, dass Handke eine Über- und Bearbeitung des Textes nicht mehr für nötig hält.

Der Text von »Versuch über den Pilznarren« wirkt an vielen Stellen nicht nur unfertig (was bei einem Versuch ja durchaus drin ist), sondern auch wenig sprachlich geschärft, wenig ausgearbeitet – Gedanken des Autors ohne weitere Nacharbeit auf die Seiten gebracht.


Literatur:

Versuch über den Pilznarren
Versuch über den Pilznarren: Eine Geschichte für sich
von Peter Handke

Samstag, 11. September 2021

Stifters Sehnsucht nach seiner eigenen Welt


Adalbert Stifter

Adalbert Stifter hat die Nachwelt polarisiert - veralteter Langweiler oder aktueller Erzählkünstler?
Die einen erinnern sich an den idyllischen österreichischen Heimatdichter, andere an den exzellenten Erzähler des 19. Jahrhunderts, wieder andere an den Verfasser langweiliger Schullektüre mit seinen schier endlosen, minutiösen Schilderungen von Landschaft und Natur. Die wenigsten verbinden mit dem Namen Stifter den großen Erzähler, der in seinem Werk die Leidenschaften und Abgründe menschlichen Lebens zu bannen sucht, und zwar auf eine Weise, die sich zwar nicht unmittelbar erschließt, dem Kenner seines Werkes aber über ein künstlerisches Erlebnis hinaus eine tiefe Erkenntnis über das Rätsel Mensch vermittelt.

Auf Schriftsteller hat Stifters Erzählkunst jedoch eine fazinierende Wirkung ausgelöst. Es waren immer wieder Schriftsteller, die insbesondere von seinem Spätwerk angezogen, ja fasziniert waren, von dem ruhigen, langsam fließenden, fast übergenauen Duktus seiner Sprache, von den handlungslosen, groß angelegten Tableaus von Häusern, Landschaften, Gärten, die geplant, errichtet, bewirtschaftet werden, als sei es ein Sinn an sich. Andere sind von Stifter sofort zu Tode gelangweilt und halten ihn keine drei Seiten lang aus, weil nichts passiert.

Friedrich Hebbel versprach demjenigen die Krone von Polen, der den freiwillig, ohne als Rezensent verpflichtet zu sein, zu Ende lese. Die letztgenannte Gruppe von Stifter-Lesern beziehungsweise Nichtlesern bemerkt zumeist eines nicht: dass nämlich unter der Ruhe und der viel (manchmal zu viel) gepriesenen Klarheit des späten Stifter etwas sehr Beunruhigendes steckt, das zu benennen schwer fällt. Vielleicht ist es die Beschwerde darüber, dass die Welt so nicht ist, wie sie da beschrieben (erfunden, ersehnt) wird.

Die Beschwerde darüber, dass sie so sein sollte, aber nicht ist. Diese quasi idyllischen Gemälde Stifters funktionieren wie eine Linse, durch die man hindurchschaut, um die Welt dann bedauerlicherweise klarer zu sehen, die ganz und gar nicht so ist wie bei Stifter.

Adalbert Stifter


Die Welten Stifters stehen nicht allein groß und mächtig, wie gemeißelt, auf dem Papier und genügen sich, nein, vielmehr liest man zwischen den Zeilen überall die Sehnsucht nach ebendem, was in den Zeilen steht. Stifters Sehnsucht ist die danach, dass das, was er schreibt, die Welt sei. Sie ist es aber nicht. Und sie war auch nicht Stifters Welt.

Das ist das Tragische an Stifter, daß er wußte, daß die Welt eine andere war und ist. Hebbel muß beim »Nachsommer« ein anderes Buch gelesen haben. Und hat in anderen Welt gelebt, sow wie Stifter in seiner.

Weblinks:

Eine ganze Welt zwischen den Zeilen - www.zeit.de

Adalbert Stifter-Biografie - Biografien-Portal www.die-biografien.de

Adalbert Stifter-Zitate - Zitate-Portal www.die-zitate.de


Weblinks:

Adalbert Stifter-Portal - www.adalbertstifter.at


Adalbert Stifter-Biografie - www.adalbertstifter.at

Dienstag, 9. Februar 2021

Thomas Bernhard 90. Geburtstag

Thomas Bernhard

Thomas Bernhard wurde vor 90 Jahrem am 9. Februar 1931 als unehelicher Sohn im niederländischen Heerlen bei Maastricht geboren.

Thomas Bernhard war einer der berühmtesten Stückeschreiber seiner Zeit und ein Wüterich, der in unermüdlichem Schaffenszorn Weltliteratur schrieb. Er war ein überaus vielschichtige Gestalt: Polarisierender Skandalautor, weltberühmter Dramatiker, österreichisches Phänomen - all das und noch viel mehr war Thomas Bernhard.

Der Schriftsteller zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Autoren der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seine Bücher sind kontinuierlich auch in den großen Verlagshäusern in Amerika, in Frankreich, in Italien erschienen und wurden in alle Kultursprachen der Welt übersetzt. Seine Theaterstücke beeinflussen seit zwanzig Jahren in hohem Maße das Theater in Europa.

Klassiker der Weltliteratur, weltberühmter Dramatiker, polarisierender Skandalautor: all diese Prädikate hat man dem 1989 verstorbenen österreichischen Schriftsteller Thomas Bernhard schon verliehen. Er gehört zu den grossen Autoren dieses Jahrhunderts und gilt als ein Autor von Weltrang.

Sein Weltruhm ist heute unbestreitbar: Klassiker der Weltliteratur, weltberühmter Dramatiker, polarisierender Skandalautor - all diese Prädikate hat man dem 1989 verstorbenen österreichischen Schriftsteller Thomas Bernhard schon verliehen.

