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Samstag, 27. November 2021

»Die Dämonen« von Fjodor Dostojewski

Die Dämonen



Fjodor Dostojewski greift, wie so oft, in seinem Roman »Dämonen« auf einen realen Fall zurück. In den »Dämonen« verarbeitete er die sogenannte "Netschajew-Affäre". Netschajew war damals in aller Munde. Ein gebildeter Provinzler, der sich aber in der "verwestlichten" Hauptstadt an den Rand gedrängt fühlt und Bekanntschaft mit dem Gottvater des Anarchismus, Bakunin, schloss. Netschajew begann eine revolutionäre Zelle aufzubauen und entwickelte einen Hang zur Gewalt. Nach einigen Auslandsaufenthalten kehrte jener Netschajew dann nach Russland zurück, wo er einen "Genossen" ermordete, der andere Ansichten vertrat und angeblich als Spitzel agierte.

Dieser Fall von Willkür gepaart mit anarchistisch-bakunistischem Denken, diente Dostojewski als Hintergrund seiner Untersuchung des sich ausbreitenden Nihilismus. Gleichzeitig verhehlt er nicht seine Sympathie und zeigt, wie sogar die unschuldigsten Menschen mit den besten aller Vorsätze sich binnen kürzester Zeit in Terroristen oder Gewaltverbrecher verwandeln können.

Die Geschichte der »Dämonen« - manchmal auch »Die Bessesenen« oder »Die Teufel« genannt - basiert im Wesentlichen auf dem Mord an Ivan Ivanov durch "Volksvenge"-Mitglieder im Jahr 1869. Der Roman wurde zudem von dem Buch der Offenbarung beeinflusst.

Die Dämonen



Die Handlung des Romans findet in einer russischen Provinz, vor allem auf den Gütern von Stepan Verkhovensky und Varvara Stavrogina statt. Stepans Sohn Pyotr ist ein aufstrebender revolutionärer Verschwörer, der versucht, Revolutionäre in der Umgebung zu organisieren. Er hält den Sohn von Varvaras Sohn Nikolai Central für sein Grundstück an, weil er denkt, dass Nikolai das Sympathie für die Menschheit fehlt.

Der Roman ist in drei Teile untergliedert. Der erste stellt die Charaktere vor, v. a. den gebildeten, an klassischen Idealen orientierten Schöngeist Stepan Trofimowitsch Werchowenskij, der als ehemaliger Hauslehrer ihres Sohnes und Freund bei der vermögenden Witwe Warwara Petrowna Stawrogina lebt. Im zweiten Teil werden die Konflikte zwischen den Protagonisten entwickelt, die im dritten schließlich zum Ausbruch kommen.

Die Handlung spielt in einer namentlich nicht genannten Provinz nahe Sankt Petersburg und wird von dem Beamten Anton Lawrentjewitsch, einem Freund Stepans, erzählt, der einige Ereignisse und Gespräche selbst mitverfolgt hat, meist aber über die Vorgänge indirekt, durch Augenzeugenberichte, informiert wurde. In vielen Kapiteln tritt diese formale Konstruktion hinter einer polyperspektivischen Darstellung zurück.

Die Wurzeln der Dämonen und des Bösen sind Dostojewski zufolge in einer Epoche zu suchen, die die Persönlichkeit des Einzelnen inthronisierte und dem Individualismus des EInzelnen das Wort redete, der schließlich zum bedingungslosen Narzissmus pervertierte.

Im Vergleich zu seinem Roman »Der Idiot« mit seinem herrlich-naivem Christus-Narren Myschkin, dem Hamlet-artigen Raskolnikow oder dem grundsympathischen Karamasow-Säufer fehlt es an Identifikationspotential mit den Figuren. Der Roman bleibt insgesamt eher philosophisch-abstrakt, wie die Theorien von Saint-Simon, Bakunin, Kropotkin oder Feuerbach, von deren Ideen und prometheischem Eifer die Figuren förmlich gepackt werden. Es bleibt vor allem die unruhige, ideologisch aufgehetzte Atmosphäre hängen: Ein literarischer Nervenzusammenbruch erster Güte. Trotz allem gelingt es dem Autor jeder Idee oder jedem Standpunkt seinen Rang einzuräumen (das typische Merkmal eines Dostojewski-Romans), ohne sie im Vorhinein zu verurteilen.

Die »Dämonen« sind das schwierigste, gleichzeitig aktuellste Großwerk Dostojewskis. Unter Dostojewskis vier großen Roman-Tragödien ("Karamasow", "Der Idiot", "Schuld und Sühne") ragen die "Dämonen" als das pessimistische, unzugänglichste Werk hervor, markieren sie doch den Wandel des Autors zum Tiefreligiösen und Altgläubigen. Wie immer bei Dostojewski verfolgen wir die rastlosen, machiavellistischen Figuren dabei, wie sie sich selbst und ihre Mitmenschen verzehren.

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