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Samstag, 27. Februar 2021

Bad Regina Schalkos bitterböse Satire


Heute war es still. Hätte man eine Bombe auf Bad Regina geworfen, es hätte nichts geändert. Was war bloß passiert? War es der Hochmut, der ihnen zum Verhängnis wurde? War es die Arroganz, die man schon den Häusern ansah? Wie Messer steckten sie in den steilen Bergwänden. Das Tal wie eine tiefe Schnittwunde. Der rauschende Wasserfall ein Aderlass, der die letzten Lebensenergien ausleitete. Tatenlos sahen sich alle beim eigenen Verschwinden zu. Leseprobe <7blockquote> Nur noch 46 Menschen bewohnen den ehemals mondänen Kurort Bad Regina in den österreichischen Alpen. Seit Jahrzehnten stehen das Casino, das noble Grand Hotel, das Bad und die Kurklinik leer: Alle Gebäude verfallen. Die dort ausharrenden Bewohner huschen wie Gespenster in ihrer Geisterstadt umher, in der nur noch ein Hotel und eine Schänke für Abwechslung sorgen. Bad Regina ist ein verlorener Ort, der fast nur noch für abenteuerlustige "Lost Places"- Touristen eine Attraktion darstellt. Allerdings nicht ganz - denn ein Chinese kauft den Ort auf. Haus für Haus. Doch am Wiederaufblühen von Bad Regina scheint er nicht interessiert zu sein:
Es lag ein Fluch über Bad Regina. Und dieser Fluch hieß Chen. Niemand von den Verbliebenen kannte ihn. Niemand wusste, was er vorhatte. Aber alle nahmen sein Angebot an. Irgendwann stand er bei jedem vor der Tür. Othmar hatte sich darauf vorbereitet. Hatte sich jeden Tag einen anderen Satz zurechtgelegt, mit dem er den Verkauf seiner Wohnung ablehnen würde. Aber Chen kam nicht. Leseprobe <7blockquote> Der Protagonist Othmar ist eine typische David-Schalko-Figur: Der Schriftsteller hat eine Vorliebe für vom Leben gezeichnete, verschrobene Charaktere. Als ehemaliger Betreiber eines erfolgreichen Partyclubs in Bad Regina lebt der nunmehr verlotterte Othmar mit seinem querschnittsgelähmten und geistig behinderten Ex-DJ zusammen und fühlt sich für dessen Ski-Unfall verantwortlich. Othmar liebt Selma, hat trotzdem keinen Plan von nichts und erlangt am Ende des Romans irgendwie doch einen kleinen Triumph, was er selbst jedoch gar nicht zu bemerken scheint: "Wenn man weiß, dass man nichts weiß, woher weiß man dann, dass man nichts weiß." David Schalko hat einen urkomischen, beeindruckend auf den Punkt gebrachten und filmisch erzähltem Roman geschrieben. Darin geht es um das Verschwinden von individueller und kollektiver Geschichte und Identität. Beides kommt aber nicht einfach von selbst abhanden, sondern ist das Resultat einer fatalen Nachlässigkeit, die alle Ortsansässigen von Bad Regina vorweisen. Deren Nicht-Wissen-Können oder -Wollen und die Unlust, Dinge zu hinterfragen, stellt eine verhängnisvolle Schlamperei dar, die allen Bewohnern von Bad Regina um die Ohren fliegt.
In Österreich ist alles vermodert. Selbst der Humor. Der ja keiner ist. Selbst der viel gerühmte Humor ist nichts als Verdunkelung. In Österreich will nichts ans Licht, weil sich der Österreicher nur im Dunkeln als Riese wähnen kann. Der Österreicher hat zu allem ein schlampiges Verhältnis. Leseprobe <7blockquote> Der alles aufkaufende Chinese prescht lediglich in diese Kerbe hinein und legt die Wunden des Ortes offen, zu denen auch die unter den Tisch gekehrte Nazi- Vergangenheit gehört. Der Plan, den Chinesen zu entführen, um seinen Machenschaften ein Ende zu setzen, führt die Dorfbewohner zurück in Othmars alten Partyclub, der sich im Inneren eines Bergs befindet. Doch das ist purer Aktionismus; eine bequeme Ausrede, sich nicht mit der eigenen Geschichte auseinandersetzen zu müssen. Die wird Bad Regina letztendlich wie eine Lawine überrollen und beim Leser für einen Überraschungsmoment sorgen.