Doch ein Schriftsteller wollte er nicht sein, vielmehr "jemand, der schreibt". Zugleich begriff er sich als "Geschichtenzerstörer" und "Übertreibungskünstler", wurde von andern als "Misanthrop" oder "Alpen-Beckett" charakterisiert. Eines steht bei solch unterschiedlichen Ansichten fest: Bernhards Werke, die Prosa wie die Dramen, zählen unbestritten zur Weltliteratur und sind in annähernd 50 Sprachen auf dem Erdball übersetzt worden.

Thomas Bernhard ist einer der streitbarsten, umstrittensten und bedeutendsten Schriftsteller der jüngeren Vergangenheit. Das ungewünschte Kind, als Außenseiter geboren und vom Großvater zu Idealisierung der Einzelgängerrolle erzogen, durch die Krankheit um die Sängerlaufbahn gebracht und als Gerichtsreporter eines Salzburger Provinzblättchens zur Randerscheinung im Schreibgewerbe gestempelt, schwang sich zum bestgehaßten und berühmtesten Schriftsteller und Dramatiker seines Landes auf. Seine Stellung im österreichischen Kulturbetrieb lässt sich folgend charakterisieren: Er wurde der negative Staatsdichter Österreichs.

Thomas Bernhard war der Geist, der stets verneint und seine Stücke waren und sind der Ausdruck seiner berühmten Misanthropie und des Bernhardschen Markenartikels "Menschenhass". Seine Werke sind aus dem Gefühl aus erfahrenem Unrecht und tiefer Verletzung in dunkler Zeit entstanden. Thomas Bernhard, der große Verneiner, wurde zu eine unbequemem Störenfried im eher beschaulichen Literaturbetrieb seines Heimatlandes Österreich, welches ihn mit einer innigen Hassliebe verbinden sollte.

Es ist das jugendliche Schicksal, welches ihn als Persönlichkeit geprägt hat und zum Literaten werden ließ. Der lebensgeschichtliche Hintergrund seiner Romane und Dramen ist ein nicht gewöhnliches Unglück: Jugend in Krieg und Nachkriegszeit, frühe Verlassenheit, erniedrigende Armut, lebensbedrohende Krankheit und in dieser Misere zugleich ein vom Großvater am Enkel durchexerziertes künstlerisches Erziehungsprogramm, das sind Elemente und der Stoff der Biographie eines Autors, der die Literatur souverän zum Mittel seiner Selbstbehauptung machen konnte.

Das Feuilleton wurde nicht müde im Erfinden immer neuer Begriffe, um Thomas Bernhard zu beschreiben. Als "Alpen-Beckett" wurde er bezeichnet und einen "Meister der Suada" sah man in ihm. Nur wenige haben so grandiose Hasstiraden auf Österreich verfasst wie Bernhard und keiner provozierte bei Preisverleihungen die Laudatoren wie er. Gerecht wurden die Feuilletonisten trotz wohlklingender Beschreibungen dem Autor allerdings nicht, denn der Egozentriker Bernhard war stets nur der Mittelpunkt seines eigenen Zentralkosmos!

Thomas Bernhard war ein Schriftsteller, der sein eigenes Leben zur Dichtung gemacht hat und seine Erfahrung zum Mittelpunkt seiner Stücke erhoben. Daraus entstanden ist eine Dichtung mit Hang zur Erregung. Aus seinen Werken strömte stets die Erregung über die Zustände in seinem Heimatland. Und von der Erregung zum Skandal ist es nicht weit.

Der Autor war immer für einen gut kalkulierten Skandal gut, denn er war auch ein geschickter Meister der Kunst der Erregung öffentlichen Ärgernisses. Der Skandal war Teil seiner Inszenierung, selten jedoch Inhalt seiner Werke. Skandale haben das Werk und das öffentliche Auftreten Bernhards durch Jahrzehnte begleitet. Die Veröffentlichung seines Romans »Holzfällen« hatte bereits für einen Eklat gesorgt und die Inszenierung seines Stückes »Heldenplatz« war begleitet von heftigen öffentlichen Protesten.

Bis heute wird Thomas Bernhard mit dem Attribut "Skandalautor" bedacht, doch wird man Bernhard mit diesem Attribut nicht gerecht, denn er war eher ein ironischer und zuweilen auch sarkastischer Übertreibungskünstler. Nur allzu oft assoziiert man mit dem Namen weniger seine Werke als die damit begleitenden Skandale. Diese sollten schließlich in den Vorgängen rund um die Uraufführung des Stückes »Heldenplatz« im Jahr 1988, wenige Wochen vor dem Tod des Autors, gipfeln.

Thomas Bernhard war ein Provokateur, der mit spitzer Feder gegen die Verhältnisse in seinem Heimatland angeschrieben hat. Der Staatsverächter Thomas Bernhard nahm in Österreich die Auseinandersetzung mit seinem Herkunftsland in der Tradition der Kritik von Karl Kraus auf. Beide haben Staatsverachtung als literarisches Programm praktiziert.

Bernhard ist ein Beschimpfungskünstler, welcher die Beschimpfung zur Kunstform erhoben hat. Mit schöner Regelmäßigkeit vermochte er die Gesellschaft vor den Kopf zu stoßen, er brachte die Verhältnisse zum Tanzen. Die Premieren seiner berühmten Theaterstücke bis hin zu seinem letzten Erfolg »Heldenplatz« lösten verlässlich frenetischen Beifall und wüste Beschimpfungen aus. „Mit der Kälte nimmt die Klarheit zu“, hatte er einmal gesagt, aber dieser Kälte wollte sich nicht jeder aussetzen.

Ob Thomas Bernhard Prosa oder ein Theaterstück geschrieben hat, immer haben sein Plädoyer gegen den Nationalsozialismus, seine Angriffe gegen sein ungeliebtes Heimatland Österreich im Mittelpunkt gestanden. Ganz besonders in seinem Theaterstück »Heldenplatz«, dem wohl umstrittendsten, dem bekämpftesten Werk von Thomas Bernhard.

Wer Thomas Bernhard kennt und seine Werke liest, der weiß von seinen Schimpftriaden über Systeme und Politik. In diesem Werk hat er die österreichische Gesellschaft - und speziell die Wiener, die Politik, den Antisemitismus - aufs Korn genommen und zur Zielscheibe seiner Tirade gemacht.

Für seine Leserinnen und Leser aber war er weit mehr als ein unbequemer österreichischer Dichter; er war für sublimere Gemüter eine Art Realitätenvermittler und – ja, das war er auch – ein moralische Instanz, die mit jedem neu erschienenen Roman oder Theaterstück seine geliebte Heimat Österreich wieder einmal schonungslos und klar kritisierte und sezierte. Das gefiel nicht jedem seiner Landsleute.

Biografien:

Zu Thomas Bernhard - Thomas Bernhard-Portal www.thomasbernhard.at

Thomas Bernhard-Biografie - www.dieterwunderlich.de

Thomas Bernhard-Biografie - www.die-biografien.de



Weblinks:

Thomas Bernhard-Zitate - www.die-zitate.de


Über Thomas Bernhard schimpft man nicht mehr - www.nzz.ch


Blog-Artikel:

Thomas Bernhard 80. Geburtstag

Thomas Bernhard der große Verneiner

Donnerstag, 24. Dezember 2020

»Bergkristall« von Adalbert Stifter

Bergkristall


Der »Bergkristall«, erstmals 1845 erschienen, ist eine wunderschöne Weihnachtsgeschichte und gilt als die ergreifendste Erzählung, die Adalbert Stifter geschrieben hat: eine Erzählung von Drama und Rettung, Auferstehung und Versöhnung, die Menschen in der kalten Zeit zueinander finden lässt. Stifter verknüpft in seiner volkstümlichen Erzählung vom »Bergkristall« naturhafte und religiöse Motive.

Die Geschichte spielt in 19. Jahrhundert in den österreichischen Bergen. Zwei Bergdörfer, Gschaid und Milsdorf, sind durch einen Berg voneinander getrennt, die Einwohner sind sich gegenseitig fremd. Dessen ungeachtet hat der Schuster aus Gschaid die Milsdorfer Färberstochter geheiratet. Das Ehepaar hat zwei Kinder, Konrad und Sanna.

Die Erzählung soll durch ein Bild des Stifter-Freundes Friedrich Simony inspiriert worden sein, das in eine Höhle geflüchtete Kinder zeigt. Auch traf er in Hallstatt ein Kinderpaar, das beim Erdbeerensammeln von einem Unwetter überrascht worden war und unter einem Felsen Schutz gesucht hatte.


Am Heiligen Abend schickt die Mutter Konrad und Sanna zu den Großeltern in Milsdorf, um ihnen Weihnachtsgrüße und -geschenke zu übermitteln. Dazu gehen die Kinder über den beide Dörfer trennenden Pass. Die Großmutter schickt ihrerseits die Kinder so rechtzeitig auf den Heimweg, dass sie vor Einbruch der Dämmerung wieder daheim sein müssten.

Bergkristall
Bergkristall
von Adalbert Stifter
Auf dem Heimweg aber geraten sie in dichten Schneefall, die Kinder verlieren die Orientierung und verirren sich auf dem Berg. Sie finden auch nicht den gewohnten Wegweiser: eine rote Säule, die dort als Mahnmal für einen tödlich verunglückten Wanderer steht. Anstatt talwärts zu gehen, irren die Kinder hinauf in die nackte Fels- und Eisregion. Als es dämmert, steigen sie in eine Eishöhle, um dort zu übernachten. Bruder und Schwester verbringen die Nacht in einer Eishöhle.

Bergkristall


Noch in der Nacht sind die Männer aus zwei Bergdörfern aufgebrochen, um die Kinder in einer dramatischen Rettungsaktion zu suchen. Am Morgen des Weihnachtstages werden die Kinder unversehrt gefunden. Die Bewohner der beiden Bergdörfer, die sich bisher gegenseitig als Fremde angesehen und behandelt haben, versöhnen sich aufgrund dieser gemeinsamen Rettungsaktion der auf dem Berg verschollenen Kinder.

Stifter brilliert mit eindringlichen Beschreibungen der winterlichen Natur und einer herzerwärmenden Geschwisterliebe. Der »Bergkristall« ist eine der schönsten Erzählungen von Adalbert Stifter, in der sich beim Lesen auch ein literarischer Zauber verbreitet. Diese ergreifende Weihnachtsgeschichte ist eine phantasievolle und zeitlose Erzählung nicht nur für Kinder.

Weblink:

Bergkristall - www.weihnachtsgeschichten.org

Adalbert Stifter-Biografie - Biografien-Portal www.die-biografien.de

Literatur:

Bergkristall
Bergkristall
von Adalbert Stifter

Samstag, 14. November 2020

»Auslöschung: Ein Zerfall« von Thomas Bernhard

Auslöschung: Ein Zerfall
Auslöschung: Ein Zerfall

Vor 30 Jahren erschien letzter Roman »Auslöschung: Ein Zerfall« von Thomas Bernhard. Der Roman ist eine kritische Erzählung vom katholischen Nazistaat Österreich. Mit dem Roman »Auslöschung« findet das prosaische Werk Bernhards ein grandioses Ende. Bernhard rechnet ein letztes Mal mit Österreich ab, mit dem Deutschtum, mit dem Katholizismus und nicht zuletzt und vor allem mit dem Nationalsozialismus. Der Handlungsort von »Auslöschung« ist Wolfsegg in Oberösterreich.

Franz Josef Murau, der Erzähler in Bernhards Roman, ist vor seiner Familie aus dem oberösterreichischen Wolfsegg nach Rom geflohen. Dort lebt er als Privatlehrer für Deutsch und Philosophie. Nun ruft ihn ein Telegramm mit der Nachricht, seine Eltern und sein Bruder seien bei einem Autounfall umgekommen, in den gehassten Familienort zurück:

"Zwei Tage nach der Rückkehr von der Hochzeit meiner Schwester Caecilia mit dem Weinflaschenstöpselfabrikanten aus Freiburg, ihrem Mann, meinem jetzigen Schwager, muss ich in das mir in den letzten Jahren tatsächlich alles in allem widerwärtig gewordene Wolfsegg zurück, dachte ich, und der Anlass ist jetzt kein lächerlicher und grotesker, sondern der furchtbare."

Franz-Josef Murau ein "Privatgelehrter“ und Bonvivant kehrt nach langer Zeit der Trennung wieder in das Haus seiner Kindheit zurück, um das Begräbnis seiner Eltern zu organisieren, die kurz vor Einsetzen der Handlung bei einem Autounfall ums Leben kamen.

Hier trifft er auf alles, was ihn einst aus Österreich drängte: Kleingeistigkeit, Spießigkeit und nicht zuletzt seine verhasste Familie.
In typisch Bernhard-scher Manier ergeht er sich Seite um Seite in einem ellenlangen Monolog und begießt Heimatland und Mitmenschen mit ätzendem Spott;


Thomas Bernhards Roman »Auslöschung: Ein Zerfall« umfasst 650 Seiten. Er ist eine monomane Suada, in deren erstem Teil sich Murau in Rom an die Schrecken seiner Kindheit und eines Ortes erinnert, der von Katholizismus und Nazismus geprägt war, während er im zweiten Teil die Beerdigung und Testamentsabwicklung in Wolfsegg beschreibt. Viel Handlung gibt es nicht, dafür Kritik an und Beschimpfung von Haltungen.

Die Lektüre selbst gleicht einem Rausch: Man beginnt distanziert, in Rom, mit dem Telegramm in den Händen. Seitenlang hält man es dort fest, hält es auf Distanz und verfolgt mit dem geistigen Auge einen gruseligen Film aus der eigenen Vergangenheit. Dann ist man in Wolfsegg, spukt um das Anwesen herum, flüchtet in den Garten, ins Schulhaus usw und durchlebt dabei ein Wechselbad der Gefühle, wie man es nur aus einem bemerkenswerten Traum gewohnt ist. Ohnehin hat das ganze etwas Traumhaftes, wie im Rausch eben.

Das letzte Kapitel, das der realen Topographie von Wolfsegg nachgeht und die enge Verbindung zwischen literarischer Fiktion und der Biographie oder Lebenswirklichkeit Thomas Bernhards aufzeigt.

»Jeder Mensch hat seinen Weg, und jeder Weg ist richtig.«

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Thomas Bernhard<>

»Auslöschung« ist - wie auch später »Heldenplatz« - ein »Anti-Österreich-Stück«, eine Abrechnung mit der braunen Vergangenheit Österreichs, welche Bernhard in seiner Jugendzeit in Salzburg selbst kennengelernt hatte und der er in seiner Jugendzeit ausgesetzt war.

Sein Stil, geprägt durch endlose Wiederholungen, durch Übertreibungen und ein Schreiben ohne jede optische Unterbrechung, im gesamten Buch gibt es lediglich einen Absatz zwischen dem ersten und dem zweiten Teil, erzeugt einen Sog, dem ich mich nicht entziehen konnte und wollte. Es ist vorstellbar, dass nur ein Mensch eine solche Verachtung, einen solchen Radikalismus entwickeln kann, der selbst in Jugend und Kindheit gelitten hat.
Im Gegensatz zu Bernhards anderen Werken wirkt diese Litanei aber niemals polemisch oder langweilig, sondern tatsächlich begründet: Bernhards Stil strotzt vor Kraft, und seine humoristische "Übertreibungskunst“, die schon in anderen Werken deutlich wurde, erreicht einen absoluten Höhepunkt.

Sein letzter Roman »Auslöschung« zeigt ihn aber noch einmal in aller Spannkraft und als ein Genie der deutschsprachigen Prosa – »Korrektur« ist fesselnd, »Holzfällen« ist brillant – aber »Auslöschung« ist überragend.

Weblinks:

Auslöschung. Ein Zerfall - thomasbernhard.at

Hellwache Kritik an Österreich - www.deutschlandfunk.de


Literatur:

Auslöschung: Ein Zerfall
Auslöschung: Ein Zerfall
von Thomas Bernhard


Freitag, 6. November 2020

Robert Musil 140. Geburtstag

Robert Musil

Robert Musil wurde vor 140 Jahren am 6. November 1880 in St. Ruprecht bei Klagenfurt geboren. Robert Musil war ein bedeutender österreichischer Schriftsteller und Theaterkritiker.

Nach einer abgebrochenen militärischen Laufbahn studierte Musil zunächst Maschinenbau, dann Philosophie, Psychologie, Mathematik und Physik. Obwohl promoviert, sah Musil seine Zukunft nicht in der Wissenschaft. Nachdem er verschiedene Berufe ausgeübt hatte und als Landsturmhauptmann an der italienischen Front gewesen war, konzentrierte er sich auf das Schreiben.


Robert Musils umfangreiches Werk umfasst Novellen, Dramen, Essays, Kritiken und zwei Romane, den Bildungsroman »Die Verwirrungen des Zöglings Törleß« und sein unvollendetes opus magnum »Der Mann ohne Eigenschaften«.

Musils Werk ist geprägt von allgemeinen Fragen und Betrachtungen über das menschliche Dasein, der Kunst, Politik und Geschichte, aber auch von prägenden negativen Erfahrungen in der Zeit seiner Erziehung.


Zu seinen bedeutendsten Werken gehören »Der Mann ohne Eigenschaften« und »Die Verwirrungen des Zöglings Törleß«. Bekannt geworden ist Robert Musil vor allem als Autor des unvollendeten Romans »Der Mann ohne Eigenschaften«.

Die k. u. k. Monarchie wird gelegentlich als „Kakanien“ bezeichnet, das Leben in ihr als „kakanisch“. Damit verbindet man unter anderem die Baukunst in den Städten, die bunten militärischen Uniformen, die Vielsprachigkeit des Staates, das Gesellschaftsleben der damaligen Zeit und die Kaffeehaustradition. Dieser Ausdruck wurde – nach dem Untergang der Monarchie – von Robert Musil in seinem Roman »Der Mann ohne Eigenschaften« geprägt.

Dieser Roman hat sich von den ersten autobiografischen Entwürfen noch kurz nach dem Ersten Weltkrieg über verschiedene Romanprojekte Mitte der 1920er Jahre zu Musils Lebenswerk entwickelt, in das nach und nach sämtliche literarischen Anstrengungen eingingen. Über dieser Arbeit wurden nach dem Erfolg des Erstlingswerks »Die Verwirrungen des Zöglings Törleß« von 1906 bis 1930 Musils literarische und journalistische Publikationen immer seltener.

Im engeren Rahmen der deutschsprachigen Literatur seiner Zeit stellt man Musil nicht selten in eine Reihe mit Hermann Broch, Franz Kafka, Thomas Mann, Elias Canetti und anderen, deren Schreibenergie sich oft ähnlich der Musilschen aus Zusammenbruchserfahrungen nährte.


Wie auch in den intellektuellen Romanen zeitgenössischer Künstler, wie z.B. Rilke, findet man in Musils Werken viele essayistische Absätze vor, verflochten mit überreichen Handlungen, dramatischen Szenen und kontemplativen Passagen, die von dem menschlichen Dasein, der Kunst, Politik und Geschichte handeln wie das für Dostojewskis Romane charakteristisch war.

Als die Nazis Österreich besetzten, emigrierte er mit seiner Frau Martha in die Schweiz. Robert Musil starb am 15. April im Schweizer Exil in Genf.

Weblink:

Zum 75. Todestag von Robert Musil - Die Verwirrungen des Zöglings Törless - www.deutschlandfunk.de


Literatur:

Der Mann ohne Eigenschaften - Erstes Buch
Der Mann ohne Eigenschaften - Erstes Buch
von Robert Musil

Der Mann ohne Eigenschaften I - Erstes Buch
Der Mann ohne Eigenschaften 1 - Erstes Buch
von Robert Musil

Blog-Artikel:

»Der Mann ohne Eigenschaften« von Robert Musil

Robert Musil 75. Todestag

Samstag, 12. September 2020

»Der Nachsommer« von Adalbert Stifter

Der Nachsommer

Der Nachsommer

»Der Nachsommer« mit dem Untertitel »Eine Erzählung (1857)« ist ein zwischen 1847 und 1857 entstandener Roman in drei Bänden von Adalbert Stifter. »Der Nachsommer«, Stifters vielleicht bekannteste Schöpfung, zählt gehört zu den großen Bildungsromanen des 19. Jahrhunderts. Im Stil des Biedermeier erzählt der Entwicklungsroman die Lebens- und Familiengeschichte seines Protagonisten, der im Verlauf des Buches zu einem reifen Mann wird.

Es gibt Romane, die sind wie eine nacherzählte Lebensgeschichte, welche das eigene Leben im milden Licht eines geglückteren Entwurfes erscheinen läßt. Der »Nachsommer« ist eine literarische Annäherung an Adalbert Stifter. Mit seiner durch und durch autobiografischen Grundierung ist das Werk an Stifters Leben entlanggeschrieben und vergegenwärtigt dieses Leben. Es ist der idealisierte Entwurf eines geglückten Lebens und zugleich auch die Korrektur von Stifters eigener Geschichte. Nachdem es das erste und eigentliche Mal ganz anders war, liefert der Autor, der ein Dichter und Träumer war, gewissermaßen die verbesserte Ausgabe. Dieses Mal glückt alles. Also kein vaterloses, gefährdetes Leben, gefolgt von einem lebnslänglichen Chaos wie bie Stifter, sondern eben ein Leben, das man ein glückliches nennen kann.

Ein junger Naturforscher bittet in einem abgelegenen, über und über mit Rosen bedeckten Landhaus um Unterschlupf vor einem drohenden Gewitter. Er wird von dem älteren Hausbesitzer freundlich aufgenommen, kehrt auf seinen Reisen immer wieder dorthin zurück und heiratet schließlich die Ziehtochter seines Gastfreundes. Mit diesen Sätzen wären die knapp 800 Seiten von Stifters „Nachsommer” schon so gut wie vollständig zusammengefasst.

Der Nachsommer
Der Nachsommer

Die Handlung dreht sich um die verschieden gearteten Leben zweier Paare, wobei das jüngere von beiden in Glück und frischer Liebe schwebt, das ältere hingegen durch seine Seelenreife und gemeinsamen Erlebnisse andere Empfindungen der Zufriedenheit verspürt - gewissermaßen einen Nachsommer ihrer Liebe durchlebt. Dabei gelingt es der jungen Beziehung, von den Erfahrungen des älteren Paares zu lernen und zu profitieren.

Zwei liebende Paare stehen im Vordergrund dieses warmherzigen Romans: Das jüngere beschließt nach schüchterner Annäherung schließlich zu heiraten, das ältere erlebt eine späte Liebe »in Glück und Stetigkeit, gleichsam einen Nachsommer ohne vorhergegangenen Sommer.«

Adalbert Stifter

Entschleunigung ist der Schlüssel zu diesem Buch. Wer dieses Tempo nicht annehmen kann oder mag, dem muss »Der Nachsommer« als Krönung der Langeweile erscheinen. Allerdings entgeht diesem Leser dann auch ein Kunstwerk des humanen Entwicklungs- und Bildungsideals, welches eben die Seele des Werkes ist.

Natürlich ist dieses Bildungsideal in der jetzigen Welt, in der Bildung rein marktwirtschaftlich wettbewerblich verstanden wird und nicht die Entfaltung und Entwicklung der eigenen Persönlichkeit zum Zweck hat, so weit außerhalb unseres Radars, dass dieses Buch heute wohl kaum noch die Leser findet, die es verdient.

Der Entwicklungsroman ist an der Biografie seines Autors entlanggeschrieben. Er ist ein idealisierter Gegenentwurf zu seinem tatsächlichen Leben.

»Der Nachsommer« wurde gerade von Schriftstellern bewundert und geliebt. Die Bewunderer Stifters unter den Lesern, die selbst schreiben, sind und waren zahlreich. Schließlich geht es hier um die Sprache als seine Weise der Vergegenwärtigung der Welt.

Stifters Nachsommer ist kein schlechtes Werk, doch ist es wahrlich nur für sehr geduldige Leser geeignet. Ich mag Bildungsromane, die meist durch eine gewissen Stille geprägt sind. Mögen die ersten paar hundert Seiten des Nachsommers noch ansprechend sein, aber irgendwann wirkt das Werk einfach zu übertrieben. Die Atmosphäre, die Sanftheit, die Naturbeschreibungen sind ansprechend.

Die immer wiederkehrende Beschreibung unwesentlicher Details, die endlosen Monologe über Kunst, Kultur und Politik sowie das vollständige Ausbleiben von Handlungsfortschritten waren mir irgendwann zu viel. Man hat den Eindruck, Stifter versuchte hier krampfhaft, seine gesamte Weltsicht en detail in einen Roman zu pressen. So entstand aber ein Missverhältnis zwischen der mangelnden Handlung und dem Übermaß an Darlegung der Weltanschauung.

Wie heisst es so schön: "Ein Klassiker ist ein Buch, das jeder lobt und niemand liest.", sagte Mark Twain einmal.
Dieses Buch ist ein Klassiker und verdient es, nicht nur gelobt, sondern auch gelesen zu werden.
In der Tat macht es der Autor dem Leser nicht leicht, in erster Linie deswegen, weil man zur Lektüre braucht, was vielen in der heutigen Zeit abgeht, Zeit und Muße. Wie jedes große Kunstwerk erschließt sich das Buch nicht sofort und nicht beim flüchtigen Lesen.

Literatur:

Der Nachsommer


Der Nachsommer von Adalbert Stifter - Gebundene Ausgabe - 1. Januar 2007

Dienstag, 10. Dezember 2019

Verleihung des Literaturnobelpreis an Peter Handke

Peter Handke

Peter Handke hat den Literaturnobelpreis auf jeden Fall verdient, denn dieser Preis wird von dem schwedischen Nobelpreis-Komitee für das literarische Werk eines Schriftstellers verliehen.

Dass ein Schriftsteller politisch falsche Einschätzungen trifft oder fragwürdige Haltung zeigt, ist für die Verleihung des Literatur-Preises nicht maßgebend!

"Ich schreibe nicht mit Meinungen. Ich habe niemals eine Meinung gehabt, ich hasse Meinungen."

Leider können viele Medien dies nicht ausreichend differenzieren, sondern versuchen vehement, einen sich politisch unklug verhaltenden Schriftsteller auf seine Haltung festzunaglen. Dies hat aber mit seinem verfassten litarischen Werk nichts zu tun.


Der umstrittene österreichische Literaturnobelpreisträger Peter Handke ist in seiner Nobelvorlesung nicht auf die Kritik an seiner Haltung zum Jugoslawien-Konflikt eingegangen. Stattdessen richtete er sein Hauptaugenmerk in seinem Vortrag in der Schwedischen Akademie auf ein zentrales Werk aus seiner Schaffenszeit. "Spiele das Spiel. Sei nicht die Hauptperson. Such die Gegenüberstellung. Aber sei absichtslos. Vermeide die Hintergedanken. Verschweige nichts", zitierte Handke aus dem 1981 erschienenen Drama »Über die Dörfer«, das von einem Konflikt zwischen drei Geschwistern und dessen friedlicher Lösung handelt. "Der ewige Friede ist möglich", zitierte Handke die Figur Nova.

Die Haltung der deutschen Medien zur Zerstörung von Jugoslawien musste nachträglich korrigiert werden. Es fand ein dreitägiges Hearing beim ZDF statt, in der die Medienlügen die Hauptrolle spielten. Schlagwort: "Es begann mit einer Lüge."

Übrigens teilten damals viele Intellektuelle Handkes Position, u.a. Rudolf Augstein und Claus Peymann. Es gibt einen sehr guten Aufsatz von Wiglaf Droste in der taz anlässlich der Ankündigung, Handke den Heinepreis der Stadt Düsseldorf zu verleihen - mit ähnlicher Kontroverse wie heute. Wiglaf Droste fand die passende Antwort darauf - natürlich auf Seiten Handkes.

Handke hat nichts zu revidieren. Er hat in einem Wust wüster Kriegspropaganda seine Meinung gesagt. Mit dem erheblichen Erfolg für ihn persönlich, dass genau die Journalisten, die damals logen, dass sich der Balkan bog, ihn heute wieder angreifen, wenn er nicht ihre Schallplatten leiert. Solche Figuren zu Feinden zu haben, ehrt.

Das ist der Unterschied zwischen einer bezahlten Feder und einem Literaten von Weltrang. Ich erinnere an Boris Leonidowitsch Pasternak und an Alexander Issajewitsch Solschenizyn, beide Nobelpreisträger (einer musste ablehnen), die von der dortigen Systempresse ebenfalls unter Feuer genommen wurden.

In diesem Zusammenhang ist noch Emile Zola und die Dreyfuss-Affäre erwähnen. Wenn auch Dreyfus billiger davogenommen ist als Milosevic. Handkes Größe ist nur an solchen Genies messbar. Aus welchen Gründen auch immer, er hat es praktisch der Wahrheit und Gerechtigkeit wegen mit einer Hälfte der Welt angelegt.


Peter Handke wurde am 6. Dezember 1942 in Griffen (Kärnten) geboren. Peter Handke ist ein bekannter österreichischer Lyriker, Essayist, Drehbuchautor und Regisseur. Er gilt als vielseitiger Schriftsteller und als Meister der Form. Er sieht sich als Epigone einer entpolitisierten Literatur, doch das macht seine Literatur um ihrer selbst wertlos.

Weblink:

"Sei nicht die Hauptperson" - www.zeit.de/kultur

Dienstag, 12. Februar 2019

Thomas Bernhard 30. Todestag


Thomas Bernhard

Am 12. Februar jährt sich der 30. Todestag des österreichischen Schriftstellers Thomas Bernhard, der im Februar 1989 in Gmunden (Oberösterreich) starb. Klassiker der Weltliteratur, weltberühmter Dramatiker, polarisierender Skandalautor: all diese Prädikate hat man dem 1989 verstorbenen österreichischen Schriftsteller Thomas Bernhard schon verliehen. Er gehört zu den grossen Autoren dieses Jahrhunderts und gilt als ein Autor von Weltrang.

Thomas Bernhard war einer der berühmtesten Stückeschreiber seiner Zeit und ein Wüterich, der in unermüdlichem Schaffenszorn Weltliteratur schrieb. Er war ein überaus vielschichtige Gestalt: Polarisierender Skandalautor, weltberühmter Dramatiker, österreichisches Phänomen - all das und noch viel mehr war Thomas Bernhard.

In der Rolle des Enfant terrible, des Nestbeschmutzers, befriedigte der uneheliche Sohn einer oberösterreichischen Hausgehilfin und Enkel des Schriftstellers Johannes Freumbichler seine Größenphantasien auf grandiose Weise. Das ungewünschte Kind, als Außenseiter geboren und vom Großvater zu Idealisierung der Einzelgängerrolle erzogen, durch die Krankheit um die Sängerlaufbahn gebracht und als Gerichtsreporter eines Salzburger Provinzblättchens zur Randerscheinung im Schreibgewerbe gestempelt, schwang sich zum bestgehaßten und berühmtesten Schriftsteller und Dramatiker seines Landes auf. Er wurde der negative Staatsdichter Österreichs. Sein Erfolg ermöglichte ihm den Milieuwechsel, verschaffte ihm den Zutritt zum Großbürgertum, dessen Lebensstil (Wohnung im Wiener Nobelviertel, Landsitz in Oberösterreich) er imitierte und dessen Borniertheiten er hämisch studierte und gnadenlos bloßstellte. Seine berühmte Misanthrophie, der Bernhardsche Markenartikel "Menschenhaß", ist genau besehen nur gewendete Eigenliebe.

Thomas Bernhard

Bernhard hat den eher beschaulichen Literaturbetrieb Östereichs nach dem Krieg gewaltig aufgemischt. Zu Lebzeiten war Thomas Bernhard als "Skandalautor", "Österreich-Beschmutzer" und Übertreibungskünstler verschrien und geschmäht, denn er zeigt Österreich nur allzuoft sein ungeschöntes und wahres Gesicht. Der »Alles-und alle-Beschimpfer« provozierte Skandale und wollte dennoch partout kein Skandalautor sein. Er war dennoch ein unbequemer Störenfried im eher beschaulichen Literaturbetrieb seines Heimatlandes Österreich, welches ihn mit einer innigen Hassliebe verband.

„Ich darf nicht leugnen,daß ich auch immer zwei Existenzen geführt habe, eine, die der Wahrheit am nächsten kommt und die als Wirklichkeit zu bezeichnen ich tatsächlich ein Recht habe, und eine gespielte, beide zusammen haben mit der Zeit eine mich am Leben haltende Existenz ergeben.“

Thomas Bernhard, »Der Keller«

Thomas Bernhards Karriere begann als Lyriker, bevor er Anfang der 1960er Prosa-Werke zu verfassen begann. 1957 erschien sein erster Gedichtband "Auf der Erde und in der Hölle". Die schwere Kindheit, seine ständige Todesnähe durch Lungentuberkulose und der frühe Verlust des Großvaters spiegeln sich in seinem Werk wider. Mit dem Roman "Frost" wurde Bernhard 1963 schlagartig bekannt. Er schrieb Theaterstücke, Romane und Erzählungen und erhielt etliche Ehrungen - die ihm in späteren Lebensjahren aber mitunter peinlich waren.

Thomas Bernhard, der seine schriftstellerische Laufbahn mit Gedichten begann, fand schließlich seinen unverwechselbaren Stil in der Prosa (in Romanen und kürzeren Prosastücken) sowie im Drama. Aber Bernhard war auch ein großer Künstler der Literatur, der genau wußte: »Die einzige Heimat für einen Künstler ist die Kunst selbst.« Und das das Leben Bestimmung zum Tode ist: »Das Leben ist ein Prozess, den man verliert, was man auch tut und wer man auch ist.«

»Meine Triebfeder ist, das zu schreiben, von dem niemand spricht.«

Thomas Bernhard




In all seinen Werken spiegeln sich sowohl gesellschaftliche Zustände als auch persönliche Erlebnisse. Thomas Bernhard war ein Schriftsteller, der sein eigenes Leben zur Dichtung gemacht hat und seine Erfahrung zum Mittelpunkt seiner Stücke erhoben. Daraus entstanden ist eine Dichtung mit Hang zur Erregung. Aus seinen Werken strömte stets die Erregung über die Zustände in seinem Heimatland. Und von der Erregung zum Skandal ist es nicht weit.

Thomas Bernhard schrieb seine autobiografisch geprägte Romane entlang seines Lebensverlaufes - beginnend mit dem Roman "Frost" 1963. Der Autor verarbeitete seine Kindheit und Jugend literarisch in fünf autobiografischen Werken: "Die Ursache", "Der Keller", "Der Atem", "Die Kälte" und "Ein Kind".

Mit dem Romanen "Frost", "Kalkwerk und "Heldenplatz" hat der Büchner-Preisträger Bernhard so deutliche literarische Zeichen gesetzt, dass das Interesse an seiner Literatur und seiner Vita auch 25 Jahre nach seinem Tod nicht abgeklungen ist. Bernhard schrieb auch autobiographisch: "Die Ursache", "Der Keller", "Der Atem", "Die Kälte", "Ein Kind", Werke, in denen er durchaus misantropisch vom Fahrrad Fahrenlernen, der Beziehung zum Großvater, der daraus entwickelten Prägung künstlerisch zu arbeiten, seinem Kindheitsproblem Bettnässen, schweren Erkrankungen, eigener erlebter und verfluchter Schwächlichkeit und Sanatoriumsaufenthalten erzählt.

Thomas Bernhard arbeitete sich sein Leben lang laut grantelnd an seiner österreichischen Heimat ab. Die Dosis wurde stetig erhöht. Ob Bernhard Prosa schreibt oder ein Stück, immer stehen sein Plädoyer gegen den Nationalsozialismus, seine Angriffe gegen sein ungeliebtes Heimatland Österreich mit im Mittelpunkt. Ganz besonders im "Heldenplatz", dem wohl umstrittendsten, dem bekämpftesten Werk von Thomas Bernhard. "Heldenplatz" von 1988 kurz vor Bernhards Tode sorgte in Österreich für einen großen Eklat.

Thomas Bernhard ist der Geist, der stets verneint und seine Stücke sind der Ausdruck seiner berühmten Misanthrophie und des Bernhardschen Markenartikels "Menschenhaß". Bernhard gilt als großer Romancier des Abgründigen. Der misanthropische Schriftsteller neigte dabei zu literarischem Sarkasmus. .


Empfohlene Romane von Thomas Bernhard:











Das Feuilleton wurde nicht müde im Erfinden immer neuer Begriffe, um Thomas Bernhard, zu beschreiben. Als "Alpen-Beckett" wurde er bezeichnet und einen Meister der Suada sah man in ihm. Nur wenige haben so grandiose Hasstiraden auf Österreich verfasst wie Bernhard, keiner provozierte bei Preisverleihungen die Laudatoren wie er. Bernhard war immer für einen Skandal gut. Die Veröffentlichung seines Romans "Holzfällen" hat für einen Eklat gesorgt und die Inszenierung seines Stückes "Heldenplatz" war begleitet von heftigen öffentlichen Protesten.

Immer wieder war es seine Hassliebe zu Österreich, die offen zu Tage trat und ihn umgetrieben hat. Es gab für ihn kein schöneres Land als Österreich, in dem er nicht leben konnte, und in dem er doch bis zu seinem Tode blieb. Wut, Zorn und Häme galten dem Land und seinen Menschen. Vor allem die Politiker hatten es dem begnadeten Misantropen angetan. Seine großen Themen waren stets existenzieller Art: Tod/Selbstmord, Krankheit und seine innig gepflegte Österreich-Hassliebe:

»Ich lebe hier in Österreich, weil ich nicht anders kann, weil ich an die Landschaft gebunden bin. Aber ich will meiner Arbeit zuliebe mit meinen Feinden nichts zu tun haben ... ich habe naturgemäß keine Lust, auf diese Bühne zu steigen, auf welcher jeder, der an der Wahrheit hängt, zu einer lächerlichen Figur gemacht wird.«

Thomas Bernhard, eigentlich ein Wachrüttler im verschlafenen Kulturbetrieb seines Heimatlandes, wütete in seinen Werken mit wildem Furor, wurde bekannt dafür, wenig Rücksichten auf öffentliche Moral zu nehmen. Der streitbare Schriftsteller wurde künstlerisch getrieben durch eine Lust an der Provokation. Die provokatorische Feuersbrunst seiner abgründigen Werke loderte weithin sichtbar. Seine aufgeführten Werke - immer am Rande des Skandals - waren umstritten und riefen stets starke Emotionen hervor.

Heute erfährt der Dichter eine seltsame Anverwandlung: Er ist längst zu einem gefeierten Klassiker geworden. Zu Lebzeiten hatte Thomas Bernhard mit Skandalen für Schlagzeilen gesorgt und wurde dafür geschmäht. Er galt in Österreich als sogenannter Nestbeschmutzer. Der Dichter Bernhard ist heute, 30 Jahre nach seinem Tode, zu einem seltsamsten Heiligen der Weltliteratur geworden - er ist als nationales Heiligtum beinahe sakrosant geworden. Über Thomas Bernhard schimpft man längst nicht mehr.


Der Wahrheit auf der Spur


Der Wahrheit auf der Spur,
von Thomas Bernhard

Suhrkamp Verlag
344 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 978-3-518-42214-4

Bekannt wurde Bernhards Theaterstücke durch die Inszenierungen des Intendanten Claus Peymann am Wiener Burgtheater. Es war der ganz spezielle böse Übertreibungshumor, den Peymann an Bernhard mochte. Beide verband eine innige Freundschaft.

Sein letztes Stück »Heldenplatz« kommt wie ein letztes Aufbegehren vor, in dem der Autor seiner Heimat die Stirn bieten wollte. Dieses Stück ist eine einzige Attacke und ein Lamento und es lässt heute noch, Jahre nach seiner Veröffentlichung, die Verärgerung spüren oder ahnen, die es seinerzeit in Österreich ausgelöst hat.

Er zählt zu den bedeutendsten österreichischen Schriftstellern und wurde unter anderem 1970 mit dem Georg-Büchner-Preis und 1972 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Der Suhrkamp Verlag hat ihm zu Ehren eine Werkausgabe in 22 Bänden publiziert.



Biografien:

Zu Thomas Bernhard - Thomas Bernhard-Portal www.thomasbernhard.at

Thomas Bernhard-Biografie - www.dieterwunderlich.de

Thomas Bernhard-Biografie - www.die-biografien.de



Weblinks:

Thomas Bernhard-Zitate - www.die-zitate.de


Über Thomas Bernhard schimpft man nicht mehr - www.nzz.ch


Blog-Artikel:

Thomas Bernhard 80. Geburtstag

Thomas Bernhard der große Verneiner