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Samstag, 17. September 2022

Wilhelm Meisters Lehrjahre


Er ist einer der großen Bildungromane der Literaturgeschichte: Goethes Kunsstroman »Wilhelm Meisters Lehrjahre«. 1795/96 erschien die Erstausgabe von Goethes Roman »Wilhelm Meisters Lehrjahre« in vier Bänden, die 1821 durch die Weiterführung »Wilhelm Meisters Wanderjahre« oder »Die Entsagenden« von Goethe, vielleicht auch als Antwort auf die Kritiken aus den Reihen der Romantiker, ergänzt wurde. (So erklärt Goethe im Briefwechsel mit Schiller (8. Und 12. Juli 1796) die Fortsetzung seiner Lehrjahre als „Correlatum“, das die „Meisterschaft“ zum Ziel haben müsse.) »Wilhelm Meisters Lehrjahre« gilt als klassischer Bildungsroman. Ziel dieses ersten Bildungsromans der Literaturgeschichte ist jedoch kein realistische, sondern gleichnishafte Lebensbetrachtung, deren Leser sich darin idealerweise spiegelt, gemeinsam mit dem Romanhelden in seiner Welt- und Selbstkenntnis voranschreitet und in der Rückschau zumindest ahnt, dass alles in einem sinnvollen und geradezu notwendigen Zusammenhang geschah.

Goethe

Die Herkunft aus gutem Haus, der Drang zur Selbstverwirklichung, der verschlungene Lebensweg: Wilhelm Meister hat einiges mit seinem Erfinder Johann Wolfgang von Goethe gemeinsam. In die Form eines Romans gepresst, weicht Goethes Lebensschilderung doch stark von dem handlungsgetragenen Schema ab, das man mit dieser literarischen Gattung üblicherweise verbindet. Orte und Zeit der Handlung werden nie genannt. Immerhin sind sie konkret genug, um in mancher Hinsicht ein Spiegelbild Deutschlands zur Goethe-Zeit zu erkennen.

Die meisten Personennamen wie Mignon, Philine, Serlo, Melina, Jarno oder Aurelie erscheinen so fiktiv, dass man von einer realistischen Erzählung kaum sprechen kann. Das Buch ist eher ein Ideenroman, ein gewaltiges Essay zu den sich überlappenden Themen Theater und Persönlichkeitsentwicklung. Wie „meistert“ man das Leben am besten? Die Antwort auf diese Frage findet Goethes »Wilhelm Meister« vor allem im Erziehungsideal der aufklärerisch gesinnten Freimaurer. Fazit: Nicht in der (Schauspiel-)Kunst verwirklicht sich das Leben, sondern das Leben selbst ist die Kunst.

Du kannst dich also nach Belieben in der Welt umsehen, denn die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen. * * * * Ich hatte niemals einen Menschen ohne Schwäche gesehen; nur ist sie auffallender bei vorzüglichen Menschen. * * * * Das ganze Weltwesen liegt vor uns, wie ein großer Steinbruch vor dem Baumeister, der nur dann den Namen verdient, wenn er aus diesen zufälligen Naturmassen ein in seinem Geiste entsprungenes Urbild mit der größten Ökonomie, Zweckmäßigkeit und Festigkeit zusammenstellt. * * * * Wenn wir die Menschen nur nehmen, wie sie sind, so machen wir sie schlechter; wenn wir sie behandeln, als wären sie, was sie sein sollten, so bringen wir sie dahin, wohin sie zu bringen sind. * * * * Wir erleben abermals hier so einen schönen Fall, dass uneigennütziges Wohltun die höchsten und schönsten Zinsen bringt.

Johann W. Goethe


Die Handlung begleitet den jungen Wilhelm von seinem Aufbruch aus bürgerlichem Hause durch vielfältige Irrungen und Wirrungen bis zum glücklichen Ende mit Sohn und Braut. Dabei begegnet er Schauspielern und Adligen, erprobt sich selbst auf der Bühne und im Geschäftsleben, erlebt (Selbst-)Täuschung, Enttäuschung und Schicksalsschläge, wird durch Vorbilder, Gespräche und Geschichten belehrt, verzweifelt am Leben, den Menschen und sich selbst auf fortwährender Suche nach dem Guten, Wahren und Schönen und erlangt schließlich doch unerwarteten Lohn für seine Mühen.

Vor allem aus den eigenen Reihen der Weimarer Klassik erntete Goethe Kritik zu diesem Werk. Nicht nur sein Freund Schiller, der seine Kritik bezüglich der Freizügigkeit des Helden sehr zart anbrachte („... mir deucht, daß Sie hier die freie Grazie der Bewegung etwas weiter getrieben haben, als sich mit dem poetischen Ernst verträgt...“ im Briefwechsel mit Schiller (8. Juli 1796)). Friedrich Heinrich Jacobi ging sogar soweit, dem Werk zu unterstellen es herrsche „ein gewisser unsauberer Geist darin“ und auch Johann Gottfried Herder wirft Goethe vor, er ließe seinen Protagonisten sich über „zarte moralische Begriffe“ hinwegsetzen (Herders Brief an die Gräfin Caroline Baudissin (1796)).

Christian Gottfried Körner und Wilhelm von Humboldt stritten sich indessen über die Frage, ob die Lehrjahre nun die vollendete Bildung Wilhelms aussprächen oder nur dessen vergebliches Streben danach. Körner, der mit seinem Horen-Brief 1796 das wohl folgenreichste Dokument in der Rezeptionsgeschichte der Lehrjahre schuf, stand dabei auf dem Standpunkt, dass der Held der Lehrjahre, Wilhelm Meister, „seine schöne menschliche Natur“ zu einem „vollendeten Gleichgewicht - Harmonie mit Freyheit“ brächte (»Die Horen 8« (1796). Körner prägte auch den Begriff des Bildungsromans, dessen Definition in den Folgejahren immer stärkere Bedeutung gewann und für die Romantiker eine entscheidende Rolle als Kunstform spielte.

Die jungen Romantiker bewunderten das Werk, was sich am prägnantesten in Friedrich Schlegels Fragment über die drei großen Tendenzen des Zeitalters zeigt, erschienen 1798 im „Athenäum“, der Programmzeitschrift der Jenaer Romantiker, in dem er schreibt: „Die französische Revolution, Fichtes „Wissenschaftslehre“ und Goethes „Meister“ sind die größten Tendenzen des Zeitalters.“.

Literatur:

Wilhelm Meisters Lehrjahre
Wilhelm Meisters Lehrjahre

Weblinks:

Johann W.Goethe Biografie - www.die-biografien.de

Johann W. Goethe Wilhelm Meister-Zitate - www.die-zitate.de

Methoden der Schriftsteller


Im Laufe der Literaturgeschichte hat jeder Schriftsteller so seine eigene Methode entwickelt, um seine Gedanken nachdrücklich zu Papier zu bringen.

Schiller und Dostojewski haben wie in fieberhaftem Wahn nächtelang die Idee im Kopf tragend durchgeschrieben, um ihre Dramen oder Romane abzufassen.

Balzac hat ebenfalls nur nachts geschrieben und sich dabei durch übermäßigen Kaffegenuß wachgehalten,
weil er tagsüber den Kinderlärm im Innenhof des Wohnhauses nicht ausgehalten hat und wegen des Lärms nicht schreiben konnte.

Bei manchen Schriftsteller war das Schreiben mit der Anzahl der verfasster Wörter verbunden. Der Abenteuerschriftsteller Jack London hat täglich 1.000 Worte verfasst.

Thomas Mann hat bei einem Romanwerk am Tag immer nur eine Seite geschrieben, weil er - typisch Preuße - einen streng geregelten Tagesablauf hatte, seinen repräsentativen Verpflichtungen als Repräsentant der deutschen Kultur nachging und sich am Abend viel Zeit für seine Tagebucheinträge nahm. Dort dürften es ein paar mehr gewesen sein.

Samstag, 10. September 2022

»Der Name der Rose« von Umberto Eco



Der Name der Rose
Der Name der Rose


"Ich wollte einen Mönch vergiften", hat Umberto Eco später halb scherzhaft über seine Motivation gemeint und das sei der Ausgangspunkt für dieses Werk gewesen. Nun er hat mehrere Mönche vergiftet und eine interessante Kriminalhandlung als Hintergrund geschaffen.

Der Roman »Der Name der Rose« des Philosophen und Schriftstellers ist eine Mischung aus historischem Klosterkrimi und philsosophischem Essay, das historisch-präzise das späte Mittelalter mit seinen politischen und religiösen Auseinandersetzungen widerspiegelt. Das Werk ist der Ausdruck seines Mittelalter-Bildes. Umberto Ecos Roman wurde 1980 schnell zu einem Welterfolg und verkaufte sich millionenfach.

Das Kloster ist düsterer Ort, den der englische Franziskanermönch William von Baskerville und sein junger Adlatus Adson von Melk an einem trüben Novembermorgen anno Domini 1327 betreten. In der abgelegenen Benediktinerabtei im verschneiten norditalienischen Apenien geschehen merkwürdige Morde. Das klösterliche Leben ist in unordnung geraten.

Eigentlich soll William von Baskerville in dem Kloster an einem gelehrter Disput über die Armut Christi teilnehmen. Doch weil William von Baskerville als früherer Inquisitor für seinen Schafrfsinn berühmt ist, bittet ihn der Abt des Klosters, die Morde zu untersuchen. Der Abt des Klosters bittet den für seinen Scharfsinn bekannten William (der früher einmal Inquisitor gewesen war, aber dieses Amt nie dergelegt hatte), einen mysteriösen Todesfall aufzuklären, der sich unlängst im Kloster ereignete.

Während William von Baskervilles Arbeit an diesem Fall werden innerhalb weniger Tage vier weitere Mönche ermordet. Vor William und dem jungen Novizen Adson tut sich eine merkwürdige Welt aus Fanatismus, Gelehrsamkeit, Wollust und Angst auf.

In der labyrintischen Bibliothek des Klosters ruht das gesamte Wissen der damaligen zeit - auch verbotene Schriften, wie ein verloren geglaubtes Exemplar von Aristoteles "Buch der Poetik". Das geheimnisvolle Buch wird von dem greisen und blinden Mönch Jorge von Burgos verwahrt, der das Buch für Teufelewerk hält, denn es handelt vom Lachen. "Lachen tötet die Furcht, und ohne Furcht kann es keinen Glauben geben", sagt Jorge.

Am Ende verbrennt mit dem geheim gehaltenen zweiten Buch der Poetik des Aristoteles, das von der Komödie handelt, die ganze Abtei mitsamt ihrer kostbaren Bibliothek.

Am Anfang stand die Idee und aus seiner Idee „einen Mönch umzubringen" ist ein Roman geworden. Eco hat nicht einen Mönch vergiftet, sondern einen großartigen Roman geschrieben.

Umberto Eco wollte 1980 mit »Der Name der Rose« den idealen postmodernen Roman schreiben und verknüpfte hierzu mittelalterliche Mystik mit moderner Philosophie, Alltagsleben in einem Kloster mit säkularisiertem Denken. Zentrales Motiv des Buchs ist das Labyrinth. Nicht nur die Bibliothek im Roman, sondern auch das Buch selbst ist ein konstantes Verzweigen und Überkreuzen, Zurückkommen und Verirren. Wie eine kleine Wikipedia ist »Der Name der Rose« mit zahllosen Anspielungen und Wissensfetzen aus allen Epochen gespickt, die Protagonisten und LeserInnen auf falsche Fährten führen können.

Vielleicht die grösste Leistung des Buchs ist jedoch, dass die Labyrinth-Metapher noch weiter gezogen wird: Die Bibliothek und die darin stehenden Bücher repräsentieren schlussendlich die Welt – das ultimative, unlösbare Labyrinth. Wo Wissen im Mittelalter in Klöstern verschlossen war, ist es heute für (fast) alle überall und jederzeit zugänglich, aber die Welt in all ihren Facetten bleibt ein Rätsel, von dem immer nur Bruchteile verstanden werden können.

Literatur:

Der Name der Rose
Der Name der Rose
von Umberto Eco


Der Name der Rose
Der Name der Rose
von Umberto Eco


Rezension:

Der Name der Rose Rezesnion
Der Name der Rose Rezension
von Joachim Weiser

»Der Nachsommer« deutschsprachiger Bildungsroman

Der Nachsommer


Der Nachsommer

»Der Nachsommer« mit dem Untertitel »Eine Erzählung (1857)« ist ein Roman in drei Bänden von Adalbert Stifter. Das Werk gehört zu den großen Bildungsromanen des 19. Jahrhunderts. Beschrieben wird ein idealisierter, vom Leben abgeschirmter, teilweise synthetischer Weg eines jungen Menschen in das Erwachsenwerden. »Der Nachsommer« ist der letzte große deutschsprachige Bildungsroman in der Nachfolge von Goethes »Wilhelm Meisters Lehrjahre« (1795 / 96). Darin entfaltet Adalbert Stifter sein Konzept einer planvollen Erziehung und umfassenden Bildung, dessen Ziel die harmonische Entwicklung des Menschen ist. Die Erzählung ist ein Werk mit einem nie wieder erreichten Höchststand deutscher Sprachkultur.

Dieser Roman kommt ganz ohne Handlung aus, ohne alles aus, was man eine „Geschichte” nennen könnte. allein die Rundgänge beim ersten Besuch des Ich-Erzählers, auf denen der Hausbesitzer seinem Gast die verschiedenen Kunstsammlungen, den weitläufigen Garten und den Betrieb zur Restauration alter Möbel und Kunstwerke zeigt, nehmen nicht weniger als 110 Seiten ein. Die Handlungsarmut des Buches, seine ausschweifenden Beschreibungen haben von Anfang an spöttische Kritik hervorgerufen. Ebenso häufig aber wurde der »Nachsommer« von seinen Lesern - insbesondere von den Schriftstellern unter ihnen - als einer der schönsten Romane deutscher Sprache gewürdigt.



»Der Nachsommer« wurde gerade von Schriftstellern bewundert und geliebt. Die Bewunderer Stifters unter den Lesern, die selbst schreiben, sind und waren zahlreich. Schließlich geht es hier um die Sprache als seine Weise der Vergegenwärtigung der Welt.

Friedrich Nietzsche, dessen eigener im Vergleich zu Stifters Stil so unterschiedliche, der für mich doch zum Schönsten gehört, was in deutscher Sprache je erreicht wurde, hat dieses Buch geliebt wie kein anderes.

"Ein Klassiker ist ein Buch, das jeder lobt und niemand liest.", sagte Mark Twain einmal.
Dieses Buch ist ein Klassiker und verdient es, nicht nur gelobt, sondern auch gelesen zu werden.
In der Tat macht es der Autor dem Leser nicht leicht, in erster Linie deswegen, weil man zur Lektüre braucht, was vielen in der heutigen Zeit abgeht, Zeit und Muße. Wie jedes große Kunstwerk erschließt sich das Buch nicht sofort und nicht beim flüchtigen Lesen.

Literatur:

Der Nachsommer


Der Nachsommer von Adalbert Stifter - Gebundene Ausgabe - 1. Januar 2007

»Des Knaben Wunderhorn« von Clemens Brentano

Des Knaben Wunderhorn


Des Knaben Wunderhorn


»Des Knaben Wunderhorn« von Clemens Brentano ist eine von Clemens Brentano und Ludwig Achim von Arnim Volksliedersammlung« in drei Bänden. Brentano war ein begeisterter Liedersammler, welchen die Lieder des Volkstones besonders interessierten. Er veröffentlichte zusammen mit Ludwig Achim von Arnim die Volksliedersammlung« »Des Knaben Wunderhorn, eine Liedersammlung in drei Bänden.

Auf der Rheinreise der Freunde Achim von Arnim und Clemens Brentano im Juli 1802 entstanden die ersten Ansätze zu der bedeutendsten Liedersammlung der deutschen Romantik, die von 1805 bis 1808 in mehreren Bänden erstmals erschien. Die Ausgabe erregte sofort große Aufmerksamkeit. Vor allem Arnim hatte die Absicht, die zerrissene Nation mit Hilfe des Volksliedes zu einen. Darunter verstand er im weitesten Sinn eine Schöpfung des ganzen Volkes, die unberührt von der historischen Entwicklung geradezu ewigen Bestand hat.

Aufgenommen wurden deutsche Gedichte, anonyme und namentlich bekannte, die in der Bevölkerung verbreitet waren, die gesungen und gesprochen wurden. Bis heute sind viele der Lieder aus dem Wunderhorn geläufig, so ›Bettelmanns Hochzeit‹, ›Guten Abend, gute Nacht‹, ›Da oben auf dem Berge‹, ›Bald gras' ich am Necker‹, ›Die Gedanken sind frei‹ und viele andere der mehr als 700 Texte umfassenden Sammlung.

Der vorliegende Band bietet den vollständigen Text der Erstausgabe, unter behutsamer Modernisierung der historischen Orthographie. Der Anhang enthält u.a. ein ausführliches Nachwort des Herausgebers Heinz Rölleke, des besten Kenners dieser Sammlung, zu Entstehung, Quellen und überlieferung, zur Art der Bearbeitung der ›Volksdichtung‹ durch Arnim und Brentano sowie zur Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte dieser umfassenden Gedichtsammlung.


Literatur:

Des Knaben Wunderhorn
Des Knaben Wunderhorn
von Clemens Brentano

Clemens Brentano 1778-1842: Poesie / Liebe / Glaube
Clemens Brentano 1778-1842: Poesie / Liebe / Glaube
von Günter Scholz

»Der abenteuerliche Simplicissimus« von Jacob Grimmelshausen


»Der abenteuerliche Simplicissimus« von Jacob Grimmelshausen ist das bedeutendste Werk der deutschen Literatur des 17. Jahrhunderts.
Der bedeutendste barocke Schelmenroman in deutscher Sprache erschien 1668 und gilt als ebenbürtiger Bruder von Cervantes' »Don Quijote«.
»Es hat mir so wollen behagen, mit Lachen die Wahrheit zu sagen«, schrieb der Dichter zu seinem berühmten Werk, das er als humorvolle autobiographische Ich-Erzählung seines Helden präsentiert. Kein anderes Werk des Barock hat dieses Zeitalter zwischen derber Sinnenfreude und vom Kriege gezeichneter Jenseitssehnsucht so plastisch einzufangen vermocht und in unsere Zeit vermittelt.

Der 1668 erschienene »Simplicissimus« ist eine Darstellung der Zeit des Dreißigjährigen Krieges und eine anschauliche Schilderung des Alltags im währen dieser Zeit aus der Sicht eines Zeitzeugen.Grimmelshausen hat mit dem Volk gelebt. Er hat fünfzehn Jahre im Krieg verbracht, wurde als Knabe von Soldaten verschleppt, war Trossknecht, Musketier, Schreiber, später Verwalter, Gastwirt und Schultheiß. Er weiß, wovon er spricht.

Vor dem Hintergrund des Dreißigjährigen Krieges entwickelt sich die abenteuerliche Lebensgeschichte eines nur scheinbar einfältigen Knaben aus dem Spessart in bunten Episoden: Bei einem Eremiten, als Hausnarr des Stadtkommandanten von Hanau und als Knecht eines Dragoners wächst der Junge heran, stellt sich in den Dienst kaiserlicher Truppen und besteht als »Jäger von Soest« vielfältige Abenteuer. Sein Weg führt ihn nach Paris und Wien und zurück in den Schwarzwald, wo er sich als Bauer niederläßt. Von dort bricht er nach Moskau auf und landet schließlich nach einem Schiffbruch auf einer paradiesischen Insel im Indischen Ozean, wo die Lebensbeschreibung in einer beschaulichen Robinsonade ausklingt.


Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (1622 - 1676), Regimentsschreiber in der kaiserlich Habsburger Armee, veröffentlichte im Jahre 1669 einen Roman, der den 30jährigen Krieg (1618 - 1648) aus erster Hand schilderte: "Der abenteuerliche Simplicissimus". Viele Landstriche in Deutschland fanden die Chronisten erst um 1700 wieder leidlich bevölkert.

Wie aber dokumentierte der Zeitzeuge Gimmelshausen die wütenden Schlachtengemetzel und die furchtbaren Leiden der Bevölkerung? Verlieh er seiner tiefen Betroffenheit Ausdruck oder schockierte er mit schonungslosem Realismus? Tobte er mit zornigem Ingrimm oder zählte er die Opfer mit sachlicher Nüchternheit? Das Titelbild des historischen Hörspiels, ein rechter Wolpertinger aus Satyr und Chimäre (künstlerisch authentisch, da dem Frontispiz des Erstdrucks entlehnt), liefert einen ersten Eindruck von der Intention des Autors. Ein Mischwesen aus Spott und Abenteuer wollte er schaffen, nichts weniger als - Satire.

Das Personal der Geschichte verkörpert seine Ideen. Närrische Gesellen wie der verdrehte "Jupiter" oder das "Kalb von Hanau" halten ihren Zeitgenossen den Spiegel vor. Und hohe Militärs machen sich entweder zum Affen oder sie wählen den Ausstieg aus der Gesellschaft.

Durchaus moderne Verhaltensweisen, so oder so. Grimmelshausens Werk bleibt zeitlos aktuell: Hohe Offiziere verkünden den "einzig wahren" Glauben und versuchen ihn dadurch zu beleben, indem sie ihre Soldaten in den Tod hetzen. Bankiers und Kriegsgewinnler betrügen ihre Klienten für ein bisschen Rendite. Die einzig Weisen sind und bleiben: die Narren. Der Autor verfasste demnach einen Schelmenroman, keinen Kriegsbericht.

Seine Biografie steht in krassem Gegensatz zu den Lebensläufen der zeitgenössischen Gelehrtendichter, und obgleich sein »Simplicissimus« sofort ein großer Erfolg wurde, blieb er stets ein Außenseiter im Literaturbetrieb seiner Zeit. Sein Roman strotzt nicht nur von Alltagsdetails und verschiedenen Spezialkenntnissen, etwa wie man im Würfelspiel betrügt oder die braven Bauern mit medizinischen Tinkturen übers Ohr haut, sondern er zeugt auch von einer unheimlichen Belesenheit.

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Dies ist ein Schelmenroman, ein Entwicklungsroman, eine soziale Satire, und ein Kompendium verschiedenster Erzählweisen. Grimmelshausen mischt fröhlich Lebenserzählung und Traktat, collagiert Gedichte und Briefe, Reportage und Phantastik. Mangel an Anschaulichkeit kann man ihm nicht vorwerfen.Kühn werden theologische, philosophische, politische, naturkundliche, astrologische Wissensdiskurse seiner Zeit in den Fluss der Lebenserzählung des »Simplicissimus« integriert.

Literatur:

Der abenteuerliche Simplicissimus
Der abenteuerliche Simplicissimus
von Jacob Grimmelshausen

Donnerstag, 1. September 2022

»Ulysses« vor 100 Jahren erschienen

Ulysses


Ulysses von James Joyce

Die zensierte Fassung der ersten vollständigen Ausgabe des Experimentalromans »Ulysses« von James Joyce erschien vor 100 Jahren am 1. September 1922 in Paris. Die staatliche Korrektur am Inhalt wurde mit angeblichen Obszönitäten und Blasphemien im Hauptwerk des irischen Schriftstellers gerechtfertigt.

Der Roman ist als moderne Anlehnung zu Homers »Odysseus« angelegt. Er verfolgt parallel die Ereignisse im Leben der Protagonisten Leopold Bloom und Stephen Dedalus am 16. Juni 1904. Als innovativ gelten vor allem Joyces stilistische Vielfalt sowie die facettenreiche Darstellung der Figuren. Mit Hilfe seiner variantenreichen Sprache stellte er den Fluss von Eindrücken, Halbgedanken, Assoziationen und plötzlichen Impulsen des menschlichen Bewusstseins dar.

Der experimentelle Roman »Ulysses« gilt als der bedeutendste Roman des irischen Schriftstellers James Joyce und als richtungsweisend für den modernen Roman. Der Roman »Ulysses« spielt in Dublin und beschreibt die Ereignisse eines einzigen Tages, des 16. Juni 1904.

Joyce beschreibt im »Ulysses« in 18 Episoden einen Tag – den 16. Juni 1904 – im Leben des Leopold Bloom, seines Zeichens Anzeigenakquisiteur bei einer Dubliner Tageszeitung. In Anlehnung an Homers Irrfahrten des Odysseus lässt er den Leser an den modernen (Irr-) Gängen seines Protagonisten durch Dublin teilhaben.

Joyce schildert dabei nicht nur die äußeren Geschehnisse eines Tages, sondern auch die Gedanken seiner Protagonisten mit allen ihren Assoziationen, Erinnerungsfetzen und Vorstellungen. Die Sprache wird dabei ungeordnet und bruchstückhaft verwendet, „wie es der Person gerade durch den Kopf geht“. Dieses Stilelement, der so genannte „stream of consciousness“ (Bewusstseinsstrom) wird hier zum ersten Mal zentrales Gestaltungselement eines literarischen Werkes.

Wer Joyce sagt, muss auch »Ulysses« sagen. Erratisch steht dieses zwischen 1918 und 1920 zunächst auf Betreiben von T. S. Eliot in der Zeitschrift "The Little Review" veröffentlichte Sprachkunstwerk seither auf einem Denkmal.


James Joyce war ein moderner Spracherneuerer. Sein imposantes Werk »Ulysses« - radikal-expertimentelle Prosa auf 1.000 Seiten - ist ein Sprachkunstwerk. Gerade damit hat er stark auf die Entwicklung des modernen Romans eingewirkt und gilt als Bahnbrecher größten Formats.

Radikal in der Beschränkung der erzählten Zeit auf einen einzigen Tag, den 16. Juni, im Leben des Dubliner Bohémiens Leopold Bloom und seiner Frau Molly im Jahr 1904. Nicht weniger radikal in der virtuosen Mischung von Stimmen, die ineinander greifen, von literarischen Adaptionen von Fantasien, von Unbewusstem und Bewusstem als Bewusstseinsstrom und als innerer Monolog.


Obszön sei das Buch, heißt es zur Zeit seiner Veröffentlichung, weshalb es anfangs schwer ist, für den Roman einen Verleger zu finden. In der Hogwarth Press, die von Virginia und Leonard Wolff geleitet wird, muss man davon Abstand nehmen, weil die Drucker die Arbeit verweigern.

Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges zog er mit seiner Familie nach Zürich, wo sein bekanntestes Werk »Ulysses« entstand. Der Roman in Form einer Tagesbeschreibung wurde in den Jahren 1918 bis 1920 in Auszügen in der amerikanischen Zeitschrift »The Little Review« abgedruckt. 1921 wurde er wegen obszöner Inhalte verboten. 1922 erschien »Ulysses« schließlich in zensierter Buchform in der Pariser Buchhandlung »Shakespeare and Company«.

Literatur:

Ulysses
Ulysses
von James Joyce