Eine Geisterstadt im Herzen der Alpen, ein mysteriöser chinesischer Immobilientycoon, der alles aufkauft und verfallen lässt, und 46 Verbliebene, die beschließen, den Kampf aufzunehmen – mit »Bad Regina« ist David Schalko eine brillante literarische Allegorie auf einen sterbenden Kontinent gelungen. Verstörend, grotesk, morbide, komisch – und äußerst spannend.

David Schalko hat ein lesenswertes Buch zur passenden Situation geschrieben. Manchmal wirkt die Story komisch und eigenartig, manchmal gibt es neben allem Weltuntergang gibt es hier auch echte Lebensweisheiten zu lesen.

Literatur:

Bad ReginaBad Regina von David Schalko

Weblink:

"Bad Regina": David Schalkos bitterböser Roman - www.ndr.de

Dienstag, 23. Februar 2021

»Der Immoralist« von André Gide

Der Immoralist


Während Michel mit seiner engelsgleichen Frau Marceline in die Schweiz reist und dann quer durch Italien bis in die Wüste Algeriens, scheint er seinem Ziel immer näher zu kommen. Doch die Freiheit, anders zu sein, hat ihren Preis, wie André Gide, der Literaturnobelpreisträger von 1947, in diesem kühnen, provokanten Roman einer Befreiung vor Augen führt. Der Protagonist Michel lebt nach überstandener lebensbedrohlicher Krankheit rücksichtlos seine Freiheit aus und sorgt letztendlich dafür, dass seine engelsgleiche Frau Marceline an den Strapazen seines unruhigen Lebens zugrunde geht.

Michel selbst erzählt in wunderschönen Worten seinen ehemaligen Freunden seine Lebensgeschichte. Dadurch gelingt es Gide, das Ganze neutral darzustellen. Als Leser fühlt man sich trotzdem von seinem Bericht abgestoßen, da dieser stets mit Marcelines Tugendhaftigkeit kontrastiert wird.

Dieser Gegensatz ist sehr reizvoll. So erkennt Marceline auch, dass das Ehrlichste und Natürlichste nicht automatisch das Schlimmste im Menschen sein muss und entlarvt dadurch Michels Freiheit als einen Zwang, anders und unmoralisch zu handeln.

Dadurch zeigt Gide dem Leser, dass man sich mit seinem Streben nach unendlicher Freiheit schon wieder selbst einsperrt und dass Freiheit nur innerhalb von festgesetzten Grenzen Bestand haben kann. Der Roman stellt somit ein kühnes Gedankenexperiment dar, welches immer nur einmal gelingen kann - hier gelingt es. - Eine faszinierende Lektüre.

Literatur:

 Der Immoralist
Der Immoralist
von André Gide

Samstag, 20. Februar 2021

»Arkadien« von Emmanuelle Bayamack-Tam

Arkadien


Arkadien war schon immer der ferne romantische Sehnsuchtsort, der Literaten aller Epochen zu Oden und Romanwerken inspiriert hat. »Arkadien« ist der neue, am 11. August 2020 erschienene Roman von Emmanuelle Bayamack-Tam.

Die junge Farah, überzeugt, ein Mädchen zu sein, begreift eines Tages, dass ihr Körper nach und nach männlicher wird. Krankhafte Mutation oder sagenhafte Metamorphose? Ihre Eltern haben in einer libertär lebenden Kommune Zuflucht gefunden, deren Mitglieder in der modernen Welt nicht zurechtkommen.

Farah wächst in diesem von riesigen Wald- und Wiesenflächen umgebenen Paradies auf, wo sie mit anderen Kindern erlebt, wie die Erwachsenen mehr schlecht als recht ihre Ideale umsetzen: Absage an gesellschaftliche Normen, Freikörperkultur, freie Liebe und zwar für alle, auch für Alte und Kranke. Das Wunder der Liebe entdeckt Farah mit Arcady, dem spirituellen Oberhaupt dieser bunten Gemeinschaft.

Alles könnte so schön sein wäre nicht ein Migrant in ihr Paradies eingedrungen, der die Kommune in helle Aufregung versetzt. Das Prinzip der universalen Liebe entpuppt sich als Lippenbekenntnis, man will sich hier genauso abriegeln wie in der Außenwelt. Alle, bis auf Farah, die sich jeder Zuschreibung entzieht: Mit ihrer jugendlichen Kühnheit wird sie zum Prüfstein für die Gemeinschaft und entwirft eine Utopie, in der wirklich alle Menschen aufgehoben sind, ungeachtet ihrer nationalen, sozialen oder sexuellen Identität.

Emmanuelle Bayamack-Tam zeichnet mit ihrem preisgekrönten neuen Roman in aller grausam-komischen Schonungslosigkeit ein Porträt unserer Welt und lässt darin sanft das Bild der Unschuld aufleuchten.

Literatur:

ArkadienArkadien von Emmanuelle Bayamack-Tam

Freitag, 19. Februar 2021

André Gide 70. Todestag

André Gide

André Gide starb vor 70 Jahren am 19. Februar 1951 in Paris. André Gide war ein französischer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Er gilt als eine der zentralen Gestalten der Literatur des 20. Jahrhunderts.

Von seiner calvinistischen Erziehung wandte sich Gide bald ab und wurde ein "ästhetischer Immoralist". Schon früh hatte er Kontakte zur französischen Avantgarde und schloss Freundschaft mit Mallarmé, Claudel, Valéry und Oscar Wilde. Seine Bekanntschaft mit Valéry, Wilde und vor allem Mallarmé ist in einem regen Briefwechsel dokumentiert.

1909 begründete er als Herausgeber die "Nouvelle Revue Française" mit und war jahrzehntelang einer der wichtigsten Literaten seiner Zeit.

Von der katholischen Kirche wurden seine Werke 1952 postum auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt.
Sein Antinaturalismus erstrebte Kunstwerke, „die außerhalb der Zeit und aller »Kontingenzen« stünden“.

In der Dreyfus-Affäre jedoch, die Frankreichs Öffentlichkeit seit 1897/98 spaltete, positionierte er sich klar auf Seiten Emile Zolas und unterzeichnete im Januar 1898 die Petition der Intellektuellen zugunsten eines Revisionsverfahrens für Alfred Dreyfus.

Im selben Jahr publizierte er in der Zeitschrift »L’Ermitage« den Artikel A propos der »Déracinés«, in dem er sich anlässlich der Veröffentlichung des Romans Les Déracinés („Die Entwurzelten“) von Maurice Barrès, gegen dessen nationalistische Entwurzelungstheorie wandte.

Wieder ganz dem absoluten Kunstideal entsprach dann die 1899 veröffentlichte Erzählung »Le Prométhée mal enchaîné« (»Der schlechtgefesselte Prometheus«), die um das Motiv des acte gratuit kreist, einer völlig freien, willkürlichen Handlung.

1931 beteiligte sich Gide an der von Jean Cocteau ausgelösten Welle antikisierender Dramen mit dem Stück: »Œdipe« (»Ödipus«).

Im Juni 1936 reiste er auf Einladung des sowjetischen Schriftstellerverbandes mehrere Wochen durch die UdSSR. Ihn betreute der Vorsitzende der Auslandskommission des Verbandes, der Journalist Michail Kolzow. Am Tag nach der Ankunft Gides starb der Vorsitzende des Schriftstellerverbandes Maxim Gorki.
Gide hielt auf dem Lenin-Mausoleum, auf dem auch das Politbüro mit Stalin an der Spitze Aufstellung genommen hatte, eine der Trauerreden. Doch zu der von ihm erhofften Audienz bei Stalin im Kreml kam es nicht.

Sein Werk besteht überwiegend aus Romanen und Dramen, in denen es um das Freiheitsstreben seiner Protagonisten und um kompromisslose Selbstverwirklichung geht. André Gide war der Verfechter eines selbstbetimmten Lebens.

Zu seinen autobiographischen Schriften gehören u.a. "Tagebuch" (1889-1949) sowie "Stirb und werde" (1926). Seine bekanntesten erzählenden Werke sind »Der Immoralist« (1902), »Die Rückkehr des verlorenen Sohnes« (1907), »Die enge Pforte« (1909), »Die Pastoralsymphonie« (1919), »Die Falschmünzer« (1925) und »Die Schule der Frauen« (1929).

1947 erhielt der Schriftsteller den Nobelpreis für Literatur.

André Gide wurde am 22. November 1869 in Paris geboren.

Literatur:

 Der Immoralist
Der Immoralist
von André Gide

Montag, 15. Februar 2021

Gottfried Ephraim Lessing 240. Todestag


Gotthold Ephraim Lessing starb vor 240 Jahren am 15. Februar 1781 in Braunschweig.
Lessing gilt als einer der bedeutendsten deutschen Dichter und radikaler Vertreter der deutschen Aufklärung. Er war der wichtigste deutsche Dichter der Aufklärung. Der Dichter und Aufklärer zählt zu den wichtigsten Autoren seiner Generation.

Lessing war ein vielseitig interessierter Dichter, Denker und Kritiker. Als führender Vertreter der deutschen Aufklärung wurde er zum Vordenker für das neue Selbstbewusstsein des Bürgertums. Seine theoretischen und kritischen Schriften zeichneten sich durch einen oft witzig-ironischen Stil und treffsichere Polemik aus.

Mit seinen Dramen und seinen theoretischen Schriften, die vor allem dem Toleranzgedanken verpflichtet sind, hat dieser Aufklärer der weiteren Entwicklung des Theaters einen wesentlichen Weg gewiesen und die öffentliche Wirkung von Literatur nachhaltig beeinflusst.

Gotthold Ephraim Lessing war auch ein bedeutender Religionskritiker. Er steht für die Ausweitung der Religionsfreiheit über die Bestimmungen des Westfälischen Friedens hinaus.

Gotthold Ephraim Lessing gehört zu den Wegbereitern des deutschen Nationaltheaters als Ausdruck des neuen Selbstbewußtseins.
Für Johann Wolfgang von Goethe (1749 bis 1832) war er der höchste Verstand und für die Menschen im 19. Jahrhundert Deutschlands Stolz.
Mit seiner Begeisterung für das Theater trug Lessing wesentlich zur Entwicklung eines neuen bürgerlichen Theaters in Deutschland bei.

Er gilt als der Wegbereiter des deutschen bürgerlichen Lustspiels. Im Unterschied zu gröberen Gattungen bemüht sich das Lustspiel um verfeinerte Komik und um realistische Handlungen und Figuren. Die Rührung behält die Oberhand über die Komik.

William Shakespeare Sein Vorbild war der englische Dramatiker William Shakespeare. Lessing schrieb daran orientiert stilbildende Dramen wie das Lustspiel »Minna von Barnhelm« (1767) und das bürgerliche Trauerspiel »Miss Sara Sampson« (1755).

Lessing war es, der die Shakespeare-Rezeption in Deutschland überhaupt begründete.

Sein vielseitiges literarisches Werk umfasst Dramen, Lustspiele, Trauerspiele und Fabeln. Zu seinen bekanntesten Werken gehören das Schauspiel »Nathan der Weise« (1779), das Lustspiel »Minna von Barnhelm« (1767) und das Trauerspiel »Emilia Galotti« (1772).

Das Trauerspiel »Emilia Galotti« begann Lessing im Jahr 1757 und vollendete es 1772.

1779 schrieb er das Schauspiel »Nathan der Weise«, dessen Uraufführung 1783 in Berlin stattfand.

1780 veröffentlichte Lessing »Die Erziehung des Menschengeschlechts«.

Viele seiner Werke sind längst zu Bühnenklassikern geworden. Seine Fabeln sind immer noch beliebt und die Ideale des streitbaren Aufklärers ein stets aktuelles Thema.
Von seinen Werken liegen rund 1.000 Übersetzungen in 40 Sprachen vor.

Der Dichter und Dramatiker Gotthold Ephraim Lessing Gotthold Ephraim Lessing wurde am 22. Januar 1729 in Kamenz bei Dresden geboren.

Samstag, 13. Februar 2021

Thomas Bernhard - der Provokateur

Thomas Bernhard


Der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Autoren der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seine Bücher sind kontinuierlich auch in den großen Verlagshäusern in Amerika, in Frankreich, in Italien erschienen und wurden in alle Kultursprachen der Welt übersetzt. Seine Theaterstücke beeinflussen seit zwanzig Jahren in hohem Maße das Theater in Europa.

Sein Weltruhm ist heute unbestreitbar: Klassiker der Weltliteratur, weltberühmter Dramatiker, polarisierender Skandalautor - all diese Prädikate hat man dem 1989 verstorbenen österreichischen Schriftsteller Thomas Bernhard schon verliehen.

Doch ein Schriftsteller wollte er nicht sein, vielmehr "jemand, der schreibt". Zugleich begriff er sich als "Geschichtenzerstörer" und "Übertreibungskünstler", wurde von andern als "Misanthrop" oder "Alpen-Beckett" charakterisiert. Eines steht bei solch unterschiedlichen Ansichten fest: Bernhards Werke, die Prosa wie die Dramen, zählen unbestritten zur Weltliteratur und sind in annähernd 50 Sprachen auf dem Erdball übersetzt worden.

Thomas Bernhard ist einer der streitbarsten, umstrittensten und bedeutendsten Schriftsteller der jüngeren Vergangenheit. Das ungewünschte Kind, als Außenseiter geboren und vom Großvater zu Idealisierung der Einzelgängerrolle erzogen, durch die Krankheit um die Sängerlaufbahn gebracht und als Gerichtsreporter eines Salzburger Provinzblättchens zur Randerscheinung im Schreibgewerbe gestempelt, schwang sich zum bestgehaßten und berühmtesten Schriftsteller und Dramatiker seines Landes auf. Seine Stellung im österreichischen Kulturbetrieb lässt sich folgend charakterisieren: Er wurde der negative Staatsdichter Österreichs.

Thomas Bernhard war der Geist, der stets verneint und seine Stücke waren und sind der Ausdruck seiner berühmten Misanthropie und des Bernhardschen Markenartikels "Menschenhass". Seine Werke sind aus dem Gefühl aus erfahrenem Unrecht und tiefer Verletzung in dunkler Zeit entstanden. Thomas Bernhard, der große Verneiner, wurde zu eine unbequemem Störenfried im eher beschaulichen Literaturbetrieb seines Heimatlandes Österreich, welches ihn mit einer innigen Hassliebe verbinden sollte.

Es ist das jugendliche Schicksal, welches ihn als Persönlichkeit geprägt hat und zum Literaten werden ließ. Der lebensgeschichtliche Hintergrund seiner Romane und Dramen ist ein nicht gewöhnliches Unglück: Jugend in Krieg und Nachkriegszeit, frühe Verlassenheit, erniedrigende Armut, lebensbedrohende Krankheit und in dieser Misere zugleich ein vom Großvater am Enkel durchexerziertes künstlerisches Erziehungsprogramm, das sind Elemente und der Stoff der Biographie eines Autors, der die Literatur souverän zum Mittel seiner Selbstbehauptung machen konnte.

Das Feuilleton wurde nicht müde im Erfinden immer neuer Begriffe, um Thomas Bernhard zu beschreiben. Als "Alpen-Beckett" wurde er bezeichnet und einen "Meister der Suada" sah man in ihm. Nur wenige haben so grandiose Hasstiraden auf Österreich verfasst wie Bernhard und keiner provozierte bei Preisverleihungen die Laudatoren wie er. Gerecht wurden die Feuilletonisten trotz wohlklingender Beschreibungen dem Autor allerdings nicht, denn der Egozentriker Bernhard war stets nur der Mittelpunkt seines eigenen Zentralkosmos!

»Meine Triebfeder ist, das zu schreiben, von dem niemand spricht.«

In all seinen Werken spiegeln sich sowohl gesellschaftliche Zustände als auch persönliche Erlebnisse.
Thomas Bernhard war ein Schriftsteller, der sein eigenes Leben zur Dichtung gemacht hat und seine Erfahrung zum Mittelpunkt seiner Stücke erhoben. Daraus entstanden ist eine Dichtung mit Hang zur Erregung. Aus seinen Werken strömte stets die Erregung über die Zustände in seinem Heimatland. Und von der Erregung zum Skandal ist es nicht weit.

Der Autor war immer für einen gut kalkulierten Skandal gut, denn er war auch ein geschickter Meister der Kunst der Erregung öffentlichen Ärgernisses. Der Skandal war Teil seiner Inszenierung, selten jedoch Inhalt seiner Werke. Skandale haben das Werk und das öffentliche Auftreten Bernhards durch Jahrzehnte begleitet. Die Veröffentlichung seines Romans »Holzfällen« hatte bereits für einen Eklat gesorgt und die Inszenierung seines Stückes »Heldenplatz« war begleitet von heftigen öffentlichen Protesten.

Bis heute wird Thomas Bernhard mit dem Attribut "Skandalautor" bedacht, doch wird man Bernhard mit diesem Attribut nicht gerecht, denn er war eher ein ironischer und zuweilen auch sarkastischer Übertreibungskünstler. Bernhards Werke waren ein Spiegel der Gesellschaft, welcher der Gesellschaft den Spiegel vorgehalten hat. Nur allzu oft assoziiert man mit dem Namen weniger seine Werke als die damit begleitenden Skandale. Diese sollten schließlich in den Vorgängen rund um die Uraufführung des Stückes »Heldenplatz« im Jahr 1988, wenige Wochen vor dem Tod des Autors, gipfeln.

Thomas Bernhard war ein Provokateur, der mit spitzer Feder und mit Verve gegen die Verhältnisse in seinem Heimatland angeschrieben hat. Mit der Gesellschaft sich steigernd stets kollidierend, brachte er es bis zum Staatsverächter. Der Staatsverächter Thomas Bernhard nahm in Österreich die Auseinandersetzung mit seinem Herkunftsland in der Tradition der Kritik von Karl Kraus auf. Beide haben Staatsverachtung recht kunstvoll als literarisches Programm praktiziert.

Bernhard ist ein virtuoser Beschimpfungskünstler, welcher die Beschimpfung zur Kunstform erhoben hat. Mit schöner Regelmäßigkeit vermochte er die Gesellschaft vor den Kopf zu stoßen, er brachte die Verhältnisse zum Tanzen. Die Premieren seiner berühmten Theaterstücke bis hin zu seinem letzten Erfolg »Heldenplatz« lösten verlässlich frenetischen Beifall und wüste Beschimpfungen aus. „Mit der Kälte nimmt die Klarheit zu“, hatte er einmal gesagt, aber dieser Kälte wollte sich nicht jeder aussetzen.


Biografien:

Zu Thomas Bernhard - Thomas Bernhard-Portal www.thomasbernhard.at

Thomas Bernhard-Biografie - www.dieterwunderlich.de

Thomas Bernhard-Biografie - www.die-biografien.de



Weblinks:

Thomas Bernhard-Zitate - www.die-zitate.de


Über Thomas Bernhard schimpft man nicht mehr - www.nzz.ch


Blog-Artikel:

Thomas Bernhard 80. Geburtstag

Thomas Bernhard der große Verneiner

Thomas Bernhard - Suche

Donnerstag, 11. Februar 2021

Karoline von Günderode 240. Geburtstag

Karoline von Günderode

Karoline von Günderode wurde vor 240 Jahren am 11. Februar 1780 in Karlsruhe geboren. Karoline von Günderode war eine deutsche Schriftstellerin der Romantik.

Als Sujet wählte Günderode meist Motive aus den Mythologien irischer, germanischer und orientalischer Herkunft. Unter dem Pseudonym Tian veröffentlichte sie 1804 ihre Sammlung "Gedichte und Phantasien", ein Jahr später die "Poetischen Fragmente".

In Frankfurt besucht sie das Adelige Damenstift. 1799 befreundete sie sich mit Carl von Savigny, der sie in den Kreis der Romantiker einführt. Durch Clemens Brentano kam das evangelische Stiftsfräulein in intensiven Kontakt zu einem von der Frühromantik geprägten Freundeskreis. Die Dichterin verfasste nach dem Vorbild von Brentano und Novalis schwermütige, melancholische Lyrik.
Sie lernt Bettina und Gunda Brentano kennen, die spätere Frau von Savigny, und steht in Briefwechsel mit Clemens Brentano. In diesem Kreis trifft sie 1804 in Heidelberg den Altphilologen Friedrich Creuzer. Wegen Karoline will dieser sich von seiner Frau scheiden lassen, kann sich aber dann doch nicht dazu entschließen. Im Juni 1806 kommt es zum Bruch der Freundschaft mit Bettina Brentano, im Juli trennt sich Creuzer von ihr.
Aus unglücklicher Liebe zu dem Philologen und Mythenforscher Friedrich Creuzer nahm Karoline von Günderode sich im Alter von 26 Jahren das Leben. Ihre Freundin Bettina von Arnim gab 1840 die Briefdichtung "Die Günderode" heraus.
Am 26. Juli 1806 begeht sie in Winkel im Rheingau Selbstmord